Montag, 30. August 2010

Wieso?

Schaut man von drinnen durch ein Fenster nach draußen,

dann erscheint es oft,

dass es stärker regnet, als es regnet.

Außer heute.

Es regnet wirklich Bindfäden.

24 Stunden ununterbrochen.

So, wie wenn man sagt: es gießt vom Himmel wie aus Eimern.

Die Fenster in Tränen.

Große Tropfen rinnen durch kleine Tropfen nach unten.

Als Kind konnte ich dies gefesselt beobachten.

Wenn ich krank war oder mich langweilte,

dann starrte ich auf das Kriechen der Tropfen über das Glas,

die nicht vorhersehbare Wege glitten.

Regen weiß nicht, dass er regnet.

Er tut es einfach.

Fragt keinen.

Er gießt ganz einfach drauflos,

ob als Niesel- oder als Platzregen.

Beginnt und endet ganz nach Belieben.

Letzte Woche hatte er freie Hand in Pakistan,

weil der arme Mensch dort, um sich zu erwärmen,

beinahe alle Bäume abgeholzt hat,

damit nicht mehr genug Wurzeln da waren,

die das Wasser austrinken

oder aufhalten konnten.

Millionen von Menschen trieben ab.

Das Wasser weiß nicht, dass es fließt.

Immer wieder hin zum Meer.

So wie noch vor kurzem in Polen.

Es donnerte entlang alter Städte.

Alles in seinem Lauf verschlingend.

Eine braune Masse suchte ihren Weg

hin zu manchem Tal.

Ständig schneller.

Über Straßen, Autobahnen.

So rasend, weil die Flussbetten gepflastert und betoniert waren,

weil die Rinnen unter Asphalt verschwunden sind.

"Heimsuchung der Naturkatastrophen" riefen die Schlagzeilen.

Das Meer weiß von nichts.

Es steigt, es fällt

es brüllt, es rauscht,

es kann so still sein,

wie die Tropfen an meinem Fenster.

Montag, 23. August 2010

Ja, ich will

Im wallonischen Brabant, unter dem Rauch von Brüssel, 

sitze ich auf einem Beichtstühlchen in der kleinen Kapelle.

Draußen sind es 28 Grad, 

innen ist es katholischen frisch. 


Ich lausche einem Geiger, der, begleitet von einem Pianisten, 

so maßvoll wie möglich durch ein paar Capriccios flitzt. 

Heute werden die flämische Stephanie und der wallonische Gaetan heiraten. 

Er ist ein Cousin meiner Frau Gaëtane, sie wird in Kürze meine Nichte. 

Das Kapellchen ist besonders und überall weiß. 

Maria mit ihrem Sohn, Männer mit Mitren stehen auf Sockeln in gefrorener Heiligkeit und schauen hinunter auf die versammelte Familie. 

Weiße Rosen schmücken die Wände, verhüllen den Altar.


Ein Fotograf, dem es sichtbar zu warm ist, fotografiert schnaufend all das,

was ihm vor die Augen kommt. Für später.

Omas, Opas, Onkel, Tanten, Väter, Mütter, Kinder, Enkel, 

jeder im Sonntagsstaat und in froher Erwartung des Brautpaares. 

Pater Denis Kiatula wird die Worte vorgeben,

die gesungen und gesagt werden sollen.

Die Geschichte vom Fuchs und der Rose aus dem kleinen Prinzen 

und aus Korinth 12,31 und 13,10 den Brief von Paulus, das Evangelium des Matthäus. 


Das Brautpaar kommt herein. 

Er am Arm seiner Mutter, sie am Arm ihres Vaters. 

Wir hören Sarah Brightman "No one like you" singen. 

Ich sehe währenddessen, dass die Kapelle im Jahre 1902 renoviert wurde. 

Gaetan begrüßt bewegt und in drei Sprachen, Französisch, Niederländisch, Englisch,

die anwesenden Gäste und Pater Kiatula erklärt danach,

dass die künftigen Eheleute Gott als das Zentrum ihres Lebens sehen. 

Diese einfache Aussage berührt mich,

meine Hand sucht die meiner Frau und ich teile mit ihr etwas,

das in Worten nicht aufzuschreiben ist.

Dienstag, 17. August 2010

Morgen

Ja, Tom, 

der Urlaub ist vorbei. 

