Brief eines Bankers
Montag, 20. April 2009

Brief eines Bankers

oder: „Das alte Lied"


Es flossen etliche Millionen, 

wer hätte das denn je gedacht,

ohne Ihr Vermögen zu verschonen,

in meine Tasche über Nacht.


Ich danke Ihnen fürs Vertrauen,

Sie folgten willig meinem Rat,

doch Sie verstehn, jetzt muss ich schauen,

wo ich was krieg, notfalls vom Staat.


Ich danke meinen Aufsichtsräten,

auch sie vertrauten mir stets blind,

wirksam beruhigt durch Diäten,

doch nun weht hier ein andrer Wind.


Auch ich bin Opfer dieser Krise,

mein guter Ruf ist angekratzt,

doch wüsste nicht mal Adam Riese

präzise, wann die Blase platzt.


Ich denk an Sie und Ihre Gaben,

wenn ich in Ruhe einen kipp,

wenn Sie was für mich übrig haben,

ich hab da einen tollen Tipp …

Danke
Dienstag, 14. April 2009

Danke

Alle sind wieder zu Hause.

Karin in Amerika,

Jaconell und Johan in Südafrika.

Wir wieder in Soest, in Amsterdam,

in Zeist, in Utrecht.

Wir waren eine Woche lang zusammen

in der ältesten Stadt Belgiens, in Tongeren,

um an der Musiktheatervorstellung

„Een dag in september“

zu basteln.


Nach jahrelanger Vorbereitung

kam alles zusammen.

Die Worte, die Musik, die Bilder,

die Kostüme, das Licht, der Ton,

die Requisiten, die Menschen.

Wir haben unermüdlich gearbeitet.

Tagsüber vor allem mit Hilfe von Kaffee und Wasser,

nachts mit Hilfe von Wein.


Wir haben drei Tryouts gespielt.

Beim ersten alles hintereinander,

beim zweiten alles durcheinander,

beim dritten in der richtigen Ordnung.

Ich werde diese Woche nicht mehr vergessen, habe sie genossen.

Bin stolz auf das Ergebnis, dankbar für die Reaktionen.

Freue mich auf das, was im Sommer in Detmold passieren wird,

wenn die anderen kommen.

Wenn es nur halb so schön wird, dann hat es sich schon gelohnt.


Karin, Jaconell, Johan, Hein, Edith,

Anneke, Dieuwertje, Merlijn, Michiel, Nina,

Max, Fleur en Fleur, Linnet, Margriet, Henriëtte,

René, Elisabeth, Gemma, Roel, Eva

und allen von der Velinx in Tongeren:

Danke.


Herman

Dienstag, 14. April 2009

Einfache Fahrt Tongeren-Den Haag

Bahnhof Tongeren.

Ich schaue zurück auf eine märchenhafte Woche.

Die Vorstellung ist - wie wir schon selber sagen - toll geworden,

Kinder und Eltern waren sprachlos und wir eigentlich auch.

Den Anfang empfand ich als einen der schönsten Momente der Vorstellung.

Wir sitzen dann im Saal verstreut mit schwarzen Mänteln und  Regenschirmen,

Merlijn lässt es regnen.

Es ist wunderbar, zu sehen, wie wenig man manchmal braucht, um Kinder

zu amüsieren.

Kurz frech blicken, den Regenschirm überm Kopf zuklappen, wieder öffnen, etc.

Ein guter Anfang der Vorstellung, damit man gleich schon eine Verbindung mit dem Publikum schafft.


Dann geht das Saallicht aus, und es beginnt das Märchen.

Es ist vorbei, bevor wir und das Publikum es richtig merken.

Mit einem bisschen Glück  steht die Vorstellung demnächst im Internet,

so dass Sie sie auch in Ihrem Wohnzimmer genießen können.

Im Sommer arbeitet Herman sechs Wochen mit einer großen deutschen Besetzung weiter an der Vorstellung.

