Montag, 5. November 2007

Ein Zeichen

In der großen Stadt, in der wir spielten, herrschte schon seit Tagen  Hundewetter. Jeden Tag stapfte ich zwischen den Bindfäden hindurch mit meiner Geige auf dem Rücken vom Hotel zum Nationaltheater. Meine schwarzen Wildlederschuhe waren durchweicht. Ich kriegte sie nicht mehr trocken. Ich hatte schwarze Füße. Als es am dritten Tag trocken wurde, machte ich mich auf die Suche nach einem Schuhladen in der Nähe des Theaters. Ich hatte meinen Kragen hoch, nicht wegen der Kälte, das mach ich immer, weil ich allergisch gegen Zug bin. Ich krieg’ leicht schlimme Ohrschmerzen. Das hatte mein Vater auch. Das Einzige, was dagegen hilft, ist, den Hals warm zu halten. In einer belebten Straße kommt ein junger Mann mit einem Lächeln auf mich zu. Auch mit hochgeschlagenem Kragen. Er klopft mir auf die Schulter. Ich denke einen Moment, dass er ein Fan ist. Ich warte auf die Frage: “Meine Mutter liebt Ihre Lieder, könnten Sie vielleicht, haben Sie was zum Schreiben ...”. Aber nein, er sagt, dass er lieb zu mir sein will, und dass das nicht viel kosten würde. Er wüsste - und er deutete auf das gegenüberliegende Hotel - ein angenehmes Tageszimmer. Ich war verblüfft, wusste nicht, was ich sagen sollte. Der junge Mann war fest davon überzeugt, dass er etwas hatte, wonach ich auf der Suche war.  “Ich suche einen Schuhladen”, sagte ich. “Schau mal, meine sind durch und durch nass”. Der junge Mann lächelte und legte seine Hand auf meinen Arm. In seinem Blick lag Enttäuschung oder Angst. “Nein danke”, sagte ich wie auf einem Markt, wenn jemand einem noch ein Paar Socken verkaufen will. Der junge Mann entschuldigte sich. Seine Blicke suchten schon wieder eine andere Beute.
Eine seltsame Erfahrung. Mir war es ungemütlich geworden. Ich versteckte mich im Schuhladen und konnte von innen über die Schuhe im Schaufenster erkennen, dass unter den Passanten mehrere Männer mit hochgestelltem Kragen waren. Auf der anderen Seite bei den Containern stand noch so ein junger Mann, wie John Travolta in Grease. Im Zeichen des Kragens.
In dem Schuhgeschäft gab es auch Schals.

Montag, 29. Oktober 2007

Schimpanse

Ein Biologe erzählte von einem Vogel, der im Käfig einer Schimpansengruppe gegen eine Glasscheibe geflogen und danach bewegungslos auf dem Boden liegen geblieben war. Einer der Affen hat den Vogel aufgehoben. Ist mit dem Tierchen vorsichtig auf den künstlichen Kletterbaum gestiegen, hat es dann, nachdem er die Flügel mit seinen gelenkigen Händen äußerst behutsam ausgebreitet hatte, auf den allerhöchsten Ast gelegt und gewartet, bis der Vogel wegflog.

“Schimpansen”, so erzählte der Biologe, “lassen manchmal eine Mahlzeit aus. Geben ihr Essen dann kleinen oder kranken Tieren.” Ein junger Schimpanse lässt älteren Schimpansen immer den Vortritt. Schimpansen sind unglaublich sozial.

Es ist unmenschlich.

Freitag, 26. Oktober 2007

Autor

Es gab im Fernsehen ein Begräbnis. Eine Beerdigung eines Schriftstellers. Dessen Bücher wir früher in der Schule lesen mussten. Lyrischer Realismus. Geschichten über Menschen, die seltsame Dinge tun. Über die Natur. Was da kreucht und fleucht. Das Wunder der Evolution. Enthüllende Geschichten. Frei von jeglicher Scham.

Familie, Freunde und Gäste lauschten den Worten der Familie, Freunde und Gäste. Während der Schriftsteller dalag und aufs Feuer wartete.

