Eine Handvoll Journalisten war auf der Pressekonferenz dabei, die Harlekijn Holland, Universal Music und das Koninklijk Theater Carré organisiert hatten aus Anlass von drei erfreulichen Fakten: Herman van Veen und Erik van der Wurff stehen 45 Jahre zusammen auf der Bühne, Harlekijn Holland wird 40 Jahre, Herman und Erik spielen am Abend zum vierhundertsten Mal im Carré.
Erik van der Wurff berichtete, wie die Zusammenarbeit mit Herman van Veen zustande gekommen war. Im September 1963 begann er sein Studium am Konservatorium in Utrecht, weniger, um zu lernen, wie man sich im bestehenden Rahmen des Konservatorium mit Musik befassen konnte, sondern eher, damit am Konservatorium Musik entstand. Während der Inkorporationswochen fiel ihm sofort ein junger Mann auf, der die Pauken so spielte, als wären sie Congas. Der junge Mann war Herman van Veen, der sein zweites Jahr am Konservatorium begann. Mit einigen anderen "Dissidenten" gingen sie ans Werk, auf der Suche nach Herausforderungen und neuen Wegen in der Musik. Die Entdeckungsreise ging nach dem Abschlussexamen selbstverständlich weiter, und es entstand die Idee, ein Jahr lang zu versuchen, ob sie mit Auftritten ihr Brot verdienen könnten. Danach entstand die Idee, es noch ein weiteres Jahr zu versuchen. Und nach zwei Jahren gemeinsamen Auftretens schien es schon schwierig, einer gemeinsamen Vergangenheit einfach Auf Wiedersehen zu sagen. Also treten sie noch immer zusammen auf.
Um das so lange durchhalten zu können, ist es fast unvermeidlich, eine Reihe von eigenen Projekten ohne den anderen zu verfolgen. Eine weniger bekannte Seite von Erik ist, dass er als Dirigent mit vielen großen Symphonieorchestern gearbeitet hat und viele Arrangements und Kompositionen für andere geschrieben hat. Dass er als einziger niederländische Musiker sowohl als Pianist mit Herman van Veen und als Dirigent in mehreren Produktionen am Broadway aufgetreten ist, Produktionen, bei denen er auch die Kompositionen und Arrangements geschrieben hat. Das brachte ihm in den Niederlanden nur zwei Artikel im Utrechts Nieuwsblad.
Höhepunkte gab es viele, meinte Erik. Eigentlich alles, was man zum "ersten Mal" tut, und was sich dann auch noch als erfolgreich erweist, wie das erste Mal Carré, Deutsches Schauspielhaus, Friedrichstadtpalast, Broadway, Olympia. Aber auch der Moment, an dem er in den Anfängen seiner Karriere Anfang der Siebziger Jahre während einer Plattenaufnahme mittags noch an einem Arrangement für Geiger arbeitete, das abends aufgenommen wurde und zu bewegten Reaktionen bei einem Geiger/Komponisten/Arrangeur führte, der schon seit Jahren den Beruf ausübte und begriff, womit sich Erik mittags beschäftigt hatte. ("Stehst du im Widerspruch zu dir selbst?" hatte er noch gefragt, als er Erik sich mit einer neuen Idee abmühen sah). Ein unvergesslicher Moment war für Herman die letzte Vorstellung im Olympia mit dem Gitarristen Chris Lookers. Chris war ernsthaft krank, er litt an multipler Sklerose, und es war klar, dass er nicht länger mitspielen konnte. Das letzte Lied hieß "Pourquoi ça tombe sur moi?", eine Frage, die Chris sich damals wahrscheinlich auch gestellt haben wird.
