Dienstag, 8. September 2009

Epilog „Op een dag in September“

So, allmählich begreift gewiss auch der letzte Op een dag-Mohikaner, dass er sich nicht mehr um 17 Uhr aufmachen muss, um zur Waldbühne am Fuße der grünen Hermann zu gelangen, wo Merlijn zum täglichen Soundcheck bläst…


Es ist vorbei, und jeder ist wieder in seinem Zuhause, irgendwo in der Welt. Tut das, was er zu tun hat, legt die Toi Toi Toitjes vielleicht in ein Schächtelchen und die Zeit in Detmold ist nun Teil unserer Geschichte. Und weil das Trennen so schwer zu kapieren ist, versammelte sich die gesamte internationale Familie in Windeseile in einem Internetportal und tut dort ein bisschen so, als wäre der letzte Vorhang nicht gefallen. Das ist total schön. Alle haben sich wieder. Von Südafrika bis in den Osten Deutschlands. Und während jeder seine neuen Wege geht, schreibt man sich kleine Alltäglichkeiten, Lustiges, Nachdenkliches, Termine, verschickt Bilder und Musik, antwortet sich untereinander mit Fragmenten aus dem Stück. „Wie sagt man das? Kennst du mich, wenn kennst du dann? „Alles was nach oben geht…“ „Ich mag Pommes…“ Für Außenstehende verwirrend, für uns vertraute Parolen. Ich finde das alles rührend und erfrischend zugleich.


Versuche mir gerade vorzustellen, was Detmold jetzt ohne uns macht. 

Sechs Wochen lang haben wir die Stadt umgekrempelt und in ganz Europa bekannt gemacht. 

Ihr lieben Menschen vom Detmolder Hof und vom Vox, spielt ihr jetzt Karten am Abend? Nadine Morawitz, Anna-Lena Lübbecke, Susann Kremke, Thorsten Federschmid vom schönsten Hotel im Städtchen haben ohne ein einziges Wort der Klage Tag für Tag, 6 Wochen lang, Überstunden gemacht. Nicht selten bis 4 Uhr am Morgen, weil die Ideen und der Wein nicht versiegen wollten. 

Und immer waren sie um uns mit ehrlichem Lächeln und ab und an mit kleinen Leckereien auf Kosten des Hauses. Sambuca, Veltliner oder ein Dessert. Für Herman und Edith hat das Hotel am Ende sogar eine eigene Speisekarte erschaffen. In Zukunft kann man im Detmolder Hof das 

Herman van Veen-Menü bestellen. Beide speisten die Eigenkreation tagtäglich, ohne abzuweichen. Am Tag vor der letzten Vorstellung zauberte der Hotelchef mit den Seinen ein exzellentes Büffet für uns alle. Hab noch immer den Geschmack von Mouse au Chocolat auf der Zunge. 


Und ihr Getreuen von der Security und vom Hermann-Büro, summt ihr nachts im Traum unsere Op een dag-Melodien, die ihr so oft, so oft gehört habt und vermisst ihr uns trotzdem? ;o)


6 Wochen lang blieb uns auch die Sonne treu. Merci! Nur am letzten Tag weinte sie bittere Tränen des Abschieds, und es goss wie aus Eimern, so dass auf der Bühne ein Schwanensee entstand und Musiker, Tänzer, Sänger, Schauspieler fast knöcheltief im Wasser spielten und tanzten. Dennoch waren die Zuschauerränge vor der Waldbühne bis auf den letzten Platz ausverkauft und ein Meer an bunten Schirmen trotzte den Widrigkeiten von oben. 

Einen größeren Beweis für Erfolg konnte es wohl nicht geben. 

Weit über 10.000 Besucher in 10 Vorstellungen, das hat sogar unsere kühnsten Hoffnungen übertroffen. Nicht enden wollender Applaus, Blumensträuße, herzliche und dankende Worte vom gerade wieder gewählten Bürgermeister und anderen Stadtvätern sowie ein kleines Feuerwerk schlossen den Reigen der Vorstellungen am Hermannsdenkmal. Kein Auge blieb trocken. 

Ja klar, wir hatten natürlich Begeisterung ersehnt, erhofft, geahnt, aber waren doch zu Beginn vorsichtig mit den Prognosen. Herman berührt ja stets sensible Themen und beachtet dabei keine Gebote. Solche Befindlichkeiten hatten keine Chance, gepflegt zu werden. Wie ein Maître auf dem Drahtseil vollführte er das Meisterstück der Balance - ohne zu schonen.

