Montag, 5. Juli 2010

Patricia

Sitze auf der Terrasse vom, wie die Broschüre sagt,

Leading Small Hotel Hugenpoet,

unter dem Rauch von Essen.

Nach einem langen Tag.

Früh raus, mit dem Auto nach Goch,

kurz über die deutsche Grenze bei Nijmegen,

für eine Pressekonferenz über den Aufbau des Alfred Jodocus Kwak-Hauses.

Ein Ferienhaus für Familien mit Kindern,

die mit ihrer Gesundheit zu kämpfen haben.

Das Haus kommt, wenn das Geld dafür gefunden wird,

in eine wunderschöne Lage, nur wenige Gehminuten von See und Wald.

Achtzehn Häuser sollen es werden,

Wohnungen, die wie ein Fächer  um das "Biosphären Haus"

in Form eines riesigen Wassertropfens liegen.

Angelehnt an den Text des Alfred Jodocus Kwak-Leibliedes:

“Plätscher, plitscher Feder, Wasser mag doch jeder,

geh schon mal nach Haus, ich kommt ein Tröpfchen später”.

“Heilpädagogisch, ökologisch beispielhaft und vor allem:

für Kinder sinnlich lebensnah”,

so erklärt es ein Professor der versammelten Presse. 


Meine Gedanken wandern zu Patricia.

Sie schrieb mir einst einen Briefchen.

"Herr van Veen, können Sie nicht einmal bei mir vorbeikommen?

Ich bin in der Wilhelmina Kinderklinik in Utrecht.

Die Ärzte sagen, dass ich nicht mehr lange leben werde.

Könnten Sie nicht vielleicht ein Liedchen für mich singen? Das wäre schön.“


Das Mädchen war so krank, dass es nicht ohne die Geräte überleben konnte.

"Kannst du hier denn niemals weg, auf Urlaub?“, fragte ich.

"Ja", antwortete sie,

"wenn die Geräte und die Menschen, die sie bedienen, mitkommen können.

"Und gibt es einen Ort, wohin du dann gehen könntest?"

Nicht, dass jemand davon wüsste.


Hab Freunde angerufen, Firmen, Organisationen.

Wenn es dafür nichts gibt, muss etwas gefunden werden.

Ein Haus, in dem Mädchen wie Patricia etwas Schöneres

als Krankenhauswände und Fenster mit Blick auf parkende Autos genießen können.

Es sollte möglich sein!

Aber es würde Jahre länger dauern, als Patricia noch zu leben hatte.

Ich musste es ihr sagen.

Sie schaute mich mit erstaunten Augen an, ergriff meine Hand

und kniff mich so, wie nur Mütter das können.

Wie es geschah, weiß ich nicht.

Aber als unser Colombinehaus in den Niederlanden eröffnete,

war Patricia entgegen allen Erwartungen, unser erster Gast.

Und ist in der Urlaubsnacht in unserem Haus gestorben.

Dachte heute an sie, während die Männer sprachen.

Ich hoffe, dass das schöne neue Haus in Goch

für kein Kind jemals zu spät kommt.


Info: www.alfredjkwakstiftung.de oder www.hermanvanveenfoundation.nl

Donnerstag, 24. Juni 2010

Der neunte Tag

Heute ist die letzte Probe im Schaapskooi,

so heißt der Platz, an dem wir immer proben. 

Haben ein paar Gäste eingeladen, um prüfend zu schauen. 

Einen Amerikaner, einen aus Südafrika, die Nachbarin. 

Es gab jedoch Applaus danach. 

Deshalb erfolgte eine Zugabe.


Beim Essen evaluieren wir miteinander die vergangenen Tage. 

Was hat wer noch auf dem Herzen?

Sollten wir vielleicht doch? 

Oder anders? 

Und wie anders wird es 

mit Ton und Licht? 

Und das Dekor? 

Und wie ist es mit dem Raum, wenn wir mehr Meter für unsere Schritte haben? 

Jeder kann sich äußern. 


Für einige Umkleidungen gibt es ein bisschen zu wenig Zeit. 

Und jetzt, da die Räume größer sind, finde ich dafür noch eine Lösung. 

Schwierig ist auch, bei solch relativ engem Raum, 

in deiner Rolle zu bleiben, wenn du von der Bühne gegangen bist,

was heißt: dass du, wenn du wieder kommst, nicht jedes Mal neu, 

deinen Charakter wechseln musst. 