Sitze Donnerstagabend 

in einer Talkshow für den VRT. 

Werde dort über unsere kommende flämische Tournee 

und die Vorstellungen von "Juliette" 

im Palais für Schöne Künste sprechen. 

Juliette wird in Französisch gespielt, 

aber mit niederländischen Übertiteln. 

Mach dir also keine Sorgen. 

Werde auch über 

unsere Ausstellung in Brügge berichten, 

die eine Ode an die Gedichte von 

von Selma Meerbaum-Eisinger sein wird. 

Bei der Eröffnung werden Edith und ich 

ihre Verse vortragen und singen. 

Samstagabend spiele ich mit Edith die erste Vorstellung 

einer kleinen Reihe von Sommerkonzerten  

in Deutschland. 

Danach beginnen wir mit den Proben für Flandern. 

Das werden wiederum zunächst 

ein paar Darbietungen nur mit Edith sein, 

dann kommen und Jannemien und Erik hinzu. 

Wir bleiben lange in Antwerpen 

und sind seit 20 Jahren wieder 

im Palais für Schöne Künste

im großen Saal. 

  

Habe während der Ferien 

viel geschrieben. 

Neue Lieder, 

andere Geschichten, 

viel Unsinn eausgedacht. 

Hab auch das Malen nicht einstellen können. 

Werke auf Papier

von der Größe eines Flatscreen. 

Unsere Ausstellung in Emmerich 

wird noch bis 15. oder 16. Oktober gezeigt,

also genug Zeit

um hinzufahren und zu schauen. 

Und falls in Emmerich nicht klappt,

dann haben wir noch eine Ausstellung 

in Oirschot, Brabant.

Irgendwann im Herbst. 

In Kürze wird man einige Fotos sehen können,

die Herr Endermann gemacht hat,

als wir in Emmerich am Rhein aufgebaut haben. 


"Das große Geschichtenbuch von Alfred J. Kwak" 

wurde abgeliefert.

Ein phänomenales Stück Arbeit. 

Letja muss nun nur noch die Zeichnungen zum Verleger bringen 

und scannen lassen. 

Dann wird korrekturgelesen, 

korrigiert, 

gedruckt, 

gebunden 

und zum Buchhandel gefahren. 

Gegen Weihnachten 

erscheint beim selben Herausgeber 

ein Weihnachtsbuch mit dem Titel:

’Der Mann auf dem Schulhof. ’

Es wird mehr oder weniger genauso ein Buch

wie ’Pom Pom Pom’,

’De koe zei boe, de ezel balk, het schaap toen bla’

und ‘Naema’.

Also eigentlich Teil 4. 

Schrieb ebenfalls einen Entwurf 

für ein Kinderbuch, 

das ’Valentin’ heißen soll. 

Im Auftrag eines deutschen Verlages. 

Es ist vorgesehen, dass das Buch 

im Herbst des nächsten Jahres 

erscheinen wird. 

  

Habe heute versprochen, 

zum Geburtstag von meinem alten Kumpel Harry Sacksioni 

im Carré zu singen 

60 wird er.

Nicht zu fassen!

Seh’ ihn noch, 

wie er das erste Mal zu uns kam. 

Wie alt war er da?

20? 

  

Hab’ im Urlaub auch 

27 Bäume gefällt 

und in Stücke zersägt. 

Für den Kamin. 

Jetzt muss ich 100 werden. 

   

Du siehst,

ich war ziemlich beschäftigt. 

Dafür sind Ferien schließlich da. 

  

Bester Tom, 

dies waren die Antworten auf deine Fragen. 

Wir hoffen, dich in Brüssel zu sehen. 

  

Herzlich, 

  

dein Herman

Montag, 9. August 2010

"Haben Sie das Kapital von Karl May?"

Meine Tante Gé, die Schwester meines Vaters,

arbeitete, als ich etwa zwölf Jahre alt war,

in der öffentlichen Bibliothek hinter dem Dom in Utrecht.

Durfte da gerne hinkommen,

um zwischen den Bücherregalen zu schnüffeln.

Ich holte mir von durchhängenden Regalen

mit Vorliebe geheimnisvolle Bücher,

auf der Suche nach für Kinderaugen

ungeeigneten Wörtern, Sätzen,

Passagen, Fotografien und Bildern.