Alte Weggefährten, die zur Premiere angereist waren, um zu sehen, was unter seiner Regie entstanden war, sprudelten ihre Begeisterung heraus. Das Beste, was außerhalb der bekannten Herman van Veen-Konzerte je gezeigt wurde, jubelten sie. Auch die Medien waren einhellig voll des Lobes. Fantastische Kritiken überall. 


Jeder Besucher nahm etwas anderes mit nach Hause. Die meisten sagten im Anschluss: „Da war so viel Beeindruckendes, so viel Nachdenkliches, sah man so viele schöne Details, die verzauberten und leuchteten, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Das muss erst mal verdaut werden. Viele kamen sogar mehrere Male. Einige der ganz Getreuen sogar acht Mal. Auch Kinder hörte ich die Lösung des Rätsels vom lustigen Fährmann schon flüstern, bevor Anna es erriet. Sie sind also schon Mal dagewesen.“


Bereits vor der letzten Vorstellung wurde geweint, als Herman und auch Edith emotionale Worte sprachen, dankten und bekundeten, dass es für sie eine der schönsten Erfahrungen ihres Lebens gewesen sei, mit einem so großen, bunten Team etwas derart Besonderes zu erschaffen. Man sprach von dem Weg bis dahin, der nicht immer einfach war, von Plänen über eine Fortsetzung und eine DVD usw. Alle saßen eng beieinander auf der Bühne und keiner wollte wohl recht glauben, dass das Abschiedworte waren. Der Hermann oben auf seinem Hügel nahm kurz das Schwert herab, um sich ganz heimlich eine Träne wegzuwischen. Echt wahr. Hab es selbst gesehen.


Die Organisatoren und Produzenten Dr. Klaus Schafmeister und Stephan Vogelskamp, die einst den Traum hatten, Herman ins Hermannjahr 2009 zu holen, wieselten am letzten Abend ohne Rast umher, von Besucher zu Besucher und waren wohl die innerlich freudvollsten Menschen von allen. Trunken vor Glück schauten sie zurück und schmiedeten währenddessen bereits an Zukunftsplänen für das Stück. 


Nun bin ich auch wieder daheim, beschäftigt mit anderen schönen Dingen, vorbereite neue Reisen und die Sonne lacht. Es duftet nach frühem Herbst und vorwitzige Kastanien prasseln schon. Kann das sein? Ist es schon wieder soweit? 

Wenn ich ab und an die Augen schließe, sehe ich das rote Kleidchen von Anna vorbeitanzen. Das jüdisches Mädchen im Märchen, das sich im Krieg mit ihrer Mutter im großen leeren Kopf des Denkmals versteckt hielt und später mit zwei eigentümlichen Freunden eine abenteuerliche Reise durch Europa macht, um ihren Vater heilen zu können, der durch das Schlimme im Krieg seine Gedanken verloren hat. 

In Kürze wird das Programmheftchen auf der Herman van Veen Website zu sehen sein, dann kann jeder ahnen, was geschah oder sich erinnern oder nachschlagen, wer was tat.


Dauernd geistert ein anderer Op een dag-Hit über meine Lippen. Ganz automatisch. Kann nix dagegen tun. Will ich auch nicht. 

Heute Morgen war es: „Den Duft vom ganzen Blumenmeer, vergisst du…“

Aber am häufigsten ist es Selma, die sich lächelnd zu Wort meldet. 

Selma, das jüdische Mädchen, was nicht das Glück hatte, im Kopf eines Soldatendenkmals Schutz zu finden und dennoch vor ihrem Tod Poesie schrieb, die wehrlos macht in ihrer Schönheit. Sie sprach nun durch Herman und zog sich wie ein weißes Segel durch die ganze Handlung.  Für mich persönlich das Emotionalste, weil sie alles eröffnete und schloss. Weil sie da war. Herman sagt zum Schluss: 

„Sieh, die Wolken, sie lösen sich auf… „ 

Wie schön das ist.  Wie wahr.


Jemanden hervorzuheben in diesem Musiktheater wäre total ungerecht. Jeder, wirklich jeder, der auf, vor und hinter der Bühne mitwirkte, hat alles gegeben, um dieses Stück zu dem werden zu lassen, was es geworden ist.