Unter den Gesichtern in der Aula sah ich ein paar befreundete Schriftsteller des Schriftstelles. Genau so alt oder noch älter als er. Von der Zeit betroffen oder soll ich sagen angetan. Mit eingefallenen Schultern. In ihren Gesichtern Kummer, Wehmut über das, was gewesen ist?
Über das, was uns erwartet? Familie, Freunde und Gäste, die für Famile, Freunde und Gäste in anderen Aulen reden, auf anderen Friedhöfen, in anderen Städten. In einer gar nicht so fernen Zukunft.

Mit dem Tod des Schriftsteller ging auch etwas von uns verloren. Etwas von Holland. Etwas von dem, was wir waren. Was wir nie mehr sehen werden.

Das wurde mir klar, als ich im Fernsehen die Beerdigung sah.

Dienstag, 23. Oktober 2007

Herbsttournee

Ich schaue auf den grauen Fluss. Ein Rheinschiff schiebt sich stromaufwärts zum fernen Osten. Ein Pärchen geht eingehakt unter einem Regenschirm auf dem Kai spazieren. Drei alte Bäume verlieren ihr prächtiges Laub. Blatt für Blatt. Ein Mann mittleren Alters versucht, sein übermäßiges Fett wegzujoggen. Mainz, letzte Vorstellung unserer unvorhergesehenen kleinen Herbsttour. Geplant war, im Oktober und November Promotion für das beim Gütersloher Verlagshaus erschienene Buch “Lieber Himmel” zu machen. Ein Auftritt war nur auf der Frankfurter Buchmesse geplant. “Wenn Sie schon in Deutschland sind, können Sie dann nicht auch nach Mainz kommen und da auftreten? Das ist nur dreißig Kilometer weiter.” Und so ergab sich eins aus dem anderen. Nürnberg, Uhingen, München, Weinböhla, Frankfurt, Oldenburg, Aurich, Hamburg, Losheim, Mülheim, Bonn, Neuss, Mainz, nach Hause.
4200 Kilometer in vierzehn Tagen. Unterwegs mit Hauke Tedsen, Tourmanager und im Notfall Beleuchter, Merlijn “Fluitsma” für den Ton, René Lunenburg für den LKW und die Bühne, Dieuwertje van Ravenswaaij als Produktionsassistentin, Hanna Prins Praktikantin und fürs Merchandising, Garderoben, Kaffee und die Kekse, Edith Leerkes und ich. Ein für unsere Verhältnisse Mini-Team.
Die erste Vorstellung war in Nürnberg. Im Theater gab es technische Probleme, wir mussten in den Showroom eines Audi-Händlers ausweichen. Ich konnte von der improvisierten Bühne die Stadt sehen, die Straßen,  Leute, die reinstarrten und winkten. Ich stand zwischen den Autos. Es waren sehr schöne darunter. Eins kostete 160.000 Euro. Ich wusste nicht, dass es sie gab.