Was in diesen letzten Wochen sehr gut funktioniert hat, war dies:

Wenn wir feststeckten, und nicht wußten, wie man was genau ausdrücken soll,

befragten wir unsere Erinnerungen. 

Wie sagte dein Vater sowas? 

Deine Mutter? 

Wie war das für dich, 

Als du entscheiden musstest, sie oder ihn zu verlassen?

Wie bist du mit eigenem Verlust umgegangen? 

Wie war deine Freude, als du erfahren hast, dass sie schwanger sei. 

Erinnere dich. Stell es dir vor! 


Die Kunst des Spielens ist in meinem Kopf vor allem 

die Kunst der Erfahrung. 

Höre mich oft sagen: "Stell dir vor, du bist ein Segler. 

Dann ist es vor allem deine Kunst, den Wind zu fühlen. 

Er bestimmt, was möglich ist. " 

So ist es auch mit der Sprache, mit Bewegung und Musik. 

Deine Reaktion ist völlig abhängig davon, 

was dein Gegenspieler dir anbietet, 

was die Umgebung mit dir macht, 

was die Geschichte dir sagt. 


Saß mittags durch puren Zufall 

mit dem Solo-Segler Maarten Jamin an einem Tisch, 

dem Champion der Champions bei der Primus Inter Paris. 

Er ist der Beste der Welt in seiner Klasse. 

Ich erzählte ihm meine Vorstellung von seinem Spezialgebiet. 

Er konnte mir in vollem Umfange zustimmen. 

Für ihn ist es gleichsam ein Dialog mit dem Wind. 

Und ist ein Dialog nicht 

das einander Zuhören? 

Lernt man nicht so, zu verstehen, 

weshalb jemand ist, wie er ist?


Und das unterscheidet sich oft nicht sehr von dem,

wie du selbst bist. 

Seine Kirche heißt Moschee, 

ihr Brot heißt Reis, 

sein Kaffee ist Tee. 


Oh, ich schweife ab. 


Ich freue mich auf den morgigen Tag. 

Nachmittags ein Tryout mit allem, was dazu gehört.

Abend für das interessierte Publikum. 

Also, vielleicht bis morgen!

Mittwoch, 23. Juni 2010

Der achte Tag

Es ist jetzt zehn nach halb acht.

Die Sonne ist gerade hinter einer erstaunten Wolke verschwunden.

Wie ich auf erstaunt komme, kommt wohl daher, 

weil ich gerade ein Gläschen zu viel getrunken habe.

Wir schauten miteinander vor dem Abendessen

eine Videoaufzeichnung der Proben an.

Ich glaube, ich war schon am ersten Tag darüber erstaunt,

wie die Akteure in der Lage sind,

fast im Handumdrehen

jemanden darzustellen, der sie scheinbar auch sind.

Sah soeben Margot Fonteyn mit einem anderen Gesicht als dem ihrigen.

Das gilt auch für Charlotte.

Zwei Menschen, die nicht mehr existieren,

und nun plötzlich in einer anderen Gestalt

vermeintlich lebendig werden.

Faszinierend.

Michel Voletti, der den Engel in Gestalt eines Postboten spielt,

erinnert uns an die Zeit, die wir haben.

Er weist mit trockenem Sätzen auf die Tatsache hin,

dass niemand weiß,

wie viel ihm noch bleibt.

Für wen erscheint er in diesem Stück?

Es bleibt eine Frage, die nur Sie allein

beantworten können.

Wir hoffen, 

Sie in Singer Laren begrüßen zu können.

Freitag, 21 Uhr,

am Samstag, 21 Uhr,

oder am Sonntag, um 15 Uhr.

Wir haben Rücksicht auf den Fußball genommen,

so dass ich Sie fragen kann:

Was glauben Sie? 

Für wen ist er oder sie gekommen?


Bis morgen.

Dienstag, 22. Juni 2010

Der siebente Tag

Seit einer Woche sind mit Juliette beschäftigt.

Die Hälfte ist geschafft.

Freitagabend öffentliche Generalprobe.

Samstag, um 21.00 Uhr, Uraufführung.

Sonntag, um 13.00 Uhr, zweite Aufführung.

Morgen spielen wir miteinander vor der Kamera,

um dann zu schauen

was wir haben und / oder was wir noch tun müssen.

Hoffe von Herzen, dass Sie kommen und schauen,

weil in absehbarer Zukunft die Geschichte von Juliette

voraussichtlich nicht in den Niederlanden zu sehen sein wird.