Herman van Veen

Edith Leerkes 

Nina de la Croix

Frank Buchwald

Anna Veit

Anna Friesen

Florian Volkmann

Nicole Sieger

Jasmin Schleiffer

Marc-André Uelner

Lisa Klimaschewski

Mechthild Teschemacher

Dorit Oitzinger

Claudia Brand

Henriette Geiger

Linnet van der Wal

Fleur Hagemans

Margriet Kuiper de Rijk

Fleur van Hille

Hein Offermans

Jaconell Mouton

Amelia Mitschke

Elisabeth Boor

Sabine Carolin Richter

Dieuwertje van Ravenswaaij

Kiki Meijerhoven

René Lunenburg

Merlijn van Veen

Johan Hendriksz

Stephanie Seidel

Christine Brinker

Christina Specht

Sebastian Wessels

Moritz Brandes

Svenja Nack



und alle, alle, deren Gesichter, 

aber Namen mir nicht im Gedächtnis blieben.

 


Was ich auch nicht vergesse, ist die kleine Familie rund um TikTak-Darsteller Florian. Da war soviel Liebe. Ich konnte mich kaum satt sehen. Entzückend, was Florians jüngster Sohn erzählt hat, der bei so vielen Proben und Aufführungen dabei war. Immer ganz leise, immer aufs Neue gespannt. Obgleich noch so klein, hat sein kleines Herz verstanden, um was es ging. Ihm haben wir wohl auch zu verdanken, dass das Wetter so prächtig hielt, denn er hatte zu Beginn ohne Aufforderung zum Wettergott gebetet, dass er es bitte schön lassen möge. In dem Stück sucht eine Mutter verzweifelt ihre Söhne und ruft mehrfach: „Hans, Heinz und Helmut!“ Der kleine Knirps aber verstand immer ‚Hans, Heinz und Schnellboot“. Stets dann, wenn nun diese Stelle kam, sang er froh mit seinem Kinderstimmchen „Hans, Heinz und Schnellboot“ und war voll des Glücks.


Stephan Vogelskamp entdeckte seine kleinen Töchter morgens früh, als sie eine der rührendsten Szenen des Stückes nachspielten. Die Ältere der beiden zählte mit den Fingern: 1, 2… 7. Und die Kleine legte ihr die Hand auf den Arm und sagte zärtlich: „Nein. Drei!“


So geht das und so wird das weiter gehen. Ich bin glücklich dabei gewesen zu sein. Bin glücklich meinen Beitrag geleistet zu haben und dankbar für jede Begegnung, jeden Moment.  


Und so ist dieses Märchen gut ausgegangen.

Zum Glück,

denn sonst ist es nicht wahr.


Eure 

Sabine Carolin

Montag, 7. September 2009

Hör gut zu

Zurück in den Niederlanden.
War sechs Wochen in Detmold. Im Kreis Lippe.
Wir spielten dort Open Air
zu Füßen des Hermanndenkmals
mit lauter jungen Menschen
das Märchen "Op een dag in September".
Die Geschichte eines jüdischen Mädchens,
das im Krieg mit ihrer Mutter
im Kopf des riesigen Soldatenstandbildes untertaucht.
Am ersten September in strömendem Regen
war die letzte Vorstellung einer unvergesslichen Serie.
Überall in Europa gedenkt man an diesem Tag im September
an den Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Seit zweiten September bin ich wieder zu Hause.
Lese in den Zeitungen, dass der Antisemitismus in den Niederlanden
in letzter Zeit stark zunimmt.
Juden werden immer häufiger diskriminiert, bedroht und angegriffen.
Es sind, so schreibt man, anti-jüdische Aktionen
als Reaktion auf israelische Militäraktionen in Gaza.
Einheimische Niederländer tun dies in allerlei Internetforen und in E-Mails.
Einwanderer tragen ihre Schlacht auf der Straße aus.
So wurde in Amsterdam ein 16jähriges Mädchen,
so alt wie Anna in unserem Bühnenstück,
durch drei Marokkaner gepackt und durch ihre Kette
mit dem Davidstern als Jüdin identifiziert.
Daraufhin wurde sie beleidigt und getreten.
Die ausartende Gewalt ging auch dann noch weiter,
als das Kind verletzt am Boden lag.

Ein jüdischer Mann, auch in Amsterdam,
wurde durch Marokkaner auf Fahrrädern verfolgt
und als Krebsjude betitelt.
Letztendlich wurde er umzingelt und in seinen Bauch getreten.
Als ihm ein Mädchen mit einem Kopftuch zu Hilfe kam,
bekam es ebenfalls Schläge.
Der Antisemitismus wuchert auch an Schulen.
Im Amsterdamer Viertel Slotervaart musste kürzlich der Unterricht eingestellt werden,
weil Schüler antijüdische Parolen skandierten.
In Rotterdam geschah dasselbe.
"Hamas Juden ins Gas" und "Juden sind Mörder"
wurde in einigen Klassenzimmern gerufen.

