Montag, 11. Februar 2008

Südafrika

Südafrika ist ein großes, unerhört prächtiges Land, das mit phänomenalen Problemen kämpft. Die bitteren Nachwehen der Apartheid, Rezession,
AIDS, Arbeitslosigkeit, Massenflüchtlinge aus dem Norden, unheimlich wuchernde Verbrechen.
Lese auf der luxuriösen, sonnigen Terrasse unseres Hotels in der örtlichen Zeitung, dass im Südafrikanischen Heilbron eine Frau ihren Mann Jan Selilo zwei Wochen nach seiner Beerdigung noch einmal bestatten musste, weil Diebe das frische Grab geschändet hatten. Bei Nacht und Nebel hatten Unholde die Ruhestätte wieder aufgegraben, die Leiche von Jan aus dem neuen in einen alten verrotteten Sarg gehoben und Jan Selilo dann wieder unter den afrikanischen kargen Boden geschaufelt. Beim Besuch des Grabes, um dort Blumen niederzulegen, sah die Witwe, dass die Erde aufgewühlt worden war. Die Polizei steht fürs erste vor einem Rätsel.
Währendessen ich das aufschreibe, fällt das Licht aus. Der Springbrunnen, der unser Frühstück mit regelmäßigem Geplätscher begleitete, sackt wie eine Fontaine, die damit aufhört, in sich zusammen.
Das neue Problem. Es gibt nicht genug Strom, um die wachsende Nachfrage zu befriedigen. Auf Schritt und Tritt fällt das Licht aus.

"Was ist der Unterschied zwischen der Titanic und Südafrika?"
"Als die Titanic sank, brannte das Licht noch."
Wir lachen, aber es bleibt einfach unglaublich traurig, dieses von Gott gegebene Land sich so quälen zu sehen.

Montag, 28. Januar 2008

Mahler

Es herrscht eine flimmernde Hitze. Das Thermometer steht auf 38 Grad. Ein wolkenloser blauer Himmel umgibt die Berge bei Stellenbosch. In den Straßen wagt keiner, sich zu beeilen. Die Dorpstraat, die älteste Straße dieser Weinstadt, ist heute für den Verkehr gesperrt. Es gibt eine Ausstellung in der Straße. Ein niederländischer Maler zeigt sein Werk. Sechzehn Gemälde mit in Acryl eingefangenem afrikanischen Licht. Monochrom, abstrakt, Bilder in blau, in braun und gelb, in schwarz und grau, in weiß und rot. Ruhige Leidenschaft. Leichte Schichten, als wären gefärbte Wolken auf den Gemälden gelandet. Oder Ausblicke auf einem tiefen Ozean. Es gibt niemanden, der es weiß. Der Maler, ein etwas älterer kahler Mann, stimmt seine Violine in der noch leeren Galerie. Er wird zusammen mit einer Gitarristin anlässlich der Ausstellung etwas singen und etwas spielen. “Der Maler?” fragt ein barfüßiger schwarzer Mann. “Er singt und spielt Geige,” sagt Piet, “er malt nur ab und zu..” Piet und Ilse leiten gemeinsam die Dorpstraat Galery. Es kommen viel zu viele Menschen. Die Gemälde verschwinden hinter den Rücken der redenden und alles trinkenden Menschen. Der Maler singt, die Frau spielt. Einige Besucher lauschen aufmerksam, andere reden leise weiter. Wieder andere, denen alles spanisch vorkommt, verabschieden sich auf französisch. Applaus ertönt bis weit in die Straße. Der Maler begibt sich unter das Publikum. “Schön,” sagen einige. “Prächtig,” andere. “Baye baye sonderbar, es berührt mich.” “Was für ein Material verwenden Siel?” Der Maler erklärt detailliert, wie er arbeitet. “Genial,” sagt eine Frau. “Ich habe an der Kunstakademie studiert.,” lässt sie wissen. “Das dachte ich schon. Sie machen es mit Leib und Seele. Handwerklich bin ich erst sieben Jahre. ” Ein Mann mit Kinnbart, Schnäuzer und Pferdeschwanz lädt den Maler in sein Atelier ein. Er ist auch ein Maler. “Kommen Sie nächstes Mal zu mir, um zu arbeiten,” sagt er mit lauter Stimme. “Dann bringe ich Ihnen das Malen bei.” Der etwas ältere kahle Maler weiß nicht, was er sagen soll. Der Mann mit Kinnbart, Schnäuzer und Pferdeschwanz fährt fort: “Schauen Sie, das Gemälde da bei der Tür. Das ist schon sehr ungewöhnlich. Was haben Sie auf das Bild geschrieben?” “Es ist ein tröstlicher Gedanke zu wissen, dass Veränderung das Einzige ist, das bleibt.”