Im Herbst spielen wir sie

im Palais des Beaux Arts in Brüssel,

um anschließend das Stück den Parisern zu zeigen.

Wie es dann weiter geht, liegt an denen.


Heute haben wir vor allem konzentriert

an der Rolle der Charlotte Andersson gearbeitet,

der Privatsekretärin von Margot Fonteyn.

Ehemalige Tänzerin, verliebt in einen Mann aus Briefen,

die nicht an sie geschrieben wurden.

Margot bat sie, die Briefe in ihrem Namen zu beantworten,

wodurch ein unlösbares Dilemma zu entstehen scheint.

Lilja Hermannsdóttir, die Tochter eines anderen Herman,

spielt die Charlotte herzverführend.

Spielte mit ihr bereits zwei Aufführungen,

in denen es ihr gelang, 

Alfred Jodocus Kwak unnachahmlich lustig

Gestalt zu geben.

Unglaublich,

wenn man sie nun als Charlotte sieht


Morgen mehr.

Morgen wieder.

Montag, 21. Juni 2010

Der sechste Tag

Es ist Sommer.

Nicht nur draußen,

auch in unseren Herzen.

Wenn während der Probe

aus dem Lautsprecher Rita Zipora’s Stimme erklingt

mit Léo Ferré’s "Tu me dis jamais rien",

nachdem Gaëtane, 

die die Margot spielt,

gerade davon erzählt hat,

wie sie da stand

in dieser Kirche, 

vor dem Altar,

und ihr Bräutigam nicht erschien,

aber stattdessen ein einfaches Briefchen abgeben ließ:

"Tut mir leid. Ich kann dich nicht heiraten.",

dann sitzen wir da,

in unserem Studio,

acht erwachsene Menschen,

mit Schmerzen in Mark und Bein.

Da steht sie,

vor ihrer ganzen Familie,

der Weltpresse,

verlassen von jemandem

der das wählt, was seine Mutter bevorzugt.

Eine Frau aus gutem Hause

und nicht so eine doch eigentlich ordinäre Tänzerin.

Kaum verwunderlich,

dass Margot danach jemanden wählt,

der Sicherheit und Pünktlichkeit verspricht.


Wir basteln weiter.

Es entsteht ein Rhythmus.

Ein Ensemble.

Die Kostüme sind fertig.

Und die Musik.

Morgen beginnen wir mit Ton und Licht

und mit den Obertiteln,

denn soviel Französisch kann auch ich,

der diese Sprache der Liebe auch in der Küche spricht,

in einem solchen Tempo ist nicht leicht zu folgen.


Bis dahin.


A demain.


Herman van Veen

Montag, 21. Juni 2010

Abschlussprüfung

Die Tochter unseres Nachbarn, Barbara,

hat gerade ihre Abschlussprüfung gemacht.

Heute Abend ist ein Fest an ihrer Schule.

Sie hat, wie ihre Mutter erzählt,

ein Sissi-Kleid gemietet.

"Aber weißt du denn schon, ob du erfolgreich warst?“, frage ich.

"Nein, das erfahre ich morgen."

"Aber was, wenn du durchgerasselt bist?"

"Nun, dann habe ich wenigstens ein Fest gefeiert."


So eine Abschlussprüfung ist natürlich Nonsens.

Wenn jemand weiß,

ob ein Schüler erfolgreich seine Ausbildung abgeschlossen hat,

dann sind es seine oder ihre Lehrer.

Sie haben das Kind die ganze Zeit hautnah erlebt.

Was sagen schon richtig platzierte Kreuze, abrufbare Kenntnis oder Wissensdinge

über den Charakters und die Fähigkeit

zu selbständigem Denken des Schülers aus?

Wie kann man in wenigen Stunden ein komplettes Bild

von einem Zeitraum erhalten, der fünf oder sechs Jahre gedauert hat?

Der Faktor Zufall ist zu groß,

als dass man meines Erachtens

von einer fairen Beurteilung reden könnte.

Das fand ich auch damals schon, als ich durch die Aufnahmeprüfung

für das Montessori-Gymnasiun in Zeist gefallen war.


Letzte Woche durfte ich einen Workshop

am Königlichen Konservatorium in Den Haag gegeben.

Vier Tage war ich mit künstlerisch hochbegabten Gymnasiasten beschäftigt.

Da war ein Junge, den man eigenbrötlerisch nennen könnte.

Er wusste nie, wie spät es war,

aber er war stets auf den Punkt bereit, um göttlich zu spielen.