Wenn das Saallicht ausgeht, ist es eigentlich ganz gleich, wo man auftritt. Die Essenz bleibt, Technik, Publikum, Künstler. Es wurde ein toller Abend. Andere deutsche Wörter, neue Gedanken, noch nie zuvor öffentlich gesungene Lieder, Schritte, Gehopse, Unsinn, Ernst, Stille. Die Leute applaudierten unglaublich. Ich sah am Schluss Marie mit den unvergesslich braunen Augen. Zusammenpacken, was wir bei uns hatten. Wegfahren zur nächsten Stadt. Uhingen. Ich wusste nicht, dass es das gab. Tolles Theater. Beton, Stahl, Holz, Aluminium. Monochrom. Alles in Grautönen. Funkelnagelneu. Herzlicher Empfang. Blumen, Obst in der Garderobe. Leckere Schnittchen. Super Saal. Schönes Licht, tolle Akustik. Ohrenbetäubendes Publikum. Da sind wir nicht zum letzten Mal gewesen. Das Einladen ging in Windeseile. Wir haben nicht viel dabei. Kleidung, Requisiten, ein Tonpult für den Fall, dass die Saalverstärkung nicht genügt. Instrumente für 2 Personen, Merchandise, Säcke mit Pingpongbällen, Flaschen mit Mineralwasser, ein Feuerwehrschlauch, Silberschnipsel. Eine Stunde nach dem Ende der Vorstellung fahren wir nach München, Deutsches Theater. Bin da schon oft gewesen. Einmal bekam ich 1800 Rosen. Giga Saal. Genau so viele Leute. Schön ist er nicht. Sauber auch nicht. Sieht aus wie ein Broadway-Theater. Viele Leute, die unklare Dinge tun. Treppen, Aufzüge, Türen, Container, Vorhänge, Teile von Bühnenbildern, Showkleidung. Große Bühne, tiefer Saal. Merlijn, der Tonmann, ist ziemlich nervös. Er verstärkt zum ersten Mal in seinem jungen Tonleben so ein Riesending. Es ist nicht nichts. Allein schon auf den Balkon passen ebensoviel Leute wie in die Utrechter Schouwburg. Brechend voller Saal. Rückenwind, ich bekam Flügel. Merlijn schlägt sich mit Glanz und Gloria. Was für ein Traumberuf, welch ein Privileg! Ich verbeuge mich wie ein Klappmesser. Im Hotel begoss ich dann ausgiebig mein Glück. Die Kopfschmerzen am nächsten Tag juckten mich nicht. Nach Weinböhla, tief in Ostdeutschland, hinter Dresden. Unser Tom-Tom geriet in Stress. Das Theater war nicht zu finden. Wir landeten buchstäblich auf einer Wiese. Laut Tom-Tom stimmt auch die Hausnummer. Schließlich gefunden. Zu spät. Hetze, Unruhe. Alles in letzter Sekunde. Schöner kleiner Saal. Freundliche Menschen. Schöner Abend. Hinterher spannendes Gespräch über Kirchen, die man nicht oder doch nach Bombardierungen restaurieren müsste. Übernachtet in Dresden, im Hilton, das da schon zu DDR-Zeiten stand. Als Auftakt für den Fall der Mauer.
Nach Frankfurt zur Buchmesse, wegen der Promotion meines jüngsten Buchs. Eine Katastrophe. Alles was schief gehen konnte, ging schief. Edith und ich waren da mit Kiki. Die anderen schon unterwegs zur nächsten Stadt. Kiki war dafür extra aus Holland gekommen. Der Empfang durch diejenigen, die unseren Auftritt organisiert hatten, war ein Witz. Wo mussten wir hin? Kein Mensch wusste es. Nein da, oder war es da? Halle A, oder Halle 2d? Schließlich landeten wir irgendwo und wurden von einem Parkwächter angeschnauzt, der uns in unmissverständlichem Deutsch wissen ließ, wie unverschämt wir wären. Das wir da, wo wir standen, unmöglich bleiben konnten. Verboten. Dass wir umkehren sollten, sonst würde er die Polizei anrufen, die uns abschleppen würde und dass wir das dann bezahlen müssten.  Jemand schrie in ein Handy, dass alles ein Missverständnis wäre. Entschuldigungen. Unser Auftritt fand schließlich in einem Café-chantant-Zelt statt. Wir waren nach Wolf Biermann an der Reihe, der wie ein Marktschreier Antworten auf “literarische” Fragen gab. Nicht jeder wollte nach seinem Auftritt das Zelt verlassen, damit wir den Ton testen und proben konnten. Es sollte um 17 Uhr anfangen, und es war 17 Uhr. Keine Garderobe, kein Raum für unsere Sachen und Instrumente. Die mussten wir im Auto auspacken und ins Zelt schmuggeln. Kein Kaffee, kein Händedruck, kein aufmunterndes Wort. Zum Glück jedoch Thomas Woitkewitsch und Alexander Schwarz mit aufmunterndem Nicken. Wir spielten, lasen was vor, Stille, Anerkennung, Zustimmung, Interviews, Autogramme geben und machen, dass man wegkommt. Mich sieht man da nicht wieder. In Oldenburg schon, sensationeller kleiner Saal. Die Leute saßen um die Bühne rum, find ich herrlich. Es wurde ein Hammerkonzert. Wir spielten länger als Mitternacht. Spülten Frankfurt weg. In Aurich waren wir schon einmal. In Deutschland gibt es tausend solcher Säle. Da könnte man ohne Ende spielen. Schöne Aussicht. Hamburg, Torhaus Wellingsbütel. Minisaal im Museum, 120 Menschen standen schon Stunden vor zwanzig Uhr draußen und froren. Jeder hatte eine große Garderobe. Ein Auftritt aus Anlass des Malers, der ich gerade  werde. 44 Werke hingen da in diesem Monat. Ich sang in einem selbstgemalten Bühnenbild, anders. Die Leute hingen an meinen Lippen. Es war toll, aber ich darf es nicht zu oft machen. In solchen kleinen Sälen krieg ich eine Art von Platzangst, will ich Wände umstoßen, wird mir merkwürdig warm. Ich war schon stolz auf alles, was da hing. Ich dachte ab und zu: “Kuck mal Mama, das hab ich gemacht”. “Schön, Junge”, sagte der Vater in meinem Kopf.
In Losheim sangen wir in einem Eisenbahnmuseum. Ich hatte eine Garderobe, die so groß war, wie die Jaarbeurs-Halle in Utrecht. Überall standen Züge, hingen Fotos, historische Gemälde von Zügen. Losheim liegt an der Grenze von Luxemburg. Im Laub versteckt. Umgeben von 100 Kilometern Wald. “Jeder Zug fährt nach Paris”, sang ich. “Ja”, sangen die Züge mit uns mit.
Nach Mülheim an der Ruhr. Wir spielten da zum ersten Mal 1967. Noch für den niederländischen Club. Mit Erik van der Wurff. Laurens van Rooijen und Gerard Stellaard, wenn ich mich recht erinnere. Nachts nach Bonn, zum ersten Mal in der Oper. Vergisst man die Beamtenstrukturen, die vielen unklaren Strukturen, die einem beim Aufbauen das Leben schwer machten, dann bleibt ein phantastischer Saal, mit super Licht und Ton. Ein Publikum, das nicht klein zu kriegen ist. Dann will man morgen wieder. Wie mein Enkel einmal sagte, bei einem häuslichen Weihnachtskonzert,
bei dem er, nachdem er sein Lied gesungen hatte, fragte: “Mama, darf ich nochmal?”. Vom ausgezeichneten Neuss nach Heute-Abend- Mainz im Herzen der alten Stadt. Ich freue mich und danke René, Merlijn, Hanna, Dieuwertje, Hauke und Edith für eine wieder mal  herrliche andere Zeit.