Aber erst reisen er und Edith, mit Geige und Gitarre bewaffnet,

noch über Apeldoorn nach Deutschland, von Deutschland nach Arnheim

und über New York schließlich nach Den Haag.


Wie wird das Wetter da sein?

Für einen Sprung ins Meer ist es noch ein bisschen zu früh,

aber ein Spaziergang in den Dünen wir mit gut tun.

Ich bastele in der kommenden Zeit in aller Ruhe an meiner Solovorstellung,

und auch Alfred wartet aufs Wassertreten.

Eine Vorstellung ist eigentlich eine Meditation.

Eine Übung im Hier-Sein, Nicht-vom-Weg-abkommen, im sich auf die Geschichte konzentrieren.

Richtig hinschauen und zuhören, nicht als Endziel, sondern als  konstanter Prozess.

Der Weg ist wieder etwas trittfester geworden,

der Sandweg zwischen meinem Kopf und meinem Herzen,

meinem Denken und meinem Wissen,

zwischen Glauben und Erleben.

Herman arbeitet noch jeden Tag knallhart daran, diesen Weg zu pflegen,

obwohl er bei ihm eher einer dreispurigen Straße gleicht.


Der Zug rast weiter.

Langsam wird die Landschaft flacher und flacher.

Wie gut werde ich heut Abend schlafen.

Theofilius die Schneeeule uhuht mich in den Schlaf.


Max

Anders
Montag, 13. April 2009

Anders

Mein Enkelsohn,

der glücklicherweise genau wie sein Großvater

Fußball liebt,

wurde zu seinem Geburtstag von seinem Onkel,

meinem Sohn,

eingeladen, gemeinsam mit seinem Vater

zu einem Weltmeisterschaftsqualifikationsspiel der niederländischen Elf

gegen Mazedonien zu gehen.

Der Wettstreit wurde in Amsterdam ausgetragen,

im Stadion von Ajax.

Nicht mein Club.


Großvater, zwei Söhne, Enkelsohn, Schwiegersohn und Schwiegertochter

vereinbarten, sich am Haupteingang zu treffen.

Zu sechst liefen wir vor dem Spiel

mit Tausenden die Treppen hoch in unseren Rang.

Mein Enkelsohn trug zwei riesige orangefarbene Plastikklatschohren.

Orange, die Farbe unseres königlich spanisch-deutschen Mischlingsbluts.

Wir bescheiden uns mit hier und da einem Klecks Jaffa-Farbe.

Um uns herum eine johlende Mehrheit

orange herausgeputzte und ausgelassene Fußballfans.

Auffallend viele Väter und Mütter mit ihren Kindern.

Auch erstaunlich viele Ausländer, Surinamer, Antillaner,

Indonesier, Marokkaner, Türken, Polen.

Sah orange verschleierte junge Moslemfrauen.

Von überallher waren sie gekommen.

Transparente mit “Viel Glück aus Dedemsvaart”.

“Macht das Ding! wünscht Kerkrade”, „Hopp Holland! aus Middelburg“,

„Niederlande Weltmeister“ von einem Koos aus Dordrecht,

„Wir fahren nach Afrika. Ibrahim ist der Beste“, meint Aissatti aus Utrecht.

„Babel muss spielen“ las ich auf der Stirn eines tiefschwarzen Mannes.

Überall um uns herum saßen zwischen den unverkennbaren Holländern,

die alten neuen und die nagelneuen Niederländer.

Jeder sang mit jedem.

Jeder trank mit jedem.

Jeder stand auf,

als die Spieler aufs Feld kamen.

Jeder jubelte beim 1:0, 2:0, 3:0, 4:0.

Ein Mann aus der Türkei, der hinter mir saß,

tippte mir bei jedem niederländischen Tor

fröhlich auf meinen kahlen Schädel.

Mein Enkelsohn saß mit roten Wangen

zwischen seinem Opa und seinem Vater.