Viele dieser Bücher hätte ich besser zugeschlagen lassen sollen,

denn oft bekam ich von dem, was ich darin sah, schlimme Träume.

Dachte wieder an die Bibliothek meiner Tante Gé, als ich das Buch

"Lady Shatterhand’s Lover und andere Indianergeschichten

aus Bibliothek und Buchhandlung" las.

Das ist eine Publikation von Mediathekar Larry Iburg,

ein Werk voll mit lustigen Vorfällen

aus Bibliothek und Buchhandlung.


Ein zehnjähriger Junge fragte eine Bibliothekarin:

"Fräulein, haben Sie etwas über sicheren Sex und AIDS?"

Die Frau gab ihm eine Broschüre,

worauf der Junge leise sagte:

"Es ist eigentlich für meine Schwester,

aber die traut sich nicht zu fragen.

Da wird sie nämlich rot.

Sie steht dort, die mit dem roten Mantel.

Ich wage mich alles zu fragen."

Die Bibliothekarin holte eine andere Broschüre aus der Schublade,

worauf der Junge begeistert durch die Bibliothek rief:

"Rita, ich hab eine Broschüre über sicheren Sex und AIDS!"


Ein anderes Bürschlein fragte:

"Haben Sie auch ein Buch, in welchem steht,

dass ich intelligenter bin als die anderen Kinder in meiner Klasse?"


Sehe meine Tante Gé schmunzeln.

Montag, 2. August 2010

Kostbar

Jeden Tag ging ich durch die Straße 

und sah sie stehen.

Hinter dem Fenster.

Schamlos

elegant,

ihre Kurven jeden präsentierend,

der sie sehen wollte.

Wie alt würde sie wohl sein?

Wie jung?

Woher kam sie?

Wieviel würde sie kosten?

Während ich sie angaffte,

phantasierte ich, 

was ich alles mit ihr zu tun würde,

wenn ich die Chance bekäme.

In meinen Träumen spielte ich mit ihr.

Verschmolz mit ihr.


Tag für Tag ging ich wieder durch die Straße.

Hab es nicht mehr ausgehalten.

Anstatt sie weiterhin anzustarren,

fasste ich einen Entschluss.

Ich trat ein,

packte sie ungefragt,

stimmte ihre Saiten

und spielte hundertausend Mal.

"Ja, sie ist schön“,

pflichtete mir der Geigenbauer bei.

"Aber teuer."

Mittwoch, 28. Juli 2010

aus dem Gästebuch


Bericht einer Besucherin

Herman van Veen,

65 Jahre in Wort und Bild. 


Ich kenne ihn seit rund 35 Jahren und fragte mich schmunzelnd und neugierig,

wie das wohl gelingen kann. Hat man vielleicht ein Hochhaus gemietet,

um all die Dinge zu zeigen,

die dieser Mann im Laufe seines bisherigen Daseins getan

und auf den Weg gebracht hat?

So fuhr ich an einem hysterisch warmen Sommerfreitag

zur Eröffnung nach dem mir bis dahin unbekannten Emmerich an den Rhein

und war komplett erstaunt. In bahnbrechender Weise ist es allen Beteiligten gelungen, mit einem multimedialen Ausstellungskonzept

und mit hohem ästhetischem Anspruch auf zwei Etagen

einen repräsentativen Querschnitt durch Herman van Veens

bisheriges Gesamtkunstwerk und Engagement zu zeigen.

Man geht und erinnert sich. Trifft bekannte Gesichter.

Freude kommt auf bei gut Vertrautem. Staunen bei bis dato Unbekanntem.

Bildschirminstallationen zeigen wie im Zeitraffer

Bühnen- und Fernsehshows aus über 40 Jahren.

Schöne, aufregende Zeitreise. Oft war man dabei.

Seine Geisteskinder wie Alfred J. Kwak, Colombine oder Jan de Man

sind ebenso vertreten wie die vielen kleinen Brillanten der Theaterkunst.

Mata Hari, Windekind oder auch die Musiktheatervorstellung

'Op een Dag in September' sollen hier stellvertretend genannt sein.

Die schönsten, seiner von ihm ausgewählten Gedichte,

projiziert auf einem Ballon.