Herman sprach über vierzig Jahre Harlekijn. Eine kleine, nicht kommerzielle und nicht subventionierte Firma, die seit Jahr und Tag immer wieder Künstler auf unterschiedlichem künstlerischen Gebiet begleitet. Ton Koopman, der viele hunderte LPs und CDs auf dem Harlekijn Label herausgebracht hat, Reinbert de Leeuw und das Schönberg Ensemble, Herman Finkers nahm seine erste LP ("Vinger in de bips") bei Harlekijn auf, Hauser Orkater, Joost Nuissl ("Ik ben blij dat ik je niet vergeten ben"), Loeki Knol ("Wat heb je nou aan algebra?"), Lenny Kuhr, die mit Piet Souer beim Songfestival gewann und anderthalb Jahre in Hermans Vostellung auftrat, Meistergitarrist Harry Sacksioni, der italienische Schauspieler, Autor und Nobelpreisträger Dario Fo, Regisseur Arturo Corso ("Mistero Buffo"), Schauspieler wie Jules Croiset, Michiel Kerbosch, Marlous Fluitsma, Dirk Celis, Lori Spee, Gaëtane Bouchez, eine Liste, die zu lang ist, um alle zu nennen. Zusammengenommen handelt es sich um tausende Alben, Bücher und Vorstellungen, die für viele der erste Schritt auf dem Weg zu einer dauerhaften Karriere war.
Um vierzig Jahre Harlekijn zu feiern, stehen für die kommende Saison drei Produktionen an, wie Edith Leerkes berichtetete. Sie selbst wird zu sehen und zu hören sein als Gitarristin in einem Soloprogramm mit dem Titel "Etude Feminine". In dieser Vorstellung spielt, erzählt und singt sie vor allem über wertvolle Menschen in ihrem Leben. Auch um ihre künstlerischen Grenzen zu erkunden und um - wie Erik - die Erfahrungen, die sie als Solokünstlerin gewinnt, in die Vorstellung einbringen zu können, die sie mit Herman spielt. "Margot", eine Musiktheatervorstellung mit Gaëtane Bouchez und Karin Hougaard in den Hauptrollen, inspiriert vom Leben von Margot Fonteyn. Der vielleicht berühmtesten Primaballerina des vergangenen Jahrhunderts. Eine Frau mit einem auffallenden Freundeskreis, darunter Marcos, Noriega und Pinochet. Die dritte Produktion ist eine Vorstellung mit Max Douw, "Het debuut". Max ist ein talentierter Kleinkünstler, den Herman an der Amsterdam Toneelschool kennenlernte. Er erinnert Edith an die Schwarzweiß-Fotos, die es noch von Herman gibt!
Schließlich: 400 Vorstellungen im Carré. Herman hatte die erste auf Empfehlung des damaligen Betriebsleiters Dekker. In dieser Zeit kam Herman von hinten aus dem Saal auf die Bühne. Als er hinter dem roten Vorhang auf dem Auftrittspunkt stand, hörte er ein Gespräch zwischen dem damaligen Direktor Dr. Karel Wunnink und Dekker, die an der anderen Seite des Vorhangs standen. Dr. Wunnink meinte, mit Herman würde es nicht hinhauen. Es waren nur 400 Leute im Saal, wahrscheinlich zum größten Teil Familie. Dekker sprach Herman sein volles Vertrauen aus. Und obwohl am zweiten Abend nur 320 Leute kamen und am dritten Abend nur an die 200, war das Carré eine Woche darauf total ausverkauft. Nach der letzten Vorstellung bat Dekker Herman in das Direktionszimmer, das sich damals noch unter der Treppe beim Eingang befand: "Trag ein, wann du wieder kommen willst!" So entstand eine Tradition, die bis zum heutigen Tag noch immer existiert. Der jetztige Direktor, Hein Jens, verkündete vergangene Woche, dass Herman immer willkommen sein wird, selbst wenn er mit einem Rollator auf die Bühne kommen müsste.
Herman sagt : "Ich bin nicht der größte Künstler, und ich bin auch nicht der kleinste. Was ich vor allem kann, ist hart arbeiten. Das habe ich von Haus aus mitbekommen. Auf einem Fußballplatz muss man dreimal versuchen, an mir vorbei zu kommen, und wenn man dann denkt: Jetzt schieß ich ein Tor, wird man merken, dass ich auf eine andere Art und Weise doch wieder dafür sorge, dass der Ball nicht reingeht. Wenn ich auf die Bühne gehe, darf man sich darauf verlassen, dass ich mein Bestes geben werde, um den Menschen einen unglaublichen Abend zu besorgen."
Roger Hendriks