Mein Magen zieht sich zusammen.
Höre mich noch diese Woche in einem deutschen Wald sagen:
"Anna, nicht Gott fängt einen Krieg an,
das tun die Menschen.
Gott ist eine Idee im Kopf der Menschen,
so wie ich im Kopf eines Kriegsdenkmals.
Etwas geschieht nur deshalb,
weil es von den Menschen erhofft,
von den Menschen ausgedacht wird.

Anna Silberblatt, hör gut zu!"
Montag, 24. August 2009

Die Fahne

Heute Nacht spät zu Bett gegangen. Halb vier. Kein Mensch auf der Straße.

Die Gläser leer. Wir haben über die Arbeit geredet.

Über die Familienvorstellung, die wir miteinander erschaffen.

Ein fröhliches Spektakel über die Gräuel von Krieg. 

Wir plauderten darüber, warum etwas und warum etwas nicht gesagt wird.

Muss es anders erzählt werden? Lustiger?

Den tiefen Ernst durch ein Lächeln erreichen?

Oder soll es spannender, verhüllter sein?

Müssten der oder die noch das tun oder eben gerade nicht?

Fragen über Fragen.

Es wirken an diesem Musiktheaterprojekt in Detmold 40 Menschen mit. 

Wir beschließen, nichts zu beschließen. Werden sehen, was passiert.


Nach Ablauf eines try out kamen zwei Mädchen, 10 und 12, mit Bitte um ein Autogramm zu mir.

Ich fragte sie, wie sie es fanden? „War es zum Lachen?“

„Ja“, sagten beide.

„Was habt ihr dann lustig gefunden?“

„Das mit der Wespe.“ 

Es flog während der Vorstellung eine Wespe zu mir.

Durch meinen Ärmel unter meine Achsel.

Wir spielen Open Air. Wollte das Insekt heraus tanzen, weil meine Hände auf der Geige saßen.

Sprang notgedrungen so lange wie ein Böckchen über die Bühne,

bis das Tier durch den Halskragen meines Hemdes wieder in den Wald flog.

Das von dem Stillstehen fanden sie auch cool.

Ab und an friere ich im Laufe der Geschichte die Zeit ein.

Das ist ganz einfach für ein den Märchenerzähler.

Die Akteure stehen dann in ihrer letzten Haltung totenstill. Manchmal minutenlang.


Auch der Aufzug der Clowns, die Jannen und Keesen, wie die Yankees einst hießen, fanden sie „geil“.

Die wollen in der Geschichte das Denkmal von Arminius umhauen, weil der Arminius ein deutscher Held ist.

Toll fanden die beiden Mädchen auch noch die abstiebende Kreide von meinem Geigenbogen.


„Was war für euch traurig?“

„Dass der Vater, der in der Geschichte aus dem Krieg zurückkommt,

nicht mehr weiß, wer er ist, dass er nicht mal mehr bis Drei zählen kann.

Und dass er seine Tochter Anna nicht mehr erkennt.“

Und die Geigen fanden sie schön.

Das ältere Mädchen von beiden spielt selbst auch Geige.

Und die Gitarre fand das andere Mädchen prächtig, denn sie nimmt Gitarrenunterricht.

Auf zwei Luftballons durfte ich Autogramme schreiben.

„Ach ja“, sagte das jüngere Mädchen noch,

„Das war noch toller als Alfred Jodocus Kwak

und du singst in echt schöner als auf CD.“


„Oh ja, und noch was! Was war bedeutete das mit der roten Fahne mit weißem Kreis und dem schwarzen Zeichen?“

In der Vorstellung reißt die Hauptdarstellerin eine Nazifahne von der Fassade.

„Komm“, sagte das ältere Mädchen, während sie ihre Schwester an die Hand nahm, „das erzähl ich dir morgen.“


Das letzte, was ich dachte, bevor ich in den Schlaf fiel.  

Das werde ich morgen erzählen.

Gute Nacht.

Montag, 17. August 2009

Alles klar

"Das ist der Teutoburger Wald,
den Tacitus beschrieben,
das ist der klassische Morast,
wo Varus steckengeblieben."