Er hatte sich fest vorgenommen,

einst in der niederländischen Elf zu spielen.

Nach dem Spiel gab es daran keinen Zweifel mehr.

Als Niederlande zum vierten Male trifft,

springt ein Antillaner vor mir herum

und ruft etwas unverständlich Glückliches,

was von einem Marokkaner,

in einem für mich anmutenden Kauderwelsch,

bestätigt wird.

Sieben Jungen aus Volendam, holländischer geht’s nicht,

mit ihren großartigen Ohrringen,

fallen einander um den Hals und sprechen eine Sprache,

die ich selbst als 64jähriger Niederländer nicht verstehe.

Wohin ich auch schaue, was ich auch höre, jeder ist anders.

Und darum ist niemand anders.

Es ist schön.

Es ist vielversprechend.

Hopp Holland!

Donnerstag, 9. April 2009

Ein Mittwoch und Donnerstag in Tongeren

Frühstück im Hotel.

Herman liest die Zeitung, reißt einen Artikel aus

über eine noch auf den Markt kommende Anti-Juck-Medizin.

Gibt ihn mir, dem Kratz-Junkie.


Gestern Abend beim Essen drehte ich durch wie ein kleines Kind.

Ein Resultat der stundenlangen Topkonzentration, der kurzen Nächte und des Kaffees (trinke ich normalerweise nie).

Ich warf meinen Pass durchs Restaurant, fiel vom Stuhl,

kroch durch das Restaurant durch die Schlagsahne meines Bananensplits.

Ist natürlich nichts Besonderes, aber solche Aktionen

scheinen doch immer groß genug, um den Laden ein bisschen durcheinander zu bringen.

Einige Leute sind schon ein bisschen irritiert,

und eigentlich will ich dann weitermachen bis zum dem Punkt,

an dem es wirklich nicht mehr schön ist.

Zum Glück kommt ich den Impuls unterdrücken, einen Fünfzig-Euro-Schein zu schreddern.


Ria, die Besitzerin der Kneipe, in der wir nach den Proben abchillen,

erzählte mir, wie sie einmal

einen 24 jährigen Mann vom Selbstmord abbringen konnte.

„Siehst du die Sonne?“ fragte sie ihn, „Schön, was?!“

Er nickte.

„Zu schade, dass du sie morgen nicht mehr sehen wirst …“

Vor zwei Wochen – er ist jetzt dreißig –

kam er, um zu berichten, dass er Vater geworden ist.


Auf der Bühne hängen zwei große Wetterballons,

die Sonne und der Mond.

Ab und zu ertönt eine Stimme aus dem Nichts,

alle kriegen einen Mordsschrecken:

„Die Gitarre fällt fast um!“

Die Stimme Gottes?

Nein, es ist die Stimme von Merlijn,

unserem Tonkünstler,

der durch das Mikrophon in seiner kleinen Tonkabine spricht.


Manchmal kann ich schon flennen, schreien und fliehen.


Wenn man Spitzensport betreibt, wie wir diese Woche,

kommt man an seine Grenzen.

Zum Glück ist Herman bei diesem Projekt

außer Autor, Regisseur, Erzähler und Darsteller

auch ein Pädagoge, der uns über die Grenzen bringt.

An erster Stelle im Interesse der Geschichte,

die erzählt werden muss.

Dass das manchmal eine Kraft in einem hervorzaubert,

die man von sich nicht kannte,

ist eine schöne Nebensächlichkeit.


Ich würde gerne noch mehr schreiben über all das, was ich in diesen Tagen als Mensch und als Darsteller lerne,

aber ich tippe das auf einer flämischen Tastatur,

und die ist anders als unsere –

das A ist an der Stelle des Qs,

das B ist da, wo bei uns das M ist, usw. –

wodurch jeder Gedanke ungefähr zehn Minuten kostet.

Und in fünf Minuten beginnen wir mit einem Durchlauf.