Theaterkostüme, Videos, Tischtennisbälle, Fotos, Comics,

Dokumentation seines Einsatzes für Kinderrechte u.v.m.

Wenn man sich umdreht, gibt es Neues zu entdecken,

kommt ins Geplauder mit anderen Gästen.

Gemeinsame Reisen in die Erinnerung.

Hell und exzellent platziert sind die Dinge.

In der unteren Etage liegen tausende Rosenblätter.

Ein unverkennbares Zeichen dafür,

dass Herman van Veen selbst Regie geführt hat beim Ausstellungsaufbau.

Die Frau, die die Rosen zerpflückte, muss noch heute duften, denke ich.

Ich selbst war am meisten von seinen Gemälden angetan.

Man könnte meinen, sie stehen in wunderbarem Kontrast

zu dem höchst präsenten, vielfältigen Sänger, Erzähler,

Musikanten und Harlekin auf der Bühne

und machen doch das Spiegelbild erst komplett.

Großformatig sind die Werke meist und farbintensiv,

aber zugleich niemals erschlagend.

Da schwelgt ein Mann in Farbe und Ästhetik,

da ist er im Rausch und kann wohl nicht anders.

Nichts scheint dem Zufall überlassen, doch simultan fühlt man,

dass der Künstler kein Ziel gehabt haben kann.

Das Thema entstand beim Malen.

Er stieg in die Leinwand und wurde eins mit dem Bild.

Alles Erfahrene und Künftige tönt in Dur und Moll aus der Farbe.

Ein bisschen irritieren mich einige Titel.

Mag es lieber, wenn ich das Bild erzählen lasse.

Ich kann ihn mir beim Malen gut vorstellen.

Musik im Kopf, Poesie, Erinnern, Träume, sein Sinn für klare Schönheit,

Sehnsucht und auch die Trauer, das alles findet sich wieder in den Bildern,

die ich mit einem Wort beschreiben kann: Harmonie.

Zwei mochte ich besonders:

Ein etwas kleineres Werk. Schwarz mit gespachtelter Struktur.

Ähnlich verbranntem Holz und in der Mitte leuchtet durch einen Spalt

hindurch ein enorm glühendes Rot gleich einem: ‚Trotz alledem’.

Ich sagte es ihm. Wir schwiegen ein bisschen.

Und dann ist da noch ein helles Graues.

Sehr groß und an stiller Eleganz kaum zu überbieten. Es ist die Ruh.

Herman malt noch nicht allzu lang. Doch seine Werke,

die oft mit eigenen Wortfragmenten, filigranen Linien

und organischen Elementen vollendet sind,

werden mehr und mehr zu unverkennbaren Van Veens.

Es gab einen Augenblick, da saß er allein auf einem Stuhl,

hielt die Augen eine Weile geschlossen.

Neben ihm ein riesiges Gemälde. Rot in Rot in Rot.

Sein Gemälde. Das Rot hatte sich auf seinem Gesicht verfangen.

Er schien in Liebe getaucht. Hab den Moment genossen.

Ich kannte seine Mutter nicht, doch ich weiß, wie er enorm er sie liebt.

Hab mir den Bildtitel nicht gemerkt. Ich aber hätte es 'Mutter' genannt.

Kurzum: Wer mag, der sollte nach Emmerich an den Rhein kommen

und staunen, entdecken, erinnern, planen. Es lohnt sich.

Ist das ein Lebenswerk? Ich bezweifle das. Lebensabschnittswerk wohl eher,

denn Herman van Veen arbeitet schon wieder an neuen spannenden Dingen,

setzt sich weiterhin für die Kinderrechte ein und wie ich weiß,

entstehen auch schon neue Malereien.


Danke an alle im Hintergrund und Herman van Veen.


Man sieht sich.

Eine Besucherin

Montag, 26. Juli 2010

Leckere Häppchen

Südfrankreich ist zu sonnig, um schwermütig zu sein. 

Keine fruchtbare Umgebung also für einen Dichter, 

der seine Inspiration unter dunklen, tief hängenden Wolken 

über einem flachen Land findet. 

In den Bergen, unter stahlendblauem Himmel, 

sitze ich auf einem großen Stein am Rande eines Sees 

und schaue auf eine Schule dunkler Forellen,

die mit ihren schlanken Körpern 

wie eine Formation zärtlicher U-Boote 

ruhig gegen einen unsichtbaren Strom schwimmen.

