Sauberer Bildschirm
Montag, 16. März 2009

Sauberer Bildschirm

Ich sehe meinen Enkel

von gerade mal sieben Jahren

konzentriert auf dem Sofa wippend

und auf seine Unterlippe beißend

ein mordsspannendes Computerspiel spielen,

in welchem sein Held

jedes Mal kurz darauf

wieder verliert und stirbt.

Er findet das schade.

Pech gehabt.

Mit seinen kleinen Daumen

drückt er dann auf seinen Gameboy.

So erscheint auf dem glatten Bildschirm

ein neues Bild

mit neuen Möglichkeiten

für seinen offensichtlich wiedergeborenen Helden.

 

Woher kann man nun im alltäglichen Leben wissen,

ob es nicht auch für unsere Seelen

so eine „neue Bildfläche“ gibt?

Ich glaube nicht daran.

Bin in dieser Hinsicht nicht viel anders

als meine Mutter.

Sie glaubte, was sie sah.

Was sie berühren konnte.

Riechen.

Umsorgen.

Knuddeln.

 

Glauben ist etwas anderes

als träumen.

Träumen tue ich nämlich wohl.

Für Träume,

von so was Unwahrscheinlichem

wie ein anderes Leben,

gibt es ein besonderes Wort.

Einige nennen das „Hoffnung“.

Der Brief
Montag, 9. März 2009

Der Brief

Die Sonne strahlt, der Himmel ist blau.
Meine Frau fegt schmutziges Wasser
von der Türschwelle,
das auf den Fliesen glänzt.
Ihren Schatten haarscharf reflektierend.
Das Geräusch des Besens
wird vom Wind mitgenommen.
Sie streicht sich ihre Füße ab,
dreht den Hahn zu.
Ein Tannenzapfen plumpst auf den Boden.
Eine Elster schreit.
Einige unbekannte Vögel tschilpen.
Ein fernes Flugzeug.
Ein Mann auf einer Terrasse
schreibt diese Worte
hinten in ein Buch,
das ‚Das Orangenmädchen’ heißt.

Meine Frau streut jetzt Kaminasche
um gerade gepflanzte Pflanzen.
Der Wind legt sich.
Ein Hund bellt.
Eine Taube gurrt.
Ein früher Schmetterling.
Denke an einen Satz,
den ich gerade gelesen habe.
Wie kann ich eine Larve erkennen,
nachdem sie sich in einen Schmetterling
verwandelt hat?
Ich weiß es nicht.
Ein Auto fährt ein Stück weiter
über einen Kiesweg.
Ein Hahn kräht.

Das Buch, das ich lese,
handelt von einem Jungen.
Er findet zwölf Jahre nach dem Tod seines Vaters
einen an ihn gerichteten Brief,
worin der Vater seinem Sohn einige Fragen stellt.
Wie soll der Junge die beantworten?
Und an welche Adresse mailen
oder verschicken?
Frag ich mich.
Hab das Buch noch nicht fertig.
Bin gespannt, an welche Adresse
das Kerlchen die Antworten,
wenn es sie gefunden hat,
schicken wird.
Lese.
Das Universum hat ungefähr fünfzehn Milliarden Jahre gebraucht,
um sich etwas so Wichtiges einsetzen zu lassen wie ein Auge,
mit dem es sich selber sehen kann.
So lange wird es sicher noch dauern,
bis wir Gott sehen können.
Denke ich.

Antworten, Fragen.
Hatte mit schon längst vorgenommen,
nur zu sehen,
nichts anderes als zu sehen,
zu riechen und zu hören -
das unsägliche Wunder
in dem ich lebe.

Das Buch ist aus.
Eine Adresse kam nicht.
Die letzten Worte in dem Buch sind:
Lucky you!
Absender - Jostein Gaarder.
Klon
Montag, 2. März 2009

Klon

Wenn man so wie ich 
Kunst in der Öffentlichkeit darbietet,
in Theatern und im Fernsehen,
dann kann man sicher sein,
dass dich Menschen in Spaßmacherprogrammen,
Playback-Shows und Doppelgängerwettbewerben
nachahmen.

Wenn du siehst, dass Menschen dich imitieren,
wirst du ohne Erbarmen
mit den Clichés von Oberflächlichkeiten 
konfrontiert.
Dass kann manchmal zu roten Wangen führen.
Sah einst in einer Playback-Show einen Jungen
ein altes Lied von mir singen,
ungefähr so wie ich das tue.
Hatte das Gefühl, dass er Vaseline in seinen Ohren hatte
Und dachte: so muss es sein, wenn man tot ist.