Montag, 21. Januar 2008

Leihweise

Wenn wir Ferien machen, mieten wir meistens einen Kleinwagen, groß genug für uns, unsere Jacken, Einkäufe und Koffer. Das geht ganz einfach. Du füllst ein Formular aus, lässt deinen Führerschein sehen, deinen Ausweis und die Kreditkarte. Du setzt deine Unterschrift und ein paar Initialen neben irgendwelche Kreuzchen und fährst im gemieteten Wägelchen der Sonne entgegen. Hat man es leer gefahren, liefert man das Gefährt wieder ab und läuft weiter.

Mit dem Leben ist das eigentlich genauso. Nur das realisiert man nicht jederzeit.  Weil das Leben keine Räder hat, keine Rückenheizung, keinen Kofferraum oder Airbag. Auch das Leben mietest du. Man least es als eine Ware ohne Vertrag.
Das Leben hast du für eine unbestimmte Zeit. Wann man es zurückgeben muss, ist eine offene Frage. Was man dafür bezahlt, hängt davon ab, was man damit macht. Ob du es lange hast oder kurz, hängt vor allem von den Gegebenheiten ab, worauf man kaum Einfluss hat.
Erdrutsche, umstürzende Bäume, Blitzeinschlag, ein besoffener Idiot, der sich hinter das Steuer seines Mercedes setzt. Genetische Unvermeidbarkeiten können deinen nicht unterzeichneten Mietvertrag unvermittelt ablaufen lassen. Das Leben geht jedenfalls vorbei. Alles im Leben ist geliehen, solange das Leben dauert. An welchem Ende auch immer, du gibst es an seinen rechtmäßigen Eigentümer zurück, an das Leben selbst. Danach reist man in seiner bloßen Seele, falls man reiselustig ist, vielleicht doch in ein neues zu lebendes Leben, aber das ist ganz und gar nicht sicher.
Für diese Garantie existiert keine Gebrauchsanweisung, da kann man nichts finden, nicht im kleinsten Kleingedruckten.
Hoffe natürlich, dass da in himmlischer Zukunft, in über etwa 100 Jahren, am Ende meines Darlehens, noch solch ein Leben oder sieben auf mich warten.

Montag, 7. Januar 2008

Gute Vorsätze

Wünsche Ihnen
Gesundheit, Glück und Weisheit
und dass die Äpfel auf die Köpfe
Ihrer Feinde fallen mögen.
Dass sich alle Tüpfelchen auf Ihre i-s setzen.
Dass Sie fremde Sprachen lernen,
um so das Schweigen der Ausländer
besser verstehen zu können.
Dass Sie nicht zu vertraulich
mit sich selbst werden.
Glauben Sie den Märchen nicht,
denn sie sind wahr.
Wünsche Ihnen,
dass Sie sich von keiner Zeitung
Ihren Blick auf die Welt versperren lassen.
Dass Sie Ihren Kopf
nicht an diese oder jene Sense verlieren.
Denken Sie daran,
der Tod stirbt niemals
wie wir Menschenseelen aus.
Wünsche Ihnen,
dass Sie an keinen Gott glauben,
der Ihnen ähnelt,
und dass Sie die Fakten
nicht beschönigen.
Lassen Sie sich nicht mit Idioten ein,
wenn Sie kein Psychiater sind.
Laufen Sie nicht mit bloßen Füßen
über Rosen.
Sehen Sie ein,
dass die meisten Menschen einsam sind.
Sagen Sie nicht,
ich bin,
aber ich bin da.
Ich wünsche Ihnen weniger Worte,
und nicht zu viel Verstand.
Denn nur die,
die gesunden Menschenverstand haben,
werden verrückt.