Heinrich Heine

Am Fuße des Berges vom Teutoburger Wald,
was einst der Freistaat Lippe war, liegt Detmold.
Kronjuwel aus der Biedermeierzeit
und von zwei Weltkriegen verschontes Städtchen.
An der Ecke der Krumme Straße wohne ich in einem Detmolder Hof,
einem Fachwerkbau aus der Renaissance.

Liege in einem Himmelbett und lausche dem Erwachen der alten Stadt.
Eine Frau geht auf hohen Absätzen energisch über die alten Steine der Straße. Ihre Schritte hallen.
Wohin geht sie? Woher kommt sie?
Kriegt sie Küsse? Warum die Eile?
Eine Autotür schlägt zu. Ein paar Tauben gurren.
Ein Mann, der mit sich selbst redet.
Verstehe nur: „Alles klar, alles klar.“ Er lacht.
Vernehme die Kehrmaschine. Sie reinigt lautstark die Pflastersteine.
Die Müllabfuhr.
Stille.
Höre meinen Magen knurren. Schaue auf meine Armbanduhr.
Hab noch eine Stunde, bevor der Wecker geht.
Jemand ist mit Leitern beschäftigt.
Die Tauben sitzen nun bei mir auf dem Fensterbrett. Worüber gurren sie?
Denke an früher, als ich noch bei meinen Eltern zuhause war.
Ich schlief damals auf dem Dachboden und konnte von meinem Bett aus,
aus dem Zimmerchen, das neben dem meinem lag,
die Tauben vom Nachbarn hören.
Er hatte gut 70 Stück.
Wir nannten ihn den Taubenmelker.
Er machte mit bei dem traditionellen Taubenflugwettbewerb.
Die Tauben in seinem Taubenverschlag waren teuer.
Eine Taube, so grau wie Schiefer, kostete gut 120 Gulden.
So kostbar wie ein Fahrrad.
Wie weit man sie auch wegbringt,
eine Taube findet allzeit ihren Weg wieder nach Hause.
Es ist ein Wunder.
Was weiß sie von Magnetfeldern?
Was von Nord und Süd?
Wie weit kann sie sehen?

Ging, als ich klein war mit den Tauben ins Bett
und stand mit ihrem Gurren auf.
Höre ich sie, dann kehrt immer etwas Ruhe in mir ein.

In meinem Himmelbett genieße ich das Gurren.
Ein Knall. Noch ein Knall.
Terroristen? Ein Überfall?
Nein, jemand schmeißt Punkt 7 Uhr
eine Dachschindel von 10 Metern Höhe in einen leeren Container.
Und noch eine und noch eine.
Es regnet Krach.
Das Dach eines Hauses
von einem mindestens genauso schönen Hof wie der, in dem ich logiere,
wird neu gedeckt.
Die Straße ist mit einem Schlag wach.

Das Telefon.
“Guten Morgen, Herr van Veen. Sie wollten geweckt werden.
Es ist jetzt 7 Uhr.”
“Dankeschön.”
Stehe auf und ziehe die Gardinen auf.
Vergesse, dass ich ganz bloß bin.
Schaue in die alte Straße.
Stelle mir vor, dass die Menschen, die da laufen, die von früher sind.
Pauline zur Lippe. Eine deutsche Florence Nightingale.
Johannes Brahms auf dem Weg in eine königliche Schule, um Kinder Musik zu lehren.
Der Dichter Ferdinand Freiligrath mit einigen Reimen in seinem Kopf.
Der Rabbiner auf dem Weg in seine alte Synagoge an der Lortzingstraße.
Sehe auch den, nach dem ich benannt wurde.
Hermann den Cherusker mit erhobenem Schwert auf dem Weg,
um mit einer List die Römer zu besiegen.
Der Befreier von Germanien.

„Kaffee?“, fragt das Fräulein mit dem weißen Schürzchen.
Nein, schenken Sie mir nur einen doppelten Detmolder Bierbrannt ein.

(Illustrationen: Marian Kretschmer)
Sonntag, 16. August 2009

Woche Drei in Detmold

Heute ist ein Wunder geschehen. Ich hab es selbst gesehen.

Ein einziges Wort nur von Herman und es ‚mirakelte‘ auf der Bühne in Zeitlupe. 

Das macht dann eben den Meister aus. Chapeau!


Am Ende des Musiktheaterstückes wird jeder, der kommt, selbst sehen, wovon ich hier gerade schreibe. Freu mich schon jetzt auf die verzauberten Gesichter.