Erinnere mich, dass Charlie Chaplin einmal
bei einem Doppelgängerwettbewerb mitmachte.
Er wurde Sechster.
Der Nachahmer sieht oft noch echter aus als das Original.
In Amerika steht eine Venus von Milo mit zwei Armen.
Sie wird öfter besucht als die Authentische im Louvre.

Klar, es kann auch faszinierend sein.
Sah noch nicht so lange her
einen deutschen Theatermacher etwas tun,
wovon ich dachte: das ist klasse.
Es schien eine Parodie auf meine Figur zu sein.
Hab mich gebogen vor Lachen.

Samuel Beckett sah mich einmal
als ein Mensch gewordenes Gedicht.
Das wäre vor allem famos,
weil es keine Form bekäme.
Es bliebe bei dem, was er sagte:
uns selbst auszufüllen.

Ein Imitator ist wie ein taubes Spiegelbild.
Man muss vor allem ein gescheiter Beobachter sein,
der Respekt vor dem Original hat.
Sonst kann man es unmöglich karikieren. 

Ob man sich Imitieren anlernen kann,
damit habe ich keine Erfahrung.
Flinkes Nachahmen üben, würde ich sagen.
Entdeckte letztens in einer Theaterbroschüre 
ein Bildchen eines Imitators,
das den Mann mit nacktem schwangeren Bauch
abbildete.
Schwanger von einem künftig zu imitierenden Baby.

Der beste Imitator bleibt, 
was mich betrifft,
das Foto.
Der Schnappschuss.
Ein eingefrorener Moment
von dem, der du eben gewesen bist.
Die Sonne
Montag, 9. Februar 2009

Die Sonne

Die Sonne

Man will weitermachen.
Daran glauben.
Nicht aufgeben.
Nicht eingehen,
zusammenschrumpeln wie ein alter Mann,
der auf sein Ende wartet.
Nicht ertrinken
im endlosen Alkoholkonsum
oder umkommen
vor lauter Arbeit.
Ein Tsunami an Briefen, Faxen, Mails.
Das Elend der Welt bewältigen.
Gute Waffen haben.
In meinem Fall: Geigen.
Rechten Wegen folgen,
ohne Vorbehalt.
Nicht mit dem Tod kokettieren,
das Bild ist jämmerlich.

 

Ja, es ist schwer.
Neid hält Ausschau.
Hass schlummert.
Zombies bauen Barrikaden.
Besessenheit,
die wie Lava aus dem Schmerz brodelt,
die blind macht.
Die Manisch-Depressiven,
die einen erträumten Gott beschuldigen.

 

Ein Bischoff behauptet,
dass so viele Juden nicht vergast worden seien.
Ein Papst gewährt ihm Ehre.
Ein Priester betet.
Bankiers zahlen sich ungeachtet der Rezession
unverschämt hohe Bonusse aus.
Da ist kein Christus,
der die Wechsler
aus den Tempeln hinausjagt.
Im gelobten Land
trachtet man sich
schon einige tausend Jahre
noch immer nach dem Leben.

 

In Afrika herrscht Angst.
Und hier: Fabriken schließen,
Menschen suchen zu Millionen Arbeit.
Ein schwarzer Präsident predigt Hoffnung.
Die Menschenwelt zerbricht.

 

Es schneit.
Gut für die Augen.
Die Tage liegen weiß,
würde ein alter Kamerad sagen.

 

Es wird Unfälle geben
auf Wegen und Straßen.
Autos, Züge, Jumbo-Jets,
Fahrräder, Menschen
zögern.
Unter dem Schnee
wartet der Frühling.
Eine Wiedergeburt.
Krokusse werden
durch den harten, kahlen Boden
erbarmungslos zärtlich
ihren Kopf strecken.
Ob du willst oder nicht.
Die Sonne wird scheinen,
für den, der es sieht.