DIEUWERTJE! WO IST MEIN ZYLINDER??


Max

Donnerstag, 9. April 2009

Ein zweiter Tag in Tongeren

Heute Morgen machten wir da weiter, wo wir gestern aufgehört hatten.

Jetzt, um 23:30 Uhr, während die Stadt Tongeren

langsam einschläft,

der Barmann dem Namen seiner Bar

mit einem gewaltigen „Moustache“,

einem wohlgeformten Bart,

alle Ehre macht,

erholen wir uns von einem schönen ausgefüllten Tag.


Energie und Geschwindigkeit sind für mich die Schlüsselworte dieses Tages.

Wir rannten, sprangen, drehten uns, über und hinter der Bühne.

Alle Fragmente wurden immer mehr ein Ganzes,

die Erzählung erwachte zum Leben.

Schön zu sehen, wie mit so vielen tollen Menschen

an der Vorstellung gebaut wurde.

„Sorg dafür, dass die Techniker genug essen und trinken“,

sagte Herman am Ende des Tages.

Das vergessen sie, sie machen einfach weiter.“


Bevor wir anfangen, stehen die Techniker schon wieder ein paar Stunden auf der Matte.

In unserer Pause setzten sie das Licht

und fegten tausende silberne Papierschnipsel von der Bühne.

Auch Dieuwertje und Anneke von der Produktion

liefen nach ein paar Stunden Schlaf schon wieder auf vollen Touren.

Kostüme wurden anprobiert und dann gab es einen kompletten Durchlauf.


Morgen erst einmal mit einem Kaffee für die Techniker anfangen

und mit noch mehr Freude, Schweiß und Liebe weiter arbeiten.

Doch jetzt eine gute Nacht und morgen einen neuen Tag in Tongeren.


Linnet van der Wal

Lamm
Montag, 6. April 2009

Lamm

Die Sonne geht auf.

Nebel hängt tief über dem Polder.

Vögel beginnen zu zwitschern.

Ein Specht drillt in einen Baum.

Unter der Trauerweide kriegt Mama Mufflon ein Lämmchen.

Es strömt außer Atem, so scheint es, geräuschlos auf den Boden.

Die Mutter leckt es ab.

Einige Hirsche kommen neugierig schnuppern.

Vater Schafbock bleibt auf Distanz.

Schwester Mufflon zeigt kein Interesse.


Der Nebel hat sich verzogen.

Die Sonne strahlt.

Das soeben geborene Lämmchen

steht wacklig auf seinen hohen Beinchen.

Läuft mit vorsichtigen Hüfchen

durch das nasse Gras.

„Wer ist das da?“, sehe ich es denken.

Es läuft zu seinem Vater,

riecht an seinem Hinterteil.

Irritiert dreht sich der Mufflonbock um

und stößt seinen gerade geborenen Sohn

mit seinen gefährlichen Hörnern von sich weg.


Das Tierchen fliegt hoch durch die Luft

und fällt zwei Meter weiter

schwindelig auf die Erde.

Ich denke, dass es nie mehr aufsteht.

Kurz darauf rappelt sich das Lämmchen auf

und taumelt zur Schwester seiner Mutter.

Schnuppert ihr unterm Bauch herum

auf Suche nach einer Zitze.

Auch seiner Tante missfällt das.

Sie rammt das kleine Tier in die Seite.

Ein Schrei.

Das Neugeborene stürzt nieder.

Als es liegt, bohrt die Schaftante mit ihren spitzen Hörnern

in den zerbrechlichen Lämmchenleib.

Ich will über den Zaun springen

und den Tieren einen Fußtritt verpassen.


Wieder steht das Lämmchen auf.

Wie ein Betrunkenes schwankt es nun zu seiner Mutter.

Die beschnuppert kurz ihr Kind

und grast dann gleichgültig weiter.

Erneut läuft es zu seinem Vater.