Herman van Veen

Montag, 24. Dezember 2007

Ich wünsche Ihnen allen ein friedliches Weihnachtsfest und ein gesundes 2008.

Herman

Sonntag, 23. Dezember 2007

Hummel

Auf dem Foto in der Zeitung standen gemeinsam zwei Jungen mit Gitar-ren und ein Mann von etwa Fünfzig in tadellosem im Anzug und mit Bassgitarre. Die Jungen, Studenten. Der Mann, ein amerikanischer Prä-sidentschaftskandidat. Er scheint die Überraschung der Vorwahlen-Kampagne zu werden.
Mike Huckabee ist sein Name. Er war ungefähr 10 Jahre Gouverneur von Arkansas. Spielt zu seinem Vergnügen Bass in der Rockband Capitol Offense. Er war dick, lese ich, nahm aber 45 Kilo ab. Läuft Marathon, schreibt über seine Lebenswege echte Bücher. Sieht aus wie ein Schau-spieler aus einem Film der Fünfziger Jahre. War einst Baptistenpfarrer. Spricht mit angenehmem südlichem Akzent. Setzt sich für den kleinen Mann ein. Ist noch immer bei seiner ersten Frau. Gegen Abtreibung. Für gemäßigte Steuererhöhungen. Er gilt als konservativ-christlicher Repu-blikaner, hat keine Erfahrungen mit Auslandspolitik und im Vergleich mit anderen Präsidentschaftskandidaten kaum Geld. Nahm niemals Dro-gen, ließ sich niemals befriedigen, von keiner einzigen Praktikantin. Ist nuanciert bezüglich Ausländern und ein großer Befürworter der Todes-strafe. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften lehnt er vehement ab, bejubelt den Irakkrieg und ist Anhänger des Kreationismus. Will das in den Schulen lehren.
Am 8. Januar 2008 werden wir wissen, dass er die Republikanischen Vorwahlen gewinnen wird.

Wieso ich das jetzt schon weiß?
Ein TV-Interviewer fragte ihn vergangenen Sonntag: „Mit derart weniger Geld als die anderen, können Sie doch überhaupt nicht gewinnen.“
Huckabee antwortete: „In Anbetracht ihres Umfangs und der Spannweite ihrer Flügel ist es nach dem Gesetz der Aerodynamik für eine Hummel unmöglich zu fliegen. Aber die Hummel, dieser wissenschaftlichen Fakten unkundig, kümmert das nicht und fliegt doch.“
Was Huckabee da sagt, ist nicht wahr. Gottes Schöpfung, die Hummel, ist perfekt. Huckabee lügt oder stellt sich bewusst unwissend. Das macht ihn zu einem charakteristischen politischen Sieger.

Und woher ich das über die Hummel weiß? 
Bin jahrelang eine gewesen.

Montag, 17. Dezember 2007

Über den Wolken

Immer wenn ich im Flugzeug sitze, bin ich über die Schönheit des Himmels über den Wolken erstaunt. Atemlos kann ich durch so ein klitzekleines Fensterchen auf die Pracht starren, die unter solch einer Flugmaschine hinweg gleitet. Heute fliege ich von Hamburg nach Amsterdam. Gegen halb vier nachmittags. Die Sonne hängt schräg vor uns und donnert ein sengendes Licht über die Wolkenlandschaft, so dass es aussieht, als ob 100 000 präzise nebeneinander gelegte luftige Blumenkohl treiben. Wolken erinnern mich stets wieder an Selma Meerbaum-Eisinger. Das jüdische Mädchen, das im Zweiten Weltkrieg in einem Arbeitslager ermordet wurde und der Welt 57 prachtvolle Gedichte hinterließ. Ihre letzten Worte waren:

Das ist das Schwerste: sich verschenken
und wissen, daß man überflüssig ist,
sich ganz zu geben und zu denken,
daß man wie Rauch ins Nichts verfließt.