Spiegelbild
Freitag, 6. Februar 2009

Spiegelbild

Sah im Fernsehen einen Film, der über einen einfachen Buchhalter ging,
glücklich verheiratet, zwei Söhne.
Der Älteste ist ein talentierter Eishockeyspieler,
der Jüngste vor allem ein Pubertierender.
Die Familie lebt unbekümmert in einem Außenbezirk einer großen Stadt.
Eines Abends, nach einem Eishockeyspiel, fährt der Vater mit seinen Söhnen nach Hause.
Unterwegs stoppt er, um zu tanken.
Der jüngste Sohn bleibt im Auto,
um mit seinem Gameboy ein Kriegsspielchen fertig zu spielen,
der älteste geht, um sich im Laden neben der Tankstelle eine Dose Cola zu kaufen.
Während der Vater tankt,
wird der Laden von schwer bewaffneten Männern in Sturmhauben überfallen.
Bevor sie mit ihrer Beute davonziehen,
muss einer von der Bande beweisen,
dass er nun vollwertiges Mitglied der „Gang“ ist
und willkürlich jemanden im Laden erschießen.
Dem Sohn des Buchhalters wird ohne Erbarmen
in Zeitlupe durch den Kopf geschossen.
Jubelnd und mit quietschenden Reifen rasen die Schufte daraufhin davon.

 

Der Buchhalter beschließt aus Frustration über folgend lautenden Rechtsspruch
– der Mörder wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen –
höchstpersönlich Rache zu nehmen.
Er nimmt seine Krawatte ab, zieht sein Oberhemd aus,
und wir bemerken, dass der Buchhalter den Brustkorb
eines trainierten Bodybuilders hat.
Der Mann rasiert sich seinen Kopf kahl,
zieht die Lederjacke seines erschossenen Sohnes an
und zieht in den Krieg.
Wie ein voll ausgebildeter Guerilla rechnet er,
nachdem er sorgfältig die Gebrauchsanweisungen seiner neuen Waffen gelesen hat,
mit dem Mörder seines Sohnes ab.
Der Buchhalter kann jedoch nicht verhindern,
dass auch seine Frau und sein jüngster Sohn niedergeschossen werden.
Der Film endet mit einem beinahe sterbenden
oder nicht-sterbenden Buchhalter.
Dies lässt der Film offen.
Die Kamera zoomt  auf sein gezeichnetes Gesicht.

 

Ich zappe verstört zur Tagesschau
und sehe den Buchhalter nun verkleidet als jemanden aus Schwarzafrika.
Blind vor Wut schießt er auf einen anderen verkleideten Buchhalter,
der sich hinter einer Tanksäule wegduckt.
Neben einem Auto liegt ein junger Mann
in seinem mit Blut beschmierten Fußballshirt auf dem Boden.
So echt wie im Film.

 

Der einzige Unterschied:
Zu den Bildern in der Tagesschau hört man
keine Musik.

Liebe Frau van der Pluijm
Donnerstag, 5. Februar 2009

Liebe Frau van der Pluijm

Ich fing an mit Pfeifen,
dann mit einer Mundharmonika,
danach mit einer selbstgemachten Gitarre
mit darübergespannten Gummiringen.
Ich bekam damals von einem Lehrer eine Geige.
Nach langer Quälerei kam dabei etwas Schönes heraus.
Dabei bin ich hängen geblieben.

So erging es mir auch mit dem, was Sie Kabarett nennen.
Ich sehe mich nicht so.
Ich sah Tom Manders im Fernsehen,
hörte von Buziau,
im Kino sah ich mit offenem Mund
Dick und Doof,
Charlie Chaplin,
Norman Wisdom,
Buster Keaton,
sah Toon Hermans im Carré,
ich habe mich damals hingegeben.


Ich habe einfach angefangen zu singen.
Auf Straßen und in Cafés,
auf Plätzen und in Kirchen,
in Sälen und Theatern.
Ich mache das noch immer.
Es gibt immer noch jemanden,
der dann fragt: "Können Sie auch mal zu uns kommen und singen?"

Ich spiele schon seit 45 Jahren mit Erik
und an die 20 Jahre mit den anderen.
Ich bin von Natur aus nicht auf der Suche.
Es kommt immer wieder ein Gast
mit einem Instrument vorbei.
Einige bleiben einfach für immer.

Spielen ist überall anders.
Rotterdam und den Haag kann man nicht mit einander vergleichen,
New York mit Paris schon gar nicht,
oder Berlin mit Pretoria.
Eine Stadt ist der Platz, in dem man lebt und arbeitet.
So wird man auch verstanden.

Carré ist, was uns betrifft, der schönste Saal der Welt.
In jeder Beziehung.
Wir spielten da fast 500 Mal.
Das ist doch nicht zu glauben.

Ich bin vor einer Vorstellung immer nervös.
Je älter ich werde, desto nervöser.

Fast alles entsteht per Unglück.
Ich versuche, das zu wiederholen.
Meine Zeit auf dem Konservatorium
war die freiste meines Lebens.
Ein großes Grinsen.


