Mittwoch, 31. Dezember 2008

An dem Ort

Ein Gedicht des jüdischen Dichters

Jehuda Amichai

kam mir in den Sinn,

als ich heute Morgen

ein Foto

von einem Mädchen sah,

plattgedrückt gegen ein Gitter,

an der Grenze zu Ägypten,

das, was man den Gazastreifen nennt.

 
An dem Ort,

an dem wir recht haben, 
werden niemals Blumen wachsen 
im Frühjahr. 
 
Der Ort,

an dem wir recht haben,  
ist zertrampelt und hart  
wie ein Hof. 
 
Zweifel und Liebe aber  
lockern die Welt auf  
wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.  

Und ein Flüstern wird hörbar  
an dem Ort, wo das Haus stand,  
das zerstört wurde.

Schnee
Dienstag, 2. Dezember 2008

Schnee

Der Niederschlag, der in der Atmosphäre
unterhalb des Gefrierpunktes
abgekühlten kristallisierten Wasserteilchen,
hat das Dach der alten Kirche weiß gemalt.
Eine wässrige Sonne
lässt das kupferfarbene Ziffernblatt der Kirchenuhr
sanft aufleuchten.
Die Bäume links und rechts vom Gotteshaus
stehen da wie stramme, weiße Wächter.
Rauch steigt aus dem Schornstein der Küsterwohnung.
Ein Bild, wie auf einer altertümlichen Ansichtskarte.
Bräuchte nur noch
"Fröhliche Weihnachten und glückliches neues Jahr"
darunter zu schreiben.

 

In der Morgenzeitung ist auch ein Bild.
Ein Foto der schneebedeckten
riesigen Spitzen eines abgebrochenen Gletschers
auf Grönland.

 

2007 hat das Tempo,
mit dem das Sommereis auf dem Nordpool verschwindet,
die schwärzesten Prophezeiungen übertroffen.
Das Problem der globalen Erwärmung
haben wir lediglich in unserer Vorstellung
in Angriff genommen.
Fest steht: Die Tatsachen lügen nicht.
Jetzt wird die Rechnung präsentiert.
Nichtstun wird unbezahlbar.

 

Stell dir vor,
du schaust von der Venus auf die Erde.
Dann könntest du sehen,
wie unser Planet im Sonnenlicht badet.
Du würdest schwer glauben können,
dass wir hier meinen,
ein Energieproblem zu haben.
Wie sind wir nur jemals auf die Idee gekommen,
uns selbst durch das Ausbeuten von Energie
aus fossilen Brennstoffen und Plutonium
zu verbrennen und zu vergiften,
während das Sonnenlicht in einem strahlenden Regen von Photonen
und als konstanter Strom zu uns fließt.

 

Ich beschaue die weiße Welt rund um unser Haus,
die so echt ist wie meine Hand.
Weit entfernt von Virtualität.
Schnee, so weiß ich auch,
der durch die Sonne wieder verschwinden wird.
Durch dasselbe Sonnenlicht,
das irgendwann dafür sorgen wird, dass wir
– und sei es mit verdammt viel Schmerz –
dieses „Gottesgeschenk“ würdigen und benutzen werden.

 

Lass Licht aufgehen!

Gurren
Dienstag, 25. November 2008

Gurren

Ich zähle auf dem Rasen
52 Waldtauben.
Möglicherweise findet da eine Versammlung statt.
Sie steigen mit ihren wippenden Hälsen
vornehm durcheinander.
So ab und zu
picken sie etwas Unsichtbares
aus dem Gras
oder fliegen irgendetwas hinterher
und landen zwischen einigen alten Bekannten
oder Waldtauben von früher.

 

Worüber gurren sie?
Über großartige Dinge?
Über das Ansteigen des Meeres?
Über das Verschwinden von Wäldern?
Oder darüber, dass man bei C&A nun auch
Unterwäsche aus biologischer Baumwolle kaufen kann?
Oder gurren sie über Freilandeier?
Oder über die Frage: Wohin mit dem Atommüll?
Über Rotkohl?
Oder debattieren sie untereinander
über Baupläne auf Großer See?
Über food versus few.
Über Symptombekämpfungen
und das Lösen struktureller Ursachen
in Zeiten von Lebensmittelknappheit.
Oder über Dinge in Bezug
auf die Anwendung von Wasserstoff und Brennstoffzellen?
 