Ist er nicht von Herzen willkommen in unserem großen Orchester?

Freitag, 18. Juni 2010

Der fünfte Tag

Das Stück, mit welchem wir seit vergangenem Montag beschäftigt sind, erzählt die Geschichte von Margot Fonteyn, der weltberühmten Tänzerin, bekannt für ihr enormes Talent und ihre lange Karriere. Aber diese Geschichte ist vor allem eine Geschichte über eine Frau mit all ihren Qualitäten und Schmerzen, Misserfolgen, ihren Erinnerungen und Frustrationen, ihrer Wut und manchmal auch mit selbstgefälligen und ungerechten Seiten...

Es ist nicht die perfekte Frau, wie man vermuten würde.




Aber was wissen wir tatsächlich über die Privatsphäre von Margot? Was wissen wir wirklich über die Privatsphäre der Menschen, die wir bewundern, und die zu unserer Geschichte gehören? Ihre Träume? Was passiert in ihrem Wohnzimmer, wenn die Türen für die Öffentlichkeit geschlossen sind?

Hat man das Recht, zu behaupten, dass die Vorstellung, die wir über das Leben von Margot Fonteyn vorbereiten, die Wahrheit ist?




Derzeit gibt es mehrere Filme, die man "Biopic" (biographischer Film) nennt in unseren Kinos gezeigt. Wir können jetzt auf der großen Leinwand sehen, was uns als „getreue Wiedergabe des Lebens dieser oder jener wichtigen Person unserer Geschichte“ interpretiert und präsentiert wird. 

Persönlich habe ich stets einen störenden und üblen Nachgeschmack und bei diesen Filmen.




Herman van Veen hat einfach beschlossen, der scheinbaren Zusammenhanglosigkeit seiner Träume zu vertrauen, Gedanken, die ihm durch seine Arbeit als Autor und Regisseur leiten. Vor allem die Gedanken, die er am frühen Morgen hat, sagt er, jene zwischen Schlaf und Erwachen, wenn die Morgendämmerung seine Nasenspitze berührt.




Das Theaterstück "Juliette" hält sich natürlich an die tatsächlichen Fakten der Geschichte Margots, von denen wir wissen und über die wir in den Büchern lesen, die über ihr Leben erzählen. Seine Version ist ein Gedicht, eine authentische Fabel, die jedoch nicht die Wahrheit verspricht. Ehrlicher als die meisten biographischen Filme oder Theateraufführungen, die ich gerade erwähnt habe und die dazu verleiten, eine falsche Wahrheit in unserem Geist zu festigen.




Man erkennt die Kunst und die wahren Künstler an der Art und Weise, wie sie das Leben himmlischer machen, an ihrer Natur, die Konfrontation mit ihren eigenen Gefühlen über das Werk, das sie gerade erschaffen, zu stellen. Es ist "seine Margot", die Herman uns vorstellt. In ’Juliette’ nehmen wir in gewisser Weise Abstand vom realen Leben der Margot, und doch bekommen wir etwas Authentisches, etwas Größeres und Tieferes  ... Das Gefühl!

Emotionen sind universell und gehören zu uns allen.

Herman träumte von Margot Fonteyn zwischen Schlaf und Erwachen. Er lädt uns ein, das mit ihm zu teilen.




Angel Liegent

Donnerstag, 17. Juni 2010

Der vierte Tag

Heute angemessen und anprobiert

Die Hosen, Kleider, Blusen.

Die Jacke des Postboten, sein Hut ist noch zu eng. 

Wie sich danach die Bilder verändern. 

Das Stück fällt in seine Zeit. 

Irgendwann, in den sechziger Jahren. 

Margot Fonteyn lebt in einer geräumigen Wohnung 

in einer ruhigen Pariser Straße. 

Ihr Haus - ein Kommen und Gehen 

von Menschen, die ihr ans Herz gewachsen sind.


Es wird schwieriger, Muster zu verändern, 

weil die Akteure ihre Worte 

in Schritten und Handlungen finden. 

Verändert man eine Bewegung

verändert man damit auch die Bedeutung. 

Der vorsichtige Prozess von "Meinst du nicht, dass…" 

"vielleicht kannst du es so machen,

dass kein Raum unbewußt bleibt. " 

Drei der vier Akteure sind Tänzer, 

und wer es nicht ist, könnte ein Tänzer sein. 

Wir kommen also schnell voran.


Tanzen und Musizieren ist oft sehr viel konkreter als Schauspielen. 