Tschüss, liebe Themera,
viel Erfolg bei all deinen Plänen.
Ich würde Dich gern einmal sehen.

Tschüss,

Herman van Veen

Modell
Montag, 26. Januar 2009

Modell

Las kürzlich ein Stückchen über die „Ehe ohne Hobby“.
Musste an einen ehemaligen Nachbarn denken.
Jahrelang hatte er an einem maßstabsgerechten Modell
einer alten holländischen Mühle herumgewerkelt.
Als die Miniatur fertig war,
war sie mit Flügeln und allem drum und dran
einen halben Meter hoch.
Fenster, Türen, Minimühlenähren,
jedes Originalfragment bis ins kleinste Detail -
ein „Nachbarswerk.“

 

Jeden freien Moment tauchte er in seinem Schuppen unter,
um an seinem Modell zu tüfteln.
Sah man ihn nicht, dann wusste man, wo er war.
Das Modell war sein Freibrief.
Die zwingende Beschäftigung damit sorgte dafür,
dass er legitim
der Nähe seiner Frau entweichen konnte.
Ihre Ehe war tödlich.
Hab seine Frau in all den 16 Jahren, in denen wir Nachbarn waren,
immer nur Kopfschütteln sehen.
Aber sie hatten Gott, wie so viele Menschen, versprochen,
in Glück und Unglück beieinander zu bleiben.

 

So ab und zu wippte ich bei ihm vorbei,
um seine Fortschritte zu bewundern.
Meistens nahm ich dann einen halben Liter jungen Jenever für ihn mit,
den wir an Ort und Stelle schweigend niedermachten.
Am Tag unseres Umzugs in ein etwas weiter gelegenes Dorf,
stand der Nachbar mit seiner Frau bei uns in der Tür
mit einem in Packpapier verpackten Geschenk
von einem halben Meter.
Wusste nicht, was ich sagen sollte.
Der Nachbar mit einem breiten, traurigen Grinsen,
die Nachbarsfrau mit schüttelndem Kopf.

 

In unserem neuen Haus angekommen, ging das Telefon.
Der Nachbar hatte am Tag nach unserem Umzug
einen Herzanfall bekommen.

 

Auf seinem Begräbnis wischten wir ein Tränchen weg
und die Nachbarsfrau…

"Het vermoeden" (Die Vermutung)
Donnerstag, 22. Januar 2009

"Het vermoeden" (Die Vermutung)

(von einem TV-Moment)

 

Die  Nachbarin nennt ihn den lachenden Buddha.

Ich habe die gleiche Figur und habe immer gedacht,

es wäre ein weinender Buddha.

Die Frau, die ihn mir verkaufte,

zeigte, dass auf seinem Rücken ein menschliches Gesicht zu sehen ist

und an seiner Seite ein menschlichen Fötus.

Man könnte ihn von allen Seiten betrachten.

Es wäre auch angenehm, ihn zu streicheln,

denn er ist so rund und aus weichem Holz.

Man könnte die Hand so passend drüberlegen.

Früher nahm ich auf Anraten meiner Mutter

meine kleine Puppe mit in die Schule,

wenn mir die Welt zu gewaltig erschien.

Heute vorsorglich meine Figur aus Holz.

 

Es hat gefroren, und die Ankeveense Plassen waren vereist.

Es darf nicht wie üblich zum Studio gerudert werden,

denn dann geht das "Vermutungs"-Boot kaputt.

Herman findet das nicht schlimm.

Er will hinein.

Erzählen.

Überlaufen von Milch und Honig.

Er will über die Rechte des Kindes reden.

Sein heiliger Text kommt aus dem Lukasevangelium.

Es geht um Kinder, die eine Liebkosung von Jesus wollen,

was die Jünger aber nicht gut finden.

Herman hat seine Gitarristin mitgenommen,

die unvergleichliche Edith Leerkes,

denn er will auch etwas singen.

Es ist ein Text von Selma,

einem jungen jüdischen Mädchen.

Todkrank auf ihrer Pritsche

in einem deutschen Konzentrationslager schrieb sie

ihr stilles Tagebuch.

Herman hat daraus Lieder gemacht.

Und während Edith ihre Zaubergitarre schon leise stimmt,

erzählt er von Selma und ihren deutschen Texten.

Achtzehn Jahre,  wissend, was ihr bevorstand.

Realisierend, dass sie "überflüssig" war.

Bei dem Wort "überflüssig" halte ich es nicht mehr aus.