Worüber gurren sie nur, wenn sie so gurren?
Über Fußball oder Pfeffernüsse?
Darüber, was sie von Weihnachten halten
oder wie falsch deine Stadt gehandelt hat.
Oder gurren sie womöglich über den „Grünen Seifenblasen-Award“?

 

Oder
– und dies ist auch Tauben absolut nicht fremd -
gurren sie übereinander?

 

Wir werden es niemals wissen.
Denn in keinem Unterrichtsmaterial,
an keiner Schule findet man einen „Gurrisch“.
Und das, so denke ich, ist auch gut so.

 

Man muss nicht alles wissen wollen.

 

Wo bliebe sonst die Faszination?

Wannes Van de Velde
Samstag, 15. November 2008

Wannes Van de Velde

Mit Wannes van de Velde starb einer meiner Helden.
Ein Mann, von dem ich immer wusste,
dass er irgendwo in der Kneipe oder auf Plätzen,
auf der Bühne oder im Hof
das Lied von der Würde sang.
“Être digne de vivre”,
es tat gut, das zu wissen.
Ich wäre gern sein Freund gewesen.
Im Januar 2000 schrieb er zur Jahrhundertwende:

 

Ich bin müde,
fühle es sogar an meiner Stimme,
und das ist wirklich außergewöhnlich.
Ich habe siebenmal in neun Tagen gesungen.
Die Musik verlangt mir viel ab,
schon seit Monaten,
und das muss ich jetzt büßen.
Ich bin auf der Suche nach einer Ruhe,
die ich offensichtlich brauche,
aber nicht finde.
Vielleicht werde ich alt.
Oder brauche Luftveränderung,
Einsamkeit,
weg von der Welt,
wo  die Schaumschläger das Sagen haben.
Wer sie sind, ist egal.
Es geht um das Klima
der Selbstgefälligkeit,
das mir wenig oder nichts zu sagen hat.
“We are the winners”!
Ich nicht.
Ich halte es in einer Gesellschaft
wie der unseren immer noch für besser zu verlieren,
und das geht am besten mit dem Lächeln.
Der Clown?
Ich habe noch nie einen Clown lächeln sehen,
aber ich will es mal so sagen:
wir verlieren mit dem unsichtbaren Lächeln des Clowns.

 

Wannes van de Velde,
er ruhe in Frieden.

 

Wannes van de Velde, (Antwerpen 1937), war nicht nur ein überall gepriesener Sänger und Musiker, sondern auch ein bildender Künstler und Autor.

Ritter
Dienstag, 11. November 2008

Ritter

Ich bin königlich ausgezeichnet worden durch einen freundlichen Minister.
Bin jetzt Ritter im Orden vom Niederländischen Löwen.
Finde ich schön.
Ich möchte mich bei allen bedanken,
die Mails, Briefe, Faxe, Geschenke,
auffallend viel jungen Jenever
und Blumen schickten.
Unser Haus heißt in diesen Tagen nicht mehr Hofstede Het Klooster,
sondern Kéukenhof Het Klooster.
So grau es draußen ist,
so bunt ist es drinnen.

 

Wir genießen unsere Vorstellungen im Carré sehr.
Können es fast nicht glauben.
So viele Menschen.
All die Gesichter.
Wenn das doch immer so bliebe.

Freitag, 31. Oktober 2008

Gestern - Ein Treffen mit der Presse

Eine Handvoll Journalisten war auf der Pressekonferenz dabei, die Harlekijn Holland, Universal Music und das Koninklijk Theater Carré organisiert hatten aus Anlass von drei erfreulichen Fakten: Herman van Veen und Erik van der Wurff stehen 45 Jahre zusammen auf der Bühne, Harlekijn Holland wird 40 Jahre, Herman und Erik spielen am Abend zum vierhundertsten Mal im Carré.