Ich sage: "Schau auf 12 Uhr, dann  bekomme ich immer 12 Uhr. 

"Laufe auf 6 Uhr", dann finde ich die Spieler mitten auf der Bühne. 

Die Uhr ist praktisch. 

Tennisspieler tun das Gleiche.

Man schlägt auf 1 Uhr auf. 

Der beste Aufschlag, um einen Rückschlag unmöglich zu machen

ist der, wenn man den Ball auf 9 Uhr genau über das Netz schmettern kannst.

Unerreichbar.


Das soweit.

Bis morgen.


Herman van Veen





Auf den Fotos

von oben nach unten:


Angel, mein Regieassistent, 

diskutiert mit dem Engel aus dem Stück, 

mit Michel Voletti darüber, 

welcher der beste Zeitpunkt ist,

die Jacke auszuziehen 

nachdem die Mütze abgesetzt wurde.



Lilja Hermannsdóttir, 

kurz bevor sie 

nach einem wundersamen Anruf sagt: 

"Schicke so jemandem Licht, viel Licht.“

Finde es eine gute Idee. 



Gaëtane Bouchez mit Erke Roosen. 

Wer sieht wen? 

Und wer ist die Schönste im ganzen Land? 



Lilja, die sich fragt

wie wohl der Mann, 

mit dem sie nun schon so lange korrespondiert, 

aussehen wird? 



Michel, der festgestellt hat: 

Mein Hut ist noch immer zu klein.

Mittwoch, 16. Juni 2010

Der dritte Tag

Es gibt Momente während der Proben, 

da denkst du: ich sage ab. 

Da kommst du nie mehr raus. 

Und dann, nur Augenblicke später 

will ich am liebsten, dass es jeder sähe. 

So schön ist es. 

Die Dinge fügen sich, 

vor allem, wenn Spieler in der Lage sind, 

"Es" geschehen zu lassen. 

Dann sagen sich die Sätze wie von selbst 

in dieser wundersamen Geschichte.








Das Leben von Margot Fonteyn liest sich 

wie die Geschichten, die sie tanzte. 

Und jede Geschichte geht im Wesentlichen 

über nichts anderes als: 

Es war einmal ein Mädchen, das traf einen Jungen, 

Dann kam ein anderer Junge, 

und ein anderes Mädchen. 

Und dann jemand aus der Dunkelheit 

oder aus grellem Licht. 








Michel, der den Engel spielt, 

und eine Tasche voll mit Namen von Menschen hat

die er abholen muss, macht das so,

dass man ihn in diesem Stück 

jedesmal gern wiedersieht.

Und schaut er dich an 

dann denkt man: er kommt doch nicht wegen mir? 

Beim Anblick von Gaëtane 

scheint es manchmal, als wäre Margot Fonteyn nie gestorben.









Tänzer sprechen dieselbe, scheinbar zeitlose Sprache. 

Ein Blick, eine Geste,

so wie das Sprichwort besagt, spricht Bände. 

Wenn Erke Roosen, die die Juliette tanzt und spielt, 

einfach nur dasitzt und auf das Geschehen schaut, 

kann nicht aufhören, sie anzusehen. 

Lilja Hermannsdóttir das Licht auf den Dingen. 

Habe vier Karten. 

Karo, Herz, Pik, Kreuz. 

Ziehe den Joker. 

Der Vorhang schließt sich. 

Jemand sagt "Bis dann".

Dienstag, 15. Juni 2010

Der zweite Tag

Haben soeben einen ersten Durchlauf gespielt.

Es ist herrlich, zu sehen, wie Briefe, Worte, Phrasen

plötzlich zu Menschen werden können.

Der Engel, ein Weihnachtsmann, 

der ein bisschen aussieht wie Charlie Chaplin,

Juliette, die ein Gedanke ist, zu Fleisch und Blut wurde,

Charlotte, die Halt und Zuflucht für Margot,

die sich so sehr auf jemanden freuen kann,

den sie bisher nur von Briefen her kennt

Gaëtane, die verdammt stark der Margot ähnelt, 

parallele Leben.

Hab das mit einem Kloß im Hals beobachtet.


Es ist plötzlich sehr viel Zeit für Details, 

Stille stiller, Hochmut höher, Härte härter, 

Schnelles schneller, Schmerz schmerzhafter, 

Freude freudvoller.