Montag, 22. Oktober 2007

Ugandisch

Wegen Nebel hatte mein Flugzeug drei Stunden Verspätung. Nachdem ich eine Stunde auf dem immensen Flughafen herum- gelaufen war, ging ich, um eine Kleinigkeit zu essen, in das einzige Restaurant, das noch geöffnet war, ein japanisches. Von den vierzig kleinen Tischen war einer besetzt. Da saß ein großer, schwarzer Mann und mühte sich mit zwei Stäbchen ab. Er hob die Arme verzweifelt hoch und lächelt mich an. Er sah, dass ich überlegte, wo ich Platz nehmen sollte. “Please”, sagte er mit einer einladenden Geste. Sein Flugzeug war auch verspätet. Er bestellte Sushi und Sake. Wir kamen ins Gespräch. Er erzählte von seiner Frau, seinen Kindern. Ich von meinen. Er von seinen Ugandern, ich von meinen Niederländern. Wir plauderten über unsere Götter und die Gauner und alles, was dazwischen ist. Er hatte eine Mutter, die wie meine allergisch gegen schmutzige Finger war. Und wir lachten über meinen Vater, der wie seiner immer nach seinem letzten Drink noch einen anderen letzten Drink nahm. Wir diskutierten über das, was man gegen das Elend in der Welt tun kann. Muss man noch helfen, wenn das Land dann von Hilfe und In- und Exportbestimmungen abhängig wird? Wir redeten über gegenseitigen Respekt und Wahlen.
Er wollte alles über den niederländischen Fußball wissen. Ich habe ihm Löcher in den Bauch gefragt, welche Tiere es noch in Uganda gibt. Die Zeit verging im Nu. Er hatte offensichtlich denselben Flug wie ich. Um ein Haar kamen wir zu spät. In Johannesburg sah ich ihn am Gepäckband wieder. “Take care, brother”, sagte er beim Abschied. “You too”. Ich war verblüfft, wie man in so kurzer Zeit mit jemandem von der anderen Seite der Welt vertraut werden kann, dessen Farbe das Gegenteil von der eigenen Farbe ist und bei dem im Grunde alles doch so ähnlich zu sein scheint.