 

Erik van der Wurff berichtete, wie die Zusammenarbeit mit Herman van Veen zustande gekommen war. Im September 1963 begann er sein Studium am Konservatorium in Utrecht, weniger, um zu lernen, wie man sich im bestehenden Rahmen des Konservatorium mit Musik befassen konnte, sondern eher, damit am Konservatorium Musik entstand. Während der Inkorporationswochen fiel ihm sofort ein junger Mann auf, der die Pauken so spielte, als wären sie Congas. Der junge Mann war Herman van Veen, der sein zweites Jahr am Konservatorium begann. Mit einigen anderen "Dissidenten" gingen sie ans Werk, auf der Suche nach Herausforderungen und neuen Wegen in der Musik. Die Entdeckungsreise ging nach dem Abschlussexamen selbstverständlich weiter, und es entstand die Idee, ein Jahr lang zu versuchen, ob sie mit Auftritten ihr Brot verdienen könnten. Danach entstand die Idee, es noch ein weiteres Jahr zu versuchen. Und nach zwei Jahren gemeinsamen Auftretens schien es schon schwierig, einer gemeinsamen Vergangenheit einfach Auf Wiedersehen zu sagen. Also treten sie  noch immer zusammen auf.

 

Um das so lange durchhalten zu können, ist es fast unvermeidlich, eine Reihe von eigenen Projekten ohne den anderen zu verfolgen. Eine weniger bekannte Seite von Erik ist, dass er als Dirigent mit vielen großen Symphonieorchestern gearbeitet hat und viele Arrangements und Kompositionen für andere geschrieben hat. Dass er als einziger niederländische Musiker sowohl als Pianist mit Herman van Veen und als Dirigent in mehreren Produktionen am Broadway aufgetreten ist, Produktionen, bei denen er auch die Kompositionen und Arrangements geschrieben hat. Das brachte ihm in den Niederlanden nur zwei Artikel im Utrechts Nieuwsblad.

 

Höhepunkte gab es viele, meinte Erik. Eigentlich alles, was man zum "ersten Mal" tut, und was sich dann auch noch als erfolgreich erweist, wie das erste Mal Carré, Deutsches Schauspielhaus, Friedrichstadtpalast, Broadway, Olympia. Aber auch der Moment, an dem er in den Anfängen seiner Karriere  Anfang der Siebziger Jahre während einer Plattenaufnahme mittags noch an einem Arrangement für Geiger arbeitete, das abends aufgenommen wurde und zu bewegten Reaktionen  bei einem Geiger/Komponisten/Arrangeur führte, der schon seit Jahren den Beruf ausübte und begriff, womit sich Erik mittags beschäftigt hatte. ("Stehst du im Widerspruch zu dir selbst?" hatte er noch gefragt, als er Erik sich mit einer neuen Idee abmühen sah). Ein unvergesslicher Moment war für Herman die letzte Vorstellung im Olympia mit dem Gitarristen Chris Lookers. Chris war ernsthaft krank, er litt an multipler Sklerose, und es war klar, dass er nicht länger mitspielen konnte. Das letzte Lied hieß "Pourquoi ça tombe sur moi?", eine Frage, die Chris sich damals wahrscheinlich auch gestellt haben wird.

 

Herman sprach über vierzig Jahre Harlekijn. Eine kleine, nicht kommerzielle und nicht subventionierte Firma, die seit Jahr und Tag immer wieder Künstler auf unterschiedlichem künstlerischen Gebiet begleitet. Ton Koopman, der viele hunderte LPs und CDs auf dem Harlekijn Label herausgebracht hat, Reinbert de Leeuw und das Schönberg Ensemble, Herman Finkers nahm seine erste LP ("Vinger in de bips") bei Harlekijn auf, Hauser Orkater, Joost Nuissl ("Ik ben blij dat ik je niet vergeten ben"), Loeki Knol ("Wat heb je nou aan algebra?"), Lenny Kuhr, die mit Piet Souer beim Songfestival gewann und anderthalb Jahre in Hermans Vostellung auftrat, Meistergitarrist Harry Sacksioni, der italienische Schauspieler, Autor und Nobelpreisträger Dario Fo, Regisseur Arturo Corso ("Mistero Buffo"), Schauspieler wie Jules Croiset, Michiel Kerbosch, Marlous Fluitsma, Dirk Celis, Lori Spee, Gaëtane Bouchez, eine Liste, die zu lang ist, um alle zu nennen. Zusammengenommen handelt es sich um tausende Alben, Bücher und Vorstellungen, die für viele der erste Schritt auf dem Weg zu einer dauerhaften Karriere war.

