In Deutschland wohnt ein Augenarzt,
der immer, wenn er in Ferien geht,
das tut in Ländern,
wo es keine Augenärzte gibt.
Mit notdürftiger medizinischer Ausrüstung
führt er dann Augenoperationen aus
und hilft damit Hunderten Menschen,
die ohne seine Unterstützung
buchstäblich
die Hand vor den Augen nicht sehen würden.
Dieser Mann
wurde in Deutschland zurecht
als "Mensch des Jahres" ernannt.
Durfte zum Anlass von dieser festlichen Auszeichnung
eine Rede halten.
Es folgt ein Augenzeugenbericht
von Sabine Carolin,
die bei diesem unvergeßlichen Ereignis
anwesend war.
Liebe - ist ein Tätigkeitswort
Kennen Sie Alt Duvenstedt oder Büdelsdorf?
Nein?
Herman und mir ging es ebenso.
Bis vorgestern.
Dann aber entdeckten wir eine kleine versteckte Idylle
mitten im Schleswig-Holsteinischen,
fernab ausgetretener Pfade,
wo Schwäne mit dir plaudern,

Pferde ausgelassen über Wiesen ohne Gitter jagen
und mit wie dahin gemalten Seen,
die selbstvergessen
von ihrer eigenen Schönheit
den Morgen verträumen.
Und es thront dort auch,
im einige Kilometerchen entfernten Büdelsdorf,
eines der modernsten Druckzentren Europas.
Elegant und ästhetisch,
mit vortrefflichen Arbeitsbedingungen
und kluger Belegschaft.
Nur der so einzige Geruch der Druckerschwärze
sei derselbe wie früher,
bemerkt Herman,
dessen Vater einst in einer Druckerei arbeitete.
Was hatte uns dahin verschlagen?
Nun, es wurde vom Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag
der Preis „Mensch des Jahres“ vergeben,
in diesem Jahr an einen Mann,
der in selbstloser, besonderer Weise Gutes tut
für Lebens-Gefährten, die sich nach Hilfe sehnen.
Tausende Leser erwählten den Augenarzt
Dr. Hans-Joachim Miertsch,
diese außerordentliche Ehrung stellvertretend
für die vielfältigsten humanitären Aktivitäten entgegen zu nehmen.
Er opfert seit Jahren gemeinsam mit seiner Frau
den gesamten Jahresurlaub, um mit kleinen Operationen
Männern, Frauen und Kindern in Afrika das Augenlicht wiederzugeben.
Herman, der im letzten halben Jahr Woche für Woche
Kolumnen für die „Schleswig-Holstein am Sonntag“ geschrieben hat,
die es, laut Redaktion, inzwischen zu einem regelrechten Kultstatus gebracht haben,
war aufgrund seines allseits bekannten Engagements für Menschen in Not
Wunschgast der Verlagsleitung für die diesjährige Laudatio.
Es gab trotz höchstem Arbeitspensum und prallem Terminkalender kein Zögern.
Und so raste er nach einem Konzert in Brüssel über 600 Kilometer
alleine im Auto von links nach rechts durch die Lande,
um seine persönlichen Worte zu überbringen.
Die Laudatio,
bei seiner nächtlicher Ankunft in Alt Duvenstedt
schon ein kleines Kunstwerk,
(so beschrieb heute der Chefredakteur der sh:z die Rede)
rief jedoch noch nach einer winzigen Wichtigkeit,
nach einem Schlüsselwort sozusagen.
Und es wurde so nicht eher geruht,
bis es gefunden und eingeflochten war,
und wir froh und zufrieden die Mappe mit acht Blatt
voll beschriebenem Papier zuschlagen konnten,
um erwartungsfroh zur Veranstaltung zu fahren.
Herman in Weiß und mit einem Jackett,
das wohl im wahrsten Sinne des Wortes
nach seiner Augenfarbe
gewebt worden war.
Ein Genuss ihn anzusehen, echt wahr.
In Büdelsdorf wurden wir mit äußerster Herzlichkeit empfangen,
waren beeindruckt vom Ausmaß der Veranstaltung
und der Modernität des Druckzentrums.
An unserer Seite nahmen unter anderem
der sanfte und einnehmende Herr Dr. Miertsch
und seine gleichwertige Frau Platz,
Herr Ministerpräsident Carstensen, ein stattlicher, fröhlicher Mann,
Günther Fielmann, der Preisträger aus 2002, ganz bescheiden und mit gutem Durchblick,
und der sympathische Geschäftsführer des Verlagshauses, Herr Azmayesh.
Es wurde viel gesagt auf der Bühne, viel Schönes und Wichtiges,
umrahmt von Klassischer Musik.
Dann bat Jo Brauner Herman van Veen,
seine Laudatio zu verlesen.
Ich wünschte, ich könnte sie hier wiedergeben.
Das geht leider nicht aus Platzgründen.
aber ich kann Ihnen versichern,
dass sie voller Leidenschaft war und ohne Belehrung.
Nur ein einfacher Appell an die Liebe.
Ein Fluss.
Hinwendend, berührend,
aufwühlend und fröhlich auch,
weise und keck…
mit dem wieder- und wiederkehrendem Schlüssel:
Liebe - ist ein Tätigkeitswort.
15 Minuten, in welchen der Holländer
mit klarer ruhiger Stimme
eine hochkarätig besetzte Halle
zu wachsam zuhörendem Schweigen,
einen geehrten Mann zu leisem Weinen brachte,
und die am Ende zu unerwartet langem Applaus führten.
Selbst die emsigsten der zahlreichen Fotografen
hielten oft lauschend ihre klickende Geschäftigkeit an.
Ich bemerkte es mit Beglückung.
Die positive Energie in der Halle
hatte sich nach der Laudatio addiert.
Als Herman endete,
hab ich innen gejubelt wie tausend Kinder zugleich,
weil es auf den Punkt gelungen war.
Daumen nach oben zeigte er mir vom Rednerpult hinunter,
und ich hielt im strahlend meinen entgegen.
Alle Gesichter strahlten.
War das schön!
Am Schluss der Laudatio heißt es:
Hans-Joachim Miertsch ist
ein Mensch des Augenblicks,
für den der andere
mindestens genauso wichtig ist
wie er sich selbst,
der versteht,
dass Liebe ein Tätigkeitswort ist
und Zögern nicht zu tolerieren.
Der Augenarzt aus Eckernförde nickte sanft und wissend.
Nach einem kurzen Mahl vom Büffet
mussten wir uns verabschieden von
diesem frohen Geschehen.
600 Kilometer zurück.
Durch den Frühling.
Vorbei an leuchtendgelben Rapsfeldern,
friedlich dösendem Vieh, stillen Wiesen und Wäldern
vorbei an dunklen Teichen,
bunten Dörfchen
und unruhigen Städten.
Nach Hause.
Es war ein wahrhaft glücklicher Tag,
wir riefen uns das noch ein paar Mal zu am Telefon.
Und die Resonanz aus Schleswig-Holstein ist beflügelnd.
Ich bin sehr dankbar.
Und weiß, dass Liebe ein Tätigkeitswort ist.
Sabine Carolin Richter