Darunter mit rotem Stift und hastig dahin geworfenen Lettern:
Ich habe keine Zeit gehabt zu Ende zu schreiben ...“

Sie ist, erschütternd, in Rauch aufgegangen.
Wie Wasser in Wolken, die verschwinden, wie der sprichwörtliche Schnee vor der Sonne.
Was mich daran denken lässt, dass der Tod von Menschen nicht den Verlust ihrer Geschichte bedeuten darf.

Dienstag, 4. Dezember 2007

Ich war unterwegs mit Ediths “Etude Feminine”. In der Speeldoos in Baarn, in der schönen alten Kirche von Soest und in der von Emmen, in Concordia Enschede, einem etwas seltsamen kleinen Saal in Aachen, im gläsernen Konzertsaal der Philharmonie in Essen, wo wir mal Windekind spielten, im kleinen Saal des Brucknerhauses in Linz, in Saarbrücken, wo ich nicht auftreten konnte wegen der Kerner-Talkshow in Hamburg, im kleinen Saal der Arenberg Schouwburg in Antwerpen und schließlich in Horbach, bei jemandem, der genau wie wir neben seinem Haus ein Gebäude zum Musizieren errichten ließ.

Edith war toll. Schöne Stücke, gut gespielt, ein fesselnder roter Faden und ein Publikum, das sich von ihr nur mit Mühe trennen konnte. Am Schluss des letzten Konzerts konnte sie nur über eine ziemlich endlose Treppe auf- und abtreten. Sieben Mal sah ich sie hin- und herrennen. Bei der letzten Zugabe blieb sie jedoch atemlos auf der zweiten Stufe sitzen.

Gestern geprobt für die Weihnachtsvorstellung, die wir Donnerstag und Samstag in Antwerpen, in der Carolus Borromeuskerk, spielen werden.
Und Montagabend in der Großen Kirche von Naarden aus Anlass des zehnjährigen Bestehens unserer Herman-van-Veen-Foundation. Ein Jahrzehnt Einsatz für die Rechte des Kindes. An diesem Tag erscheint dann “Medemens”, das Buch, das ich über die 40 Jahre schrieb, in denen ich unterwegs für Menschen war, die es nicht so gut getroffen haben wie wir.
Am Tag danach spielen wir die Weihnachtsvorstellung auf Deutsch in Bochum. Der Stress bleibt bis zum Weihnachtsbaum. Danach werde ich auf die Kugeln starren.

Gestern Abend war ich Gast bei “Pauw en Witteman”. Ich durfte reagieren auf “verwildering” und was sie in meinem Buch “goeie genade” lasen, das sie “Höchstpersönlich” nannten.
Es war nicht leicht für mich. Ich schreibe, um zu bewahren und zu teilen. Aber ich hab kein Problem damit, auch zu verhüllen. Je älter ich werde, desto sinnvoller erscheint es mir.
Ich schreibe jede Woche für ungefähr zwanzig deutsche Zeitungen eine Kolumne. In dieser Woche war mein letzter Satz: “Der Tod von Menschen darf nicht den Verlust ihrer Geschichte bedeuten.”

Ich bin momentan am Schreiben des Buches “De rode draad – Utrecht, volgens mij”, das im März erscheinen wird. Ich musste mich dafür mit der Geschichte der Stadt Utrecht befassen und erfahren, dass sich alles wiederholt. Es geht immer so weiter. Menschen machen offensichtlich immer dieselben Fehler, so lange, bis es ihnen vielleicht klar wird.