 

Um vierzig Jahre Harlekijn zu feiern, stehen für die kommende Saison drei Produktionen an, wie Edith Leerkes berichtetete. Sie selbst wird zu sehen und zu hören sein als Gitarristin in einem Soloprogramm mit dem Titel "Etude Feminine". In dieser Vorstellung spielt, erzählt und singt sie vor allem über wertvolle Menschen in ihrem Leben. Auch um ihre künstlerischen Grenzen zu erkunden und um - wie Erik - die Erfahrungen, die sie als Solokünstlerin gewinnt, in die Vorstellung einbringen zu können, die sie mit Herman spielt. "Margot", eine Musiktheatervorstellung mit Gaëtane Bouchez und Karin Hougaard in den Hauptrollen, inspiriert vom Leben von Margot Fonteyn. Der vielleicht berühmtesten Primaballerina des vergangenen Jahrhunderts. Eine Frau mit einem auffallenden Freundeskreis, darunter Marcos, Noriega und Pinochet. Die dritte Produktion ist eine Vorstellung mit Max Douw, "Het debuut". Max ist ein talentierter Kleinkünstler, den Herman an der  Amsterdam Toneelschool kennenlernte. Er erinnert Edith an die Schwarzweiß-Fotos, die es noch von Herman gibt!

 

Schließlich: 400 Vorstellungen im Carré. Herman hatte die erste auf Empfehlung des damaligen Betriebsleiters Dekker. In dieser Zeit kam Herman von hinten aus dem Saal auf die Bühne. Als er hinter dem roten Vorhang auf dem Auftrittspunkt stand, hörte er ein Gespräch zwischen dem damaligen Direktor Dr. Karel Wunnink und Dekker, die an der anderen Seite des Vorhangs standen. Dr. Wunnink meinte, mit Herman würde es nicht hinhauen. Es waren nur 400 Leute im Saal, wahrscheinlich zum größten Teil Familie. Dekker sprach Herman sein volles Vertrauen aus. Und obwohl am zweiten Abend nur 320 Leute kamen und am dritten Abend nur an die 200, war das Carré eine Woche darauf total ausverkauft. Nach der letzten Vorstellung bat Dekker Herman in das Direktionszimmer, das sich damals noch unter der Treppe beim Eingang befand: "Trag ein, wann du wieder kommen willst!" So entstand eine Tradition, die bis zum heutigen Tag noch immer existiert. Der jetztige Direktor, Hein Jens, verkündete vergangene Woche, dass Herman immer willkommen sein wird, selbst wenn er mit einem Rollator auf die Bühne kommen müsste.

 

Herman sagt : "Ich bin nicht der größte Künstler, und ich bin auch nicht der kleinste. Was ich vor allem kann, ist hart arbeiten. Das habe ich von Haus aus mitbekommen. Auf einem Fußballplatz muss man dreimal versuchen, an mir vorbei zu kommen, und wenn man dann denkt: Jetzt schieß ich ein Tor, wird man merken, dass ich auf eine andere Art und Weise doch wieder dafür sorge, dass der Ball nicht reingeht. Wenn ich auf die Bühne gehe, darf man sich darauf verlassen, dass ich mein Bestes geben werde, um den Menschen einen unglaublichen Abend zu besorgen."

 

Roger Hendriks

Schön, dass Sie da waren
Montag, 27. Oktober 2008

Schön, dass Sie da waren

Wir hatten einen Workshop in Leeuwarden.

Wir arbeiteten da an ‘Ein Tag im Leben von Alfred Jodocus Kwak’.

Unser Gastgeber war Gooitsen Eenling, deswegen.

 

Herman van Veen

 

---

 

SCHÖN, DASS SIE DA WAREN

 

...vlieg je met me mee

spring maar op mijn zachte rug

ik breng je naar heel hoog

en voor het donker terug...