Ich zähle eins, zwei, drei, 

einhundertsechs, zweihundertachtzehn, 

dreihundertsechsundzwanzig.

Oder doch dreihundertzweiundzwanzig?

Auf ein unsichtbares Zeichen hin 

schwimmen die Forellen geschlossen nach rechts,

um kurz darauf alle zugleich nach links zu schwimmen. 

Habe einst jemanden, der darüber Bescheid wissen müßte, 

gefragt, wie es sein kann, dass die Fische wie von Zauberhand 

alle gemeinsam und gleichzeitig die Seiten wechseln. 

"Sie folgen dem dicksten Fisch", lautete die Antwort. 

Ich kann das nicht glauben. 

Eine dieser Forellen muss ein Signal gepfiffen haben,

ein Geräusch, das für Menschen unhörbar ist.

Ein Funkeln im Wasser, 

ein Augenaufschlag, 

die Bewegung einer Flosse. 

Sahen sie alle gleichzeitig denselben Leckerbissen? 

Auf jeden Fall finde ich es enorm schön, 

Hunderte Fische wie dunkle Fähnchen 

unter Wasser langsam wehen,

umkehren, sich drehen und verschwinden zu sehen. 


Ein blaugrünes Insekt streift nah überm Wasser. 

Patsch. 

Eine Forelle springt hoch über die Oberfläche 

und verschwindet zappelnd in der Luft.

Wo bleiben die anderen? 

Warum springen sie ihr nicht nach? 

Hey, ihr Fische, ihr seid Hunderte. 

Er ist nur allein. 

Warum labt ihr euch jetzt nicht an dem

Fischer?

Montag, 19. Juli 2010

Überwuchert

Tsead Bruinja ist ein friesischer Dichter.

Er ist jetzt so alt, wie ich war, 

als mein Vater so alt war, 

wie ich jetzt bin.

Ein junger Mann also.

Tsead schreibt seine Gedichte oft in friesischer Sprache, 

häufiger jedoch auf Niederländisch.

Fand vor ein paar Jahren 

einige seiner Bändchen 

in einem Buchladen 

hinter der Großen Kirche in Antwerpen.

Habe inzwischen schon ein ganzes Stapelchen, 

worin ich gerne stöbere.


Mit der Post bekam ich sein neuestes Werk.

’Überwuchert’.

Vierundsiebzig Seiten Worte.

Auch realisiert durch ein Arbeitsstipendium 

aus dem niederländischen Letterfond.

Ein Willem schreibt auf der Rückseite:

"Tsead ist ein Dichter

der zärtlich und liebevoll singen kann, 

aber auch robuste, rauhe Bilder 

und Klänge verwenden kann.

Sanftmütig und derb.

Eine streichelnde Hand und eine Faust ... "


Daneben steht das Gedicht "Licht".


Da ist Licht

und etwas, das dazwischen steht

 

Eine Wand

Eine Figur

 

Ein Leben lang

bist du unerreichbar

 

Ballst deine Fäuste

bedeckst ein Grab

 

mit deinem ganzen Körper

 

Verdunkelst das Loch

einer Tür

 

Da ist Licht

etwas, das dazwischen steht

 

und da ist ein Weg

auf dem du deine Habseligkeiten hinterlässt

 

Da ist Licht,

das dir etwas erzählen will

 

Geh fort

Lass liegen


Sei wachsam


Bei Tsead scheinen die Worte zu leben.

Sie verändern.

Bin ich fröhlich,

dann lesen seine Texte mich traurig.

Ich bin traurig,

dann lesen seine Worte mich froh.

Sonntag, 11. Juli 2010

„Den König von Spanien habe ich allzeit geehrt.“ *

Am Vorabend des WM-Finales zwischen den Niederlanden und Spanien

wird gegenwärtig in den Zeitungen,

im Internet, Radio und im Fernsehen

unseres Landes lebhaft über die Spielweise von Orange diskutiert.

Oder es ist, wie eine genervte Mutter in einer Morgenzeitung verlauten ließ,

"Das selbstgerechte Geschwafel der Männer".