Meine Hand sucht unter dem Tisch Zuflucht

bei dem krummen hölzernen Rücken der kleinen Figur.

Ja, fühlt man, er weint.

Was bleibt ihm anderes übrig?

 

Annemiek Schrijver

(Moderatorin der Fernsehsendung "Het vermoeden")

(Von ihrer Site gepflückt)

Pastete
Montag, 19. Januar 2009

Pastete

Am Weihnachtsabend kamen die Kinder essen.

Die Kinder mit Partnern und die Enkel.

Die große Tafel war gedeckt.

Meine Frau hatte Huhn à la Gaëtane gemacht.

Vorab gab es eine Broccolisuppe,

daran vorab junge Schnäpschen,

Wässerchen, Säfte und Wein,

und darvan vorab einigen Toasts,

die mein ältester Sohn zu Hause höchstpersönlich

vorbereitet hatte.

Mit den Toasts war irgendwas verdächtig.

Er sagte noch, dass die Pastete etwas würziger geraten sei

als beabsichtigt.

Nach zwei Toasts schielte ich,

weil etwas Krampfartiges durch mein Gedärm marschierte.

Während dem Essen wurden meine Augen glasig,

nicht nur von den herumtobenden Enkelkindern,

sondern die Kombination von Pastete, Jenever, Broccoli,

Huhn à la Frau und Kaffee stießen mir auf.

Saß wie ein Schneemann an der Tafel,

totenstill,

weil jede Bewegung in meinem Magen

mehr Geräusche zustande brachte,

als das fröhliche Geplapper um mich herum.

 

Als alle weg oder im Bett waren,

bin ich, gebogen wie ein Bumerang,

ins Badezimmer geschlurft

und hab dort angefangen, mich in Serie zu übergeben.

Es wollte kein Ende nehmen.

Erst am folgenden Tag um 11.00 Uhr verebbte der Strom.

Hab einen Tag lang im Bett gelegen,

um mich vom Heiligen Abend

und einem fröhlichen Weihnachtstag zu erholen.

 

Gesternabend kam eine Freundin vorbei,

fröstelnd und tief eingemummelt in ihre Winterjacke.

„Haben wir noch was von der Pastete?“, fragte meine Frau.

Ja sicher, grinste ich.

Zehn Minuten später hörte ich aus der Freundin

ein vertrautes Geräusch,

gefolgt von ihrem heimlichen Sprint ins WC.

Die Geschichte wiederholt sich.

Herrscht draußen der Winter,

herrscht drinnen die Grippe der Bäuche.
Wölbungen
Montag, 12. Januar 2009

Wölbungen

Für Sara Kroos

 

Die neue Intifada, der Krieg um den Mohn in Afghanistan,

die schwarzen Machthaber in Afrika, die Rezession, Aids,

das sind große Probleme.
Kleine Probleme sind solche: Ich kriege Brüste.
Bin 63 Jahre, kahl

und kriege doch noch echte Brüste.

Das war mir bisher noch nicht aufgefallen.

Meine Augen glitten heute Morgen beim Rasieren

via Spiegel nach unten,

da sah ich auf einmal zwei zarte Errungenschaften.

Hatte meinen Körper, so wie er war,

längst akzeptiert.

1.80 m holländisches Fleisch und Knochen.

Alles auf dem rechten Fleck.

84 kg prima verteilt.

Kein Marathonläufer, kein Fußballer,

das Leben eines gesunden Wanderers.

Nicht zu leicht, nicht zu schwer,

noch bauchfrei,

Kondition wie ein Pferd.
Aber mit meinen neuen Brüsten wird nun alles anders.

Mit dieser Veränderung hab ich absolut nicht gerechnet.

Weiß nicht, ob ich froh oder traurig sein soll.

Ehrlich gesagt: es steht mir nicht schlecht,

aber es ist auch nicht wirklich nötig.

Erwäge aber keine Brustverkleinerung.

So einen Eingriff sah ich kürzlich zu meinem Entsetzen im Fernsehen. Horror!

Ich werde sie wie ein erwachsener Mann tragen, sie hegen und pflegen.

Werde keinen Hehl aus ihnen machen

und auch nicht übermäßig damit angeben.

Es ist, wie es ist.

Der herrliche Moment ist angebrochen.

Ich bin endlich ein Mann, ich habe Brüste.

Beschreite das neue Jahr als ein würdiger

Hermanphrodite,

und wünsche Ihnen ein glückliches neues Jahr.