 

 

Donnerstagmorgen, 23. Oktober 2008. Im Herman-van-Veensal des ROC Friese Poort zu Leeuwarden liegen überall blaue Papierschnipsel auf dem Boden. In einem alten Fernsehmöbel steht ein Wasserbecken mit einem ruhig schwimmenden Goldfisch. Am schwarzen Kleiderständer hängen keine roten Schals mehr. Das alte Piano schweigt. Die Spots sind erlosche. Der Saal liegt in tiefer Ruhe.

 

Das war in den zwei Wochen davor ganz anders. Herman van Veen gab fünf Tage lang einen intensiven Workshop um eine Geschichte von Alfred Jodocus Kwak. Der junge vielversprechende Schauspieler Max Douw, Mitglieder vom Harlekijn Danstheater und drei Schauspielschüler im vierten Jahr ihrer Ausbildung am Sociaal Cultureel Werk Theater arbeiteten knallhart an einer Vorstellung, die Dienstagabend, dem 21. Oktober und Mittwochabend, dem 22. Oktober insgesamt viermal gespielt wurde.

 

Die restlichen elf Schauspielschüler waren heftig mit der Produktion beschäftigt. Sie schnitten blaue Papierschnipsel für eine Duschszene. Fanden irgendwo einen alten Fernsehschrank. Kauften ein Aquarium mit einem Goldfisch. Lackierten den weißen Kleiderständer schwarz. Erstellten einen Lichtplan.

 

Langsam veränderte sich das summarische Skript in eine spannende Erzählung. In der Alfred Jodocus Kwak entdeckt, dass die falsche Amsel Kakmadam, mit Unterstützung des Psychiaters Doktor Dachs alle Singvögel einsperrt, damit sie allein zum Songfestival geschickt werden kann. Zum Glück sorgt Alfred mit seinem guten Freund, der Schneeeule Theofilius, für ein Happy End. Träumte Alfred, dass er wach war? Oder war er wach und sein Abenteuer so unwahrscheinlich wie ein Traum?

 

Herman van Veen verlangte von jedem, Dinge zu tun, die man sonst nicht tat. Peter le Feber musste außer klavierspielen singen und spielen. Die Tänzerinnen des Harlekijn Danstheater mussten außer tanzen auch spielen. Die drei Studenten mussten außer spielen auch sehr physisch anwesend sein. Max Douw durfte improviseren, was er meisterhaft tat, aber er musste lernen, das auch in beschränkten Rahmen zu tun. Und ein Student, der eigentlich am liebsten spielt, musste den Lichtplan versorgen. So hatte jeder eine Herausforderung, und man sah die Menschen täglich Schritt für Schritt wachsen. Oder wie Peter, einer der Schauspielschüler, es formulierte: “Dies ist für uns alle ein ganz besonderer Prozess gewesen. Wir konnten miterleben, wie ein berühmter Theatermann  beim Zustandekommen einer Produktion zu Werk geht. Eine einmalige Erfahrung.”

 

Und die Vorstellung? Ein großer Erfolg.  Jung und Alt haben es genossen. Es wurde gelacht, mitgesungen, mitgeklatscht. EIN TAG AUS DEM LEBEN DES ALFRED JODOCUS KWAK ist eine liebe Familienvorstellung, die einen froh macht. Eine Ode an die Bedeutung des Singens. Hoffentlich geht diese Theaterproduktion genau so lang über die Bühne wie MATA HARI, die drei Jahre zuvor im gleichen Herman-van-Veensaal geboren wurde.

 

Donnerstagmorgen, 23. Oktober. Ich fege die letzten Papierschnipsel weg. Stelle den Fernsehschrank und den Kleiderständer zu den alten Requisiten. Bringe das Goldfischaquarium zur Rezeption der Schule, auf diese Weise hat man da selbst in den Herbstferien einen Ansprechpartner. Das Piano schiebe ich hinter die Kulissen.

 “Schön, dass Sie da waren”. Sagt der Erzähler am Schluss der Vorstellung. Als Gastgeber und Freund sage ich dasselbe. Herman, Max, Fleur 1, Fleur 2, Linnet, Gaëtane, Petra, Peter und Dieuwertje, schön, dass Sie da waren.