Montag, 15. Oktober 2007

Onkel Wim

Onkel Wim, der Mann von Tante Jans, ist tot. Er wurde fast neunzig Jahre alt. Von der Generation meiner Eltern lebt nun keiner mehr. Hin ist hin. Jetzt sind wir an der Reihe. Onkel Wim war ein freundlicher, feiner, toleranter Mann. Als Kind war ich gern bei ihm. Samstags durfte ich bei ihm Fleischklößchen für die Suppe rollen und Schallplatten. Meine Tante und mein Onkel hatten einen wunderbaren jukebox-artigen Plattenspieler mit einer Glasglocke ohne Fingerabdrücke, durch die man sehen konnte, wie die Langspielplatten, eine nach der anderen, aufeinander schwebten. Doris Day, Pat Boone, Louis Armstrong, Vera Lynn, Edith Piaf, the Everly Brothers und wieder von vorn. Ich durfte da durch sein Zimmer rennen, seinen Totoschein ausfüllen, mit ihm raufen. Aber niemals, niemals an seine Frisur kommen. Die saß wie bei Frank Sinatra. Strenger Scheitel, lockere nach hinten gekämmte kleine Welle. Messerscharfe kurze Koteletten. Das war Sperrgebiet.
Onkel Wim war Musiker und Verkäufer von Herrenbekleidung und Matratzen. Er war immer tipptopp angezogen, trug schicke, von ihm selbst gestärkte, Oberhemden. Er arbeitete, soweit ich mich erinnern kann, bei der Galerie Modern, damals noch gegenüber von de Vroom & Dreesmann in Utrecht. An den Wochenenden spielte er auf Hochzeiten und Parties Schlagzeug.  Legendär waren seine Anekdoten, die er selber am allerschönsten fand.

Seinen Körper hat er der Wissenschaft zur Verfügung gestellt. Ich würde den künftigen Ärzten raten, sich beim Operierenüben, beim Sägen und Schneiden am Körper meines Onkel Wim keinen Zwang anzutun, aber sich zu beherrschen, wenn es um die Oberseite seines Kopfes geht. Er mag gestorben sein, aber wenn man an seine Frisur kommt, würde er mit Sicherheit von den Toten auferstehen.

Montag, 24. September 2007

Groß Wasserland, september 2007

Alfred Jodokus Kwak sitzt mit seinem Stiefvater Henk dem Maulwurf vor seinem Wohnholzschuh. Es ist ein warmer sommerlicher Tag im November. “Henk.... aber wenn es auf der Welt wärmer wird, dann schmilzt das Eis an den Polen und das sinkt und bricht dann ins Meerwasser. Wie Eiswürfel in einem Glas mit Limonade. Die Limonade wird dann schön kühl. Ist das mit dem Meer dann nicht auch so? Wird dann die Welt nicht nach einer Weile kälter? Weil doch der Wind über dem Meer dann kühler wird?  Könnte es so kalt werden, dass wir im Winter wieder Schlittschuh laufen können? Das fände ich toll. Und Schlitten fahren? Einen Schneemann bauen? Mit Schneebällen werfen, so wie wir es früher mit Dolf der Krähe taten, als sie noch nicht so gemein war?” “Ja Alfred, das Wetter ist wie eine Wippe. Geht etwas nach oben, geht gleichzeitig etwas nach unten.” “Henk? Müssen wir uns Sorgen machen?” “Nein, Alfred, das bringt nichts. Wir müssen die Dinge so sehen wie sie sind. Weißt du, wo meine Brille ist? Und tun, was wir dann tun müssen. Alles zu seiner Zeit, mein Junge.” “Sollen wir zum Meer gehen und nachschauen?” “Okay, Alfred. Ich hol nur noch schnell meine Gummistiefel.”

