Haben soeben einen ersten Durchlauf gespielt.
Es ist herrlich, zu sehen, wie Briefe, Worte, Phrasen
plötzlich zu Menschen werden können.
Der Engel, ein Weihnachtsmann,
der ein bisschen aussieht wie Charlie Chaplin,
Juliette, die ein Gedanke ist, zu Fleisch und Blut wurde,
Charlotte, die Halt und Zuflucht für Margot,
die sich so sehr auf jemanden freuen kann,
den sie bisher nur von Briefen her kennt
Gaëtane, die verdammt stark der Margot ähnelt,
parallele Leben.
Hab das mit einem Kloß im Hals beobachtet.
Es ist plötzlich sehr viel Zeit für Details,
Stille stiller, Hochmut höher, Härte härter,
Schnelles schneller, Schmerz schmerzhafter,
Freude freudvoller.
Werde auch heute Nacht wieder unruhig schlafen
und morgen noch früher aufwachen,
denn ich will nichts verpassen
von diesem besonderen Prozess
der "Theatermachen" heißt,
und womit wir Sie in die Säle locken möchten.
Es folgt das, was Rita über die ganze letzte Woche schrieb.
Herman van Veen
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Donnerstagmorgen, früh. Ich wurde wach geklingelt und fragte mich benommen, wie spät es ist und was los sei. Dann die Frage. Ob ich kurzfristig in eine Vorstellung von Herman van Veen einspringen könnte. Ja! Ich sprang aus dem Bett und eilte zum Konservatorium in Den Haag zur ersten Probe. In dem Projekt, eine Vorstellung über das Leben der berühmten Tänzerin Margot Fonteyn, werde ich ein für mich noch unbekanntes französisches Lied singen.
Montagmorgen, wiederum früh. Ich gehe durch den Saal, wo ich vor zwei Wochen mit Bravour mein Studium absolvierte. Jetzt ist der Saal mit Jüngeren des Den Haager Konservatoriums für junge Talente angefüllt, sehr talentierte Kinder, die wartend auf das Podium schauen. Da steht er. Der Mann mit der Stimme. Eine Stimme, der ich als Kind jede Nacht vor dem Schlafengehen zuhörte.
Herman van Veen läuft nachdenklich mit leichter Ungeduld über die Bühne. Er will beginnen, aber das Klavier muss gestimmt werden. Wir haben nicht viel Zeit, in zwei Tagen, eine vollständige Vorstellung erarbeitet werden, die unmittelbar am Abend darauf ausgeführt werden soll. Er erzählt uns etwas über, "mit den Ohren sehen und mit den Augen hören, und ohne allzu viel weitere Erklärungen, bittet er uns auf der Bühne. Er denkt sich aus dem Nichts den Beginn der Show aus, und lässt uns das oft wiederholen. "Die Fähigkeit zu wiederholen, ist das, woraus das Fach besteht." Wenige Augenblicke später kommt der Trompeter des Ensembles herein. Er ist zu spät. "Macht nichts", sagt Herman, "aber dann kommst du auch in der Vorstellung zu spät“. Ab jetzt benutzt der Junge die Szene als Stichwort, um lässig mit seiner Trompete aus dem Publikum zum Vorschein zu kommen. "Humor entsteht oft aus Fehlern", sagt Herman van Veen. Ich hatte das schon öfter gehört, aber erst jetzt konnte ich es verstehen.
So baute Herman Schritt für Schritt die Vorstellung mit uns auf. Am Nachmittag, nach der Pause war endlich Zeit für mein Hals über Kopf einstudiertes Lied. Ich war nervös, um vor Herr van Veen zu singen, aber nachdem ich Leo Ferres prächtiges Lied ‚Tu ne dis rien jamais“ gesungen hatte, bekam ich einen Kuss auf die Hand und warme Worte. Hat mich verlegen gemacht.
Es war eine tolle Erfahrung, von jemandem zu lernen, der mit so viel Leidenschaft und Erfahrung im Theaterfach agiert. Ich habe viel von ihm gelernt, sowohl über das Vortragen, als auch wie man ein Theaterstück erarbeitet und mit anderen Mitspielern zusammenarbeitet. Weil es alle Tänzer und Musiker mit so viel Liebe und Charme begleitete, bekamen sie die die Gelegenheit und Raum um sich verletzlich zeigen zu können und damit ihre Kunstfertigkeit zu erhöhen. Herman beobachtet die Tänzer oder Musiker, und drängt sie, nur bis dahin zu gehen, wie sie selbst wollen. Er lässt sie nichts spielen, was von außen auferlegt worden ist, sondern verstärkt das, was in der Person selbst vorhanden ist. Das Ergebnis durfte sich sehen lassen. während des Arbeitsprozesses und bei den Aufführungen war die Konzentration hoch und kollektive Liebe für den Job überwältigend.
Nach der Show war auch Herman van Veen sichtlich bewegt. Er schloss mit den Worten: "Dies bedeutet Hoffnung", womit er, der erfahrene Theatermacher, uns, der neuen Generation des Theaters großes Vertrauen schenkte. Und es fühlt sich gut an, sehr gut.
Rita Zipora (1987) hat gerade als Sängerin das Königliche Konservatorium in Den Haag absolviert. Sie durfte bei "Margot" mitspielen, einem Theaterstück von Herman van Veen, aufgeführt mit Studenten der Schule für junge Talente am Konservatorium in Den Haag.