 

 

...hou je stevig vast

samen in het grijze blauw

vliegen is nog leuker

samen met jou...

 

Gooitsen Eenling

Erfahrung
Freitag, 24. Oktober 2008

Erfahrung

Eine Birke steht mit ihrem federweißen Stamm strahlend im Herbstlicht neben der Hecke beim Fenster, hinter dem ich gerade sitze und schreibe. Das Gras ist übersät von sich kräuselnden Eichen- und Kastanienblättern. Ein Igel schlürft längs des Lavendel entlang, streift am Efeu vorbei, verschwindet unter einer Pflanze, deren Namen ich nicht kenne. Die Kirchenglocke im Turm schlägt elf Uhr. Unser Hund steht wedelnd vor der geschlossenen Tür. Er muss mal. Meine Frau sagt: „Lass mich kurz meine Stiefel anziehen.“ Ich hör den Reißverschluss ihrer Jacke.


Vom unteren Reetdach fallen der Reihe nach große Tropfen auf die Steine des Weges, der rund um unsere Haus führt. Zoome wie eine Kamera meine Augen zu einer Pfütze. Neben der Pfütze liegt eine Eichel.

 

Patsch!

 

Ein Tropfen. Die Eichel scheint zu erschrecken. Eine Art Spinne versucht über die Eichel hinwegzuklettern. Warum krabbelt sie nicht drum herum? Gut fünfmal fällt sie von der glatten Unterseite auf ihren Rücken. Jetzt klettert sie wie ein Alpinist die glatte Eichel hoch und scheint kurz auszuruhen.

 

Patsch!

 

Ein großer Tropfen fällt auf ihren Rücken. Panik. Totenstill bleibt die Spinne oder so vor lauter Schreck sitzen und kraxelt dann an der anderen Seite nach unten.

 

Patsch!

 

Wieder ein Tropfen! Diesmal ein sehr großer. Die kleine Spinne oder so treibt mit dem Wasser zu einem winzigen Rinnsal, das, je größer es wird, stärker zu einem Loch hinströmt. Was wird nur aus ihr werden?
Ich halte noch kurz Ausschau. Ah gut! Da ist sie wieder.
Läuft den ganzen langen Weg zurück zur Eichel. Wartet und scheint nachzudenken.
Und läuft dann drum herum.

Wir rufen Sie an
Montag, 13. Oktober 2008

Wir rufen Sie an

War vier Tage in Detmold bei den auditions für di Musiktheater-vorstellung "Een dag in september".
Schauspieler, Sänger, Tänzer, Jongleure, Clowns, sie kamen zu Hunderten singen, tanzen und machen. Ein Mädchen von 15 Jahren, das ein englisches Lied über einen weg gefressenen Krebs sang, eine andere über jemanden, der Ratten aus einer mittelalterlichen Stadt verjagte. Ein Clown aus Schweden mit russischem Akzent verwandelte das Auditorium in einem Nu in die Szenerie einer Geburtstagsfeier bei McDonalds. Ein prächtig gelockter Bariton sang über eine Auster, die in einem goldenen Magen gelandet ist, die alles hat, was sie suchte und stirbt. Ein Mädchen tanzte ein Solo und verlor ihr Gleichgewicht, aber das gehörte dazu, so dass wir umsonst aufgesprungen sind. Zwei Straßenmusikanten sangen ein Liedchen, von dem ich dachte: „Ist das nicht von mir?“ Eine junge Frau mit Zöpfen, wie Romy Schneider sie einst trug, bezauberte uns mit ihrem wunderlichen Spiel.