Werde auch heute Nacht wieder unruhig schlafen

und morgen noch früher aufwachen,

denn ich will nichts verpassen

von diesem besonderen Prozess

der "Theatermachen" heißt, 

und womit wir Sie in die Säle locken möchten.


Es folgt das, was Rita über die ganze letzte Woche schrieb.


Herman van Veen


===


Donnerstagmorgen, früh. Ich wurde wach geklingelt und fragte mich benommen, wie spät es ist und was los sei. Dann die Frage. Ob ich kurzfristig in eine Vorstellung von Herman van Veen einspringen könnte. Ja! Ich sprang aus dem Bett und eilte zum Konservatorium in Den Haag zur ersten Probe. In dem Projekt, eine Vorstellung über das Leben der berühmten Tänzerin Margot Fonteyn, werde ich ein für mich noch unbekanntes französisches Lied singen.


Montagmorgen, wiederum früh. Ich gehe durch den Saal, wo ich vor zwei Wochen mit Bravour mein Studium absolvierte. Jetzt ist der Saal mit Jüngeren des Den Haager Konservatoriums für junge Talente angefüllt, sehr talentierte Kinder, die wartend auf das Podium schauen. Da steht er. Der Mann mit der Stimme. Eine Stimme, der ich als Kind jede Nacht vor dem Schlafengehen zuhörte.


Herman van Veen läuft  nachdenklich mit leichter Ungeduld über die Bühne. Er will beginnen, aber das Klavier muss gestimmt werden. Wir haben nicht viel Zeit, in zwei Tagen, eine vollständige Vorstellung erarbeitet werden, die unmittelbar am Abend darauf ausgeführt werden soll. Er erzählt uns etwas über, "mit den Ohren sehen und mit den Augen hören, und ohne allzu viel weitere Erklärungen, bittet er uns auf der Bühne. Er denkt sich aus dem Nichts den Beginn der Show aus, und lässt uns das oft wiederholen. "Die Fähigkeit zu wiederholen, ist das, woraus das Fach besteht." Wenige Augenblicke später kommt der Trompeter des Ensembles herein. Er ist zu spät. "Macht nichts", sagt Herman, "aber dann kommst du auch in der Vorstellung zu spät“. Ab jetzt benutzt der Junge die Szene als Stichwort, um lässig mit seiner Trompete aus dem Publikum zum Vorschein zu kommen. "Humor entsteht oft aus Fehlern", sagt Herman van Veen. Ich hatte das schon öfter gehört, aber erst jetzt konnte ich es verstehen.


So baute Herman Schritt für Schritt die Vorstellung mit uns auf. Am Nachmittag, nach der Pause war endlich Zeit für mein Hals über Kopf einstudiertes Lied. Ich war nervös, um vor Herr van Veen zu singen, aber nachdem ich Leo Ferres prächtiges Lied ‚Tu ne dis rien jamais“ gesungen hatte, bekam ich einen Kuss auf die Hand und warme Worte. Hat mich verlegen gemacht.


Es war eine tolle Erfahrung, von jemandem zu lernen, der mit so viel Leidenschaft und Erfahrung im Theaterfach agiert. Ich habe viel von ihm gelernt, sowohl über das Vortragen, als auch wie man ein Theaterstück erarbeitet und mit anderen Mitspielern zusammenarbeitet. Weil es alle Tänzer und Musiker mit so viel Liebe und Charme begleitete, bekamen sie die die Gelegenheit und Raum um sich verletzlich zeigen zu können und damit ihre Kunstfertigkeit zu erhöhen. Herman beobachtet die Tänzer oder Musiker, und drängt sie, nur bis dahin zu gehen, wie sie selbst wollen. Er lässt sie nichts spielen, was von außen auferlegt worden ist, sondern verstärkt das, was in der Person selbst vorhanden ist. Das Ergebnis durfte sich sehen lassen. während des Arbeitsprozesses und bei den Aufführungen war die Konzentration hoch und kollektive Liebe für den Job überwältigend.


Nach der Show war auch Herman van Veen sichtlich bewegt. Er schloss mit den Worten: "Dies bedeutet Hoffnung", womit er, der erfahrene Theatermacher, uns, der neuen Generation  des Theaters großes Vertrauen schenkte. Und es fühlt sich gut an, sehr gut.


Rita Zipora (1987) hat gerade als Sängerin das Königliche Konservatorium in Den Haag absolviert. Sie durfte bei "Margot" mitspielen, einem Theaterstück von Herman van Veen, aufgeführt mit Studenten der Schule für junge Talente am Konservatorium in Den Haag.