Die Frage, um die es geht, ist die:

Soll Holland Weltmeister mit Resultatsfußball

à la Meuchelmord-Catenaccio werden, so wie Italien das spielt

oder sollen wir lieber mit individualistisch künstlerischem Fußball verlieren,

wie es die Niederlande beispielsweise im Jahre 1974 tat?

Das Bestreben nach Würdigung des Fußballstils wurde kürzlich von einem Hausarzt als holländische Krankheit bezeichnet:

Wir sind gut, wir sind besser, wir sind die Besten -

also Zweite.

Après vous.


Es scheint eine Diskussion zwischen Generationen

Fußballbaby-boomern und zeitgenössischen Neo-Pragmatikern zu sein.

Ich würde als informierter Laie vorschlagen:

Lasst uns wie die Freibeuter spielen.

Wie die Männer, die einst im Achtzigjährigen Krieg (1568-1648)

gegen Alvas Eroberer gefochten haben.

Mit allen Mitteln.

Unzulässigen und zulässigen.

Ohne Stil.

Und dass am Ende der Beste

nach Verlängerung und Elfmeter

gewinnen möge.

Hup Spanien! Holland Hup!


* Der Titel ist eine Zeile aus unserer Nationalhymne

Montag, 5. Juli 2010

Patricia

Sitze auf der Terrasse vom, wie die Broschüre sagt,

Leading Small Hotel Hugenpoet,

unter dem Rauch von Essen.

Nach einem langen Tag.

Früh raus, mit dem Auto nach Goch,

kurz über die deutsche Grenze bei Nijmegen,

für eine Pressekonferenz über den Aufbau des Alfred Jodocus Kwak-Hauses.

Ein Ferienhaus für Familien mit Kindern,

die mit ihrer Gesundheit zu kämpfen haben.

Das Haus kommt, wenn das Geld dafür gefunden wird,

in eine wunderschöne Lage, nur wenige Gehminuten von See und Wald.

Achtzehn Häuser sollen es werden,

Wohnungen, die wie ein Fächer  um das "Biosphären Haus"

in Form eines riesigen Wassertropfens liegen.

Angelehnt an den Text des Alfred Jodocus Kwak-Leibliedes:

“Plätscher, plitscher Feder, Wasser mag doch jeder,

geh schon mal nach Haus, ich kommt ein Tröpfchen später”.

“Heilpädagogisch, ökologisch beispielhaft und vor allem:

für Kinder sinnlich lebensnah”,

so erklärt es ein Professor der versammelten Presse. 


Meine Gedanken wandern zu Patricia.

Sie schrieb mir einst einen Briefchen.

"Herr van Veen, können Sie nicht einmal bei mir vorbeikommen?

Ich bin in der Wilhelmina Kinderklinik in Utrecht.

Die Ärzte sagen, dass ich nicht mehr lange leben werde.

Könnten Sie nicht vielleicht ein Liedchen für mich singen? Das wäre schön.“


Das Mädchen war so krank, dass es nicht ohne die Geräte überleben konnte.

"Kannst du hier denn niemals weg, auf Urlaub?“, fragte ich.

"Ja", antwortete sie,

"wenn die Geräte und die Menschen, die sie bedienen, mitkommen können.

"Und gibt es einen Ort, wohin du dann gehen könntest?"

Nicht, dass jemand davon wüsste.


Hab Freunde angerufen, Firmen, Organisationen.

Wenn es dafür nichts gibt, muss etwas gefunden werden.

Ein Haus, in dem Mädchen wie Patricia etwas Schöneres

als Krankenhauswände und Fenster mit Blick auf parkende Autos genießen können.

Es sollte möglich sein!

Aber es würde Jahre länger dauern, als Patricia noch zu leben hatte.

Ich musste es ihr sagen.

Sie schaute mich mit erstaunten Augen an, ergriff meine Hand

und kniff mich so, wie nur Mütter das können.

Wie es geschah, weiß ich nicht.

Aber als unser Colombinehaus in den Niederlanden eröffnete,

war Patricia entgegen allen Erwartungen, unser erster Gast.

Und ist in der Urlaubsnacht in unserem Haus gestorben.

Dachte heute an sie, während die Männer sprachen.

Ich hoffe, dass das schöne neue Haus in Goch

für kein Kind jemals zu spät kommt.


Info: www.alfredjkwakstiftung.de oder www.hermanvanveenfoundation.nl