 

Dienstagmorgen, 10:15 Uhr

Ein Schauspieler lehnt über dem Flügel, so wie man an einer späten Bar herumhängt: „Surabaya Johnny, warum bist du so roh, warum bist du nicht froh, ich liebe dich so. Du hast kein Herz Johnny“, stöhnt, keucht, schreit der stattliche kahle Mann aus Rostock. Eine Schauspielerin spielt nach Mackie Messer eine jüdische Frau, die, um in einem Konzentrationslager zu überleben, von einem deutschen Offizier gezwungen wird, zu singen - ein Mann, der in seiner Freizeit Puppenspieler ist. Das Stück, womit sie sich vorstellt, ist ein Fragment aus der Musiktheatervorstellung Ghetto, das ich einst in einer blutigen Inszenierung von Peter Zadek gesehen habe. Ein rabenschwarzer Mann aus Simbabwe tanzt zu seinen eigenen Faustschlägen. Eine faszinierende Blondine aus der Nähe von Stuttgart überzeugt mit einem irrsinnigen Lied aus Sissi. Ein Mann, der auf einem, durch einen Staubsaugermotor angetriebenen, Akkordeon eine Walzermusette musiziert, spielt das Lied für seinen Bruder, der Soldat in Afghanistan ist. Und er betet und hofft, dass er wieder nach Hause kommen mag. Eine junge Schauspielerin, die sagt, dass sie tot ist und fragt, wie es uns geht?

 

Nachts, im Bett, singen, spielen, tanzen, sprechen all die Menschen durch meinen Kopf wie in einem Gemälde von Hieronymus Bosch. Es wird an die Tür meines Hotelzimmers gepocht. Jemand ruft, ob ich die Platte vom ‚Phantom der Oper’ nicht mal etwas leiser drehen will?
Amadeus
Montag, 1. September 2008

Amadeus

Mag es gern, mich zum Abendausklang
mit angelehntem Rücken und beiden Beinen auf dem Tisch
mit meiner Fernbedienung durch die gut tausend TV Kanäle zu zappen.
Blieb gestern Abend bei einem Natursender hängen.
Sah einen Mann mit einem Bart und einem Stock, der,
während er ab und zu einen Blutegel von seiner Haut zog,
von einer Krokodilsfarm irgendwo an einer Küste Australiens erzählte.
Dort, so stellte sich heraus, werden diese urzeitlichen Tiere
mit ihren Angst einjagenden Augen für Taschen,
Portemonnaies, Schuhe und Brillenetui-Industrie gezüchtet,
so wie das bei uns um die Ecke in Legebatterien mit Hühnern passiert.
Die Tiere liegen da zu Hunderten eingesperrt in Bassins,
werden drei Mal in der Woche mit totem Fleisch in maulgerechten Stückchen gefüttert,
und wenn sie das ideale Taschenmaß erreicht haben,
strategisch so totgeschossen,
dass die Haut am geringsten beschädigt wird.
Du kannst nun raten, wohin.
Sie werden gehäutet, hängen dann, ihrer Eingeweide entledigt,
als Haut Couture an fahrenden Krokodilsstangen.
Anschließend in brauchbare Stücke geschnitten,
via DHL weltweit versandt,
umgearbeitet und von uns gekauft.
Für Münzen und Füße, als Brillenbetten, für Einkäufe.
Geschmeidiges Leder von abschreckenden Kreaturen.

Dass ihre Haut so gut verwertbar
und das australische Krokodil so besonders beliebt ist,
hat alles in allem damit zu tun, wie sorgfältig die Tiere gezüchtet wurden.
Es scheint wohl offensichtlich eine Kunst zu sein, vergleichbar mit der Herstellung von Wein.
In Australien werden die Tiere, bevor sie gehäutet werden, wie Fürsten behandelt.
Ihre Unterkunft, eine halbüberdachte Schwimmgelegenheit,
ist vergleichbar mit einem vier Sterne Freibad und Umkleidekabinen.
Nach der Mahlzeit dösen die Tiere stundenlang im Schatten
und werden von künftigen Tierärzten an ihren weißen Bäuchen massiert.
Was die Erfahrung gelehrt hat, ist, dass sie am besten entspannen, am wenigsten in Stress geraten
-Stress ist desaströs für die Qualität der Haut-
bei Musik von Mozart.
Wagner beispielsweise wirkt stresserhöhend.
Wolfgang Amadeus Mozart wird von den Krokodilen am meisten geschätzt.
Das ist kein Witz, das ist sorgfältig erforscht.
Eine wissenschaftliche Tatsache.

 

Lauschen Sie doch nur mal ihrem Portemonnaie, Ihrer Tasche, dem Brillenetui oder Schuhen.