„Mach das nicht!“, rufe ich.

Ich befürchte, dass er es diesmal zu Tode rammt.

Aber nein, es rappelt sich abermals auf

und kriegt nun gleichzeitig

auch noch die Hörner seiner Tante in sein Bäuchlein.


Nach ungefähr einer Stunde

und einer kaputten Unterlippe

hat das Lamm seine Lektion gelernt.

Das jenige Schaf, das es nicht wegstößt,

ist seine Mutter.

Hat Milch und warmen Schatten.


Fünf Tage später.

Die Sonne scheint.

Ein kleines Mufflon

bockt fröhlich durch die Weide.

Es kommt ihm nicht mehr in den Sinn,

bei seinem Vater Milch zu suchen.

Es läuft nicht mehr so mir nichts, dir nichts

einem Tier hinterher, das es nicht kennt.

Geschweige denn zu dem Mann am Zaun,

der jeden Tag schauen kommt.

Tag 1 in Tongeren
Montag, 6. April 2009

Tag 1 in Tongeren

Verglichen mit dem Theatersaal in Tongeren,

wo wir die Vorstellung „Een dag in september“ zusammenstellen,

ist die Schaapskooi, wo wir die Woche davor probten,

ein Wohnzimmer.

Da war man in zwei Schritten auf der Stelle,

hier rennen wir uns kaputt.

Karin, der südafrikanische Star in unserem Team, stöhnte:

„Ek gaan gewig verloor“ (Ich werde abnehmen).

 

Wir machen diese Vorstellung mit achtzehn Menschen -

Technikern, Tänzern, Schaupielern, Musikern.

Es ist wie Arbeiten an einem Filmset:

viel Warten und hundertprozentig da sein, wenn man an der Reihe ist.

Absprachen einhalten: links auf-, rechts abtreten,

schwarzer Mantel, Hut auf, Hut ab.

Um schließlich ganz allein ein Märchen zu erzählen.

 

Eigentlich genieße ich nur total.

Wir haben eine super Gruppe voller offener und lieber Menschen,

vor und hinter den Vorhängen.

Tongeren ist toll, und mit Herman und Edith spielen zu dürfen,

ist für mich ein Jugendtraum, der wahr wird.

Alle sind fest entschlossen, eine großartige Vorstellung daraus zu machen,

obwohl diese Probenwoche offiziell „Workshop“

und die Vorstellungen „Try-outs“ genannt werden.

 

Jetzt sind wir dabei, uns von unseren Proben zu erholen,

und ich krieg den Auftrag von etlichen Leuten,

diesen Computer jetzt dazu zu gebrauchen, um zu googeln:

„Pizzadienst Tongeren“.


Es wird schwer gearbeitet.

 

Max

Dienstag, 31. März 2009

Die Frau ohne Kopf

In meiner Gardarobe hängt ein Foto von einer Statue.


Eine aus Gestein gemeißelte Frau

ohne Kopf und ohne Hände,

starrt, ihre abwesende Hand in ihre Hüfte gestützt,

auf das graue Rotterdamer Wasser.


Sie lehnt auf ihrem rechten Bein und

wartet, so glaube ich.

Sie ist nackt, hat feste Brüste,

einen runden Bauch, kräftige Beine.

Steht mit einem Fuß auf einem unvollendeten Stück Marmor.


Ja, sie wartet.

Auf wen wartet sie und wo ist ihr Kopf? 

Was ist mit ihren Händen geschehen?

Wie lange steht sie da schon?


Auf alle Fälle schon lange genug,

um dem Bildhauer Gelegenheit gegeben zu haben,

sie so in Stein zu verewigen.


Wartet sie auf einen Seemann, der von seiner Reise zurückkommen muss?

Oder auf einen Freund, der in der Fabrik gegenüber arbeitet?


Wartet sie auf einen Kunden, einen Unglücksraben,

um ihn für ein paar Gulden von der Spannung

in seinem Leib zu befreien?