Freitag, 14. September 2007

Mit dem Verstreichen der Jahre scheiden geradezu wie Schnee in der Sonne immer mehr liebe Menschen dahin, Freunde, Bekannte und Familienangehörige. Diese Woche war es Fred de Rek. Heute wurde er in Culemborg begraben, in dem langen Schatten der Kirche.
Vater, Seemann, Wirtschaftsprüfer, Unternehmer, Erzliberaler und Stadtrat. viele Jahre lang Freund von uns, meinen Eltern und den Kindern. In der Kirche wurde von denen, die bei ihm nahe standen, gesungen und liebevoll gesprochen. Ich saß da mit meinen Schwestern, meiner Frau, der Mutter meiner Kinder, meiner ältesten Tochter, feuchten Augen, einem Kloß in der Kehle. Ein junger Mann trat vor den Altar. Zwei Tröpfchen Wasser Fred. Der Enkel sprach von Opa, niemand auf der Welt war wie er. Die Orgel  keucht und stöhnt von Ihm,  der gepriesen sei und der mir Frieden gibt. Ich blicke zur Seite zu meiner Tochter, denke an meinen Enkel.

Es wurde mir zuviel. Heute Abend werde ich singen “Alles, alles geht zu Anfang”.
Danke Fred.

Freitag, 10. August 2007

Heute Nacht hab ich gedacht:

Kein andrer kann dein Schnattern
so schnattern,
kein andrer kann dein Watscheln
so watscheln,
kein andrer kann so schwimmen
wie du.

Kein andrer kann deinen Tanz
so tanzen,
kein andrer kann dein Lied
so singen,
kann dein Gedicht so schreiben
wie du.

Heute Nacht hab ich gedacht:

Ich bin froh.


Alfred Jodocus Kwak

Freitag, 10. August 2007

Ich las beim Zahnarzt das Blättchen “Fruchtbare Erde’. Das Wort hatte der Rechtsmediziner H.C. Molenburg: “Unsere Empfindungen nähren nicht unseren Körper, sondern uns selbst. Dank unserer Sinne sagen wir: Ich lebe. Verlust der Wahrnehmung ist deshalb ein Verlust der Lebensfreude. Einige Jahre zuvor fiel mir in den Dünen auf, dass ich schon seit ein paar Jahren keine Goldhähnchen mehr gesehen hatte. Bis mir klar wurde, dass es nicht die Goldhähnchen waren, die versagten, sondern dass mir meine Schwerhörigkeit einen Streich spielte und dass es künftig vom Zufall abhängen würde, ob ich diese kleinen Vögel noch einmal sehen würde. In einem solchen Moment hat man eine kleine Trauerreaktion und begreift intensiv, was Sinnesorgane für einen tun. Was für ein Segen, dass wir unser Essen riechen und wie sehr fehlt uns diese Fähigkeit bei einer starken Erkältung.” Ich sah mich als achtjähriges Knäblein an der Hand meines Opas durch die Stadt spazieren. Opa mit einer dicken Zigarre im Kopf. Wir gingen über den Blumenmarkt auf dem Janskerkhof durch ein Meer von Gerüchen. “Riechst du das, Opa?” “Was, mein Junge?” Er nahm die Zigarre aus dem Mund und klopfte die Asche auf den Boden. “All die Blumen?” Opa blieb stehen, schnupperte wie ein Schäferhund in die Luft. “Ich rieche nur Willem II.” “Das erklärt”, sagte meine Mutter später, nachdem sie meine Erzählung gehört hatte, “warum Opas Schuhe nicht nach sauberen Füßen riechen.”