Ich gehe Sonntag zum Spiel AZ gegen Utrecht. Ich hoffe, dass es genau so ausgeht wie seinerzeit Ajax gegen Utrecht und dass ich meine Stimme
in der Burg von Alkmaar freudig erschallen lassen kann. D.O.S. wird siegen.

Montag, 19. November 2007

Es sind offensichtlich Stresstage. Die CD “Nederlanders” liegt in den Plattenständern, inklusive der Zusätsliche CD “Utrechtse monologen”. Feierliches Release im Amsterdamer "Paradiso". Wir spielten ein Minikonzert mit Erik van der Wurff, Edith Leerkes, Rob Winter (dem von Marco Borsato) und ich. Unser Debüt in diesem Toptempel.
Ich höre soeben, dass "Nederlanders" diese Woche im Radio 1 und Radio 2 “CD der Woche” geworden ist.. Stündlich kann man ein Lied hören. Toll.
Die CD "Nederlanders" ist auf dem 25sten Platz in der CD Top 100 gelandet, während “Chapeau”, unsere französische DVD/CD, schon die zweite Woche auf Platz 2 der klassischen Top 15 steht. Es ist wie 1970.

“Goeie Genade”, die niederländische Version von “Lieber Himmel” (Verlag: Gütersloher Verlagshaus), gibt es jetzt auch zu kaufen im Buchhandel und bei uns. Ich habe in diesem Buch meine gutgläubigen Erkenntnisse an eine symbolische Wäscheleine aufgehängt. Von Sinnen, Sinn und Unsinn, inspiriert von dem einzigen Buch, das mein Opa hatte. Einer Staatenbibel. Dieses Buch ist erschienen im Verlag Kok, Kampen. ISBN 978 90 435 1457 6.
“Medemens”, das reich illustrierte Buch, das ich anlässlich des Jubiliäums de Herman van Veen Foundation schrieb, liegt beim Drucker. Ich freue mich auf die Fahne.

Anfang letzter Woche Pressekonferenz in Hilversum aus Anlass der Weihnachtsvorstellung, die wir in der Großen Kirche von Naarden spielen werden. Spannend. Das war für mich nicht ganz leicht. Ich kann meine Vorstellung von Gott nicht in Worte fassen. Sie ist ein “Ermitteln”. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass etwas auch vorbei sein kann. Ich schrieb einmal als junger Mann, dass Veränderung das einzig Bleibende ist. Ich bin manchmal ganz sprachlos, wenn ich das nicht formulieren kann. Dass ich die Weihnachtsgeschichte immer erzählen will, liegt vor allem an meinen Erinnerung an das Weihnachtsfest zu Hause und daran, dass ich nicht verstehe, warum die Menschen nicht von den Flüchtlingen lernen wollen- Auch Josef und Maria waren welche. Auch damals schon waren Grenzen dicht und blieben Türen verschlossen.

Gestern Mittag spielten Edith Leerkes, Rob Winter und ich, anlässlich der Vernissage einer neuen Ausstellung von meinen "alten" (ich male unterm Strich erst seit sechs Jahren) und jüngsten Bilder im idyllischen Städtchen Landgraaf, nördlich von Maastricht. Dort befindet sich in einem weißen Haus die Ipomal Galerie en Kunstuitleen, Charles Frehenstraat 5, 6374 EK Landgraaf. Tel: 0031-45-5323619, ; Kontakt: Ineke Paliska. Bis einschließlich Weihnachten hängen dort 25 Werke von mir.

Am Donnerstag spielten wir die letzte Aufführung von unserer Serie in de Arenberg zu Antwerpen. Die flämische Tournee ist jetzt abgeschlossen. Belgien steht Kopf. Nicht wegen unserer Abreise, sondern weil die Flamen und die Wallonen partout nicht mehr durch eine Tür wollen. Dass das möglich ist, kommt meiner Meinung nach durch die neue europäische Wirklichkeit. Es erscheint logisch. Die Grenzen verschwinden. Sie fügen sich Flussbetten oder den alten Sprachgrenzen.