Ist sie einsam? Überlegt sie, sich zu ertränken?

Wie heißt sie? Woher kommt sie?

Hat sie Kinder? Ist ihr nicht kalt?


Sie scheint nicht alt zu sein.

Ich schätze sie Mitte dreißig,

sozusagen in der Blüte ihres Lebens.


Seit zwei Wochen sehe ich sie über meinem Schminktisch stehen. Unbeweglich schön.


Sie ist da, wenn ich von zuhause komme oder in der Pause,

wenn ich aus der Dusche trete und auch spät nach Ablauf der Vorstellung. 

Ich rede mit ihr. Sie schweigt.

Und doch scheint es so, als ob sie mich hört.

Wenn ich morgen die vorläufig letzte Vorstellung in Rotterdam spiele,

werde ich sie, bevor ich den Korridor hinaufgehe, fragen: 

"Wartest du vielleicht auf mich?"

Ich verspreche dir, dass ich zurückkommen werde.

Die Königin
Dienstag, 24. März 2009

Die Königin

Vor etwa 10 Jahren

stand bei uns ein Mann in der Tür,

so in den 70er Jahren,

in blauem Overall

gelben Holzschuhen,

und schwarzer Mütze,

geradewegs einem frühen Werk

- so schien es -

von van Gogh entstiegen.

Er fragte, ob er ein Bienenvolk auf unser Land setzen dürfe,

weil - so berichtete er –

innerhalb des bebauten Wohngebietes

keine Bienenhaltung mehr erlaubt wäre.

Eine Woche später stand am Rande des Waldes und der Weide

ein tadellos dunkelgrün angemaltes Bienenhaus.

Hunderte Bienen summten rein und raus.

Meinen Kopf unter einer dünnen Gazehaube

und geschützt mit Handschuhen

durfte ich in die Bienendomäne schauen.

Was für ein Hochbetrieb!

Alles flog und krabbelte in einem logischen Chaos

durch- und übereinander.

Ging in all den folgenden Jahren regelmäßig

mit einem Klappstuhl zum Wald,

um das geschäftige Völkchen zu bewundern.

Meinen eigenen Mini-Flugplatz.

Vielleicht ist es nur Einbildung,

aber ich entdeckte im Laufe der Zeit

immer mehr und mehr Blumen.

Als „emsig“ bezeichnet man Bienen.

Zu Recht!

Frühling, Sommer, Herbst -

sie summen tagein, tagaus unermüdlich

mit ihrer fruchtbaren Last nach Hause.

 

Heute ist der erste schöne Frühlingstag.

„Sind die Bienen schon wieder an der Arbeit?“

„Nein“, sagt meine Gärtnerin,

„ich bin in Sorge…“

Wir gehen nachschauen.

Lüpfen vorsichtig die Abdeckung.

Der süße Duft von Honig

strömt uns entgegen.

Was wir sehen, ist untröstlich:

Lauter tote Bienen.

Zerfaserter Honig.

Ein Schlachtfeld.

Das Völkchen hat wohl die Strenge des Winters nicht überlebt.

Oder ist es doch an dem erlegen,

was die Zeitungen schon vorhersagten:

An einer tödlichen Bienenkrankheit?

Wir können es die Bienen nicht mehr fragen.

 

’Bienen sterben aus’,

stand im Winter in der Zeitung.

Ich wollte es nicht glauben.

Was soll die Welt nur ohne Bienen anfangen?

Mit einem traurigen Gefühl in meiner Brust

betrachte ich die toten Beweise.

 

Wir werden ein Briefchen für den Bienenzüchter hinterlassen.

Die Bienenunterkunft muss wieder sauber hergerichtet werden.

Für eine neue Bienenkönigin.

 

Wissen Sie eine, die da wohnen könnte?

Im Namen der Blumen des Gartens

unterzeichne ich mit Hochachtung.