Morgen erscheint bei Harmonia Mundi “Etude F”, Edith Leerkes’ erste Solo-CD. Das Release findet statt in der Alten Kirche von Soest, wo sie einen großen Teil ihrer Kompositionen vortragen wird.

Daneben viel Fernsehen und Radio. Das macht mir großen Spaß. Es gibt viele Reaktionen, manchmal auch von Menschen, von denen wir seit Jahren nichts mehr gehört hatten. Im Fernsehen sagte diese Woche ein Mann: “Je älter der Baum, desto mehr Früchte.”
Jetzt hoffe ich nur noch, dass das Herbstwerden künftig keinen Einfluss mehr auf den Stamm ausübt, der dieses Leben so faszinierend macht.

Montag, 5. November 2007

Wir sägen die Weiden

Es ist Samstagmorgen neun Uhr. Eine wässrige Sonne streut ein verschwenderisches Licht auf die bunten alten Herbstbäume, die unser Haus umgeben. Sechzehn Männer und Frauen  warten. Die Säge im Anschlag für die Dinge, die in Angriff genommen werden sollen. Die Weidenkappertruppe. Ehrenamtliche Natur-Mitarbeiter, die Bauern und anderen auf dem Lande lebenden Menschen  mit geschliffenen Geräten helfen, die Weiden zu schneiden. Weiden, die im Weg stehen oder nur weil es schön ist oder weil sie tot sind, verdorrt, verkrüppelt oder schief.

Der jüngste Weidenkapper ist schätzungsweise elf. Der älteste um die zwanzig. Etwas mehr Männer als Frauen. Wir teilen uns in drei Gruppen auf. Die erste kümmert sich um die stark verwilderten Weiden an der Schafsweide. Sie dürfen alle total zurückgeschnitten werden. Kniehohe Stämme müssen stehenbleiben, damit sich Schafe daran schubbern können, wenn es sie am Rücken juckt oder sie ihre Wolle los werden wollen.

Nachdem ich das eine und das andere erklärt habe, gehen ein paar Männer ans Werk und sägen schweigend das, was in Jahren gewachsen ist, ratzfatz ab. Perfekt, ich drehe mich um und sehe, wie die ersten dicken Äste gekonnt abgetrennt werden.

Bevor ich den Frauen auch nur hätte erklären können, dass ich den zweihundert Meter  langen Graben am Rand weidenfrei haben möchte, haben die Weidenkapper hinter uns schon fast die Hälfte eines Arbeitspensums geschafft, für das ich etliche Tage kalkuliert hatte.

Leise redend sägen und schneiden sich die Frauen eine Schneise am sumpfigen Grabenrand. Während mein Team und ich an den toten Weiden beim spoorbos, wie wir ihn nennen, beginnen. Eine Stunde später ist die Hälfte der Arbeit erledigt. Siebzehn Leute, hundertfünfzig Weiden geschnitten und geschoren. Überall Holzbündel, schön ordentlich gestapelt, mit den dicken Teilen gen Westen. Kaffee, Anekdoten, Ärmel werden aufgekrempelt. Es wird fleißig weiter gesägt. Anderthalb Stunden später sind wir fertig. Unser Grund und Boden atmet wieder Aussicht. Tote Zweige warten. Auf die Igel, die Käfer und das Kleingetier. Schimmelarten freuen sich, Moose setzen sich in Gang. Reisig genug, um Bretterzäune zu dichten. Stöcke genug, um junge Pflanzen zu stützen.  Jede Menge Äste mit Trieben für die Hirsche und die Schafe zum Knabbern. Wir machen noch eine gemeinsamen Spaziergang über das Land. Wir schütteln einander die Hand und geloben feierlich, im nächsten Jahr wieder alles fertig zu sägen. Ich freue mich königlich über diese Weidenkappertruppe.

Am Abend sitze ich mit schmerzenden Schultern und geschwollenen Händen vor dem Fernseher und muss noch lächeln über so viel Liebe zum Sägen.