Woche drei ist vorbei und nun steht es. Es ist vollendet. Ab jetzt geht es um Filigranes. Um Nuancen in Ästhetik, Geste, Wort, Ton, Licht, Farben…


Heute mag ich mich im besonderen den Musikanten widmen, die mich meist vergessen lassen, dass da kein 15köpfiges Orchester spielt, sondern ein kleines Sextett mit Jaconell am Flügel, Amelia, Dorit, Herman mit Geigen, Hein mit Bass, Tuba, Gitarre, Edith Gitarre und ab und an auch Florian mit seinem Saxophon. Sie sind die unersetzbaren Tonangeber. Ohne sie wäre das Ganze undenkbar.


Hein, ein großer, gern anzusehender Mann, ist professionell derart präsent, dass er auf der Bühne zum Ruhepol für Augen und Ohren geworden ist. 

Der Blondschopf Jaconell, eingeflogen aus Südafrika, spielt so leicht und froh und lebendig und toll, dass es nur so eine Freude ist. Hin und wieder lassen wir uns gegenseitig ein Lächeln zufliegen. Die beiden hübschen Geigerinnen, Amelia und Dorit spielen virtuos und haben sich in Windeseile dem hohen Anspruch angepasst. Dorit tanzt zudem und Amelia fällt extra auf durch ihre grandiose Haarpracht.

Florian, unser Darsteller des TikTak, ist ein musikalischer Tausendsassa. Kann so an die zehn Instrumente spielen und vervollkommnet die „Band“ auf dem Saxophon. Schön, solche vielseitigen Talente. Er kann alles viel. Ist noch jung und hat schon 3 wirklich entzückende Kinder, eine Frau und einen Hund.


Über Ediths Gitarrenmagie und Hermans musikalische Kunst zu schreiben, wäre so, wie Eulen nach Athen zu tragen. 

Beide sind atemberaubend. Punkt.


Am Montag war eine Pressekonferenz. Im selben Gebäude der Sparkasse Detmold, wo vor gut einem Jahr die Castings stattfanden. Schönes Gefühl da wieder zusammen zu kommen. Alle waren da, nur Kiki und René, unsere erstklassigen Organisatoren im Hintergrund, hüteten das Gymnasium. Zu meinem großen Erstaunen schaffen sie es, immerzu Dinge herzuzaubern, von denen man total denken müsste, dass sie das niemals hinkriegen bis zum nächsten Tag. Aber sie schaffen es. 

Der Bürgermeister der Stadt Detmold und Dr. Klaus Schafmeister, der einst den Traum hatte, Herman für das Fest Hermann 2009 zu gewinnen, einige weitere wichtige Persönlichkeiten hatten geladen und viel Presse, Funk und Fernsehen waren erschienen. Man sagte ein paar politische Dinge und tauschte Freundlichkeiten und Kluges aus. Die jungen Hauptdarsteller wurden befragt und gaben schöne Antworten. Natürlich wurde Herman auch nach dem Inhalt des Stückes gefragt, doch er grinste gemütlich und verriet nichts. Man solle kommen und schauen. 

„Aber“, sprach er, „wir können Ihnen ein Lied aus dem Stück singen. Überrumpelt von dieser Blitzidee erhoben sich alle Opeendager und sangen à capella die Ouvertüre des Stückes. Alle Menschen von der Presse etc. sagten im Anschluss einstimmig: „Wir hatten Gänsehaut. Eine bessere Antwort hätte Herman van Veen nicht geben können.“

War prima diese Stunde.


Am Dienstag waren wir das erste Mal alle zusammen an der Waldbühne. Das kribbelte im Bauch. Hier wird es also geschehen.

Arminius stand mit erhobenem Schwert, grün angelaufen in der Abendsonne. Aber in einem Moment hab ich genau gesehen, dass er uns zugezwinkert hat. 


Prächtig ist es da oben. Nur die Wespen sind ungehalten über die Eindringlinge. Sie versammeln sich und schmieden Schlachtpläne. Der große Wald, der die Wahrheit kennt, umsäumt schweigend die Bühne und Zuschauerränge. Wundervolle Kulisse. Alle verteilten sich auf den noch leeren Sitzplätzen, saugten die Szenerie auf, gingen in sich und sahen sich wohl da spielen, denke ich.

Viele fleißige Menschen schleppten wie ein Ameisenheer riesige Dinge umher. Edith wollte gerade sagen: „Ach, machen Sie sich doch keine Umstände!“, verschluckte diese sorgenden Worte aber wieder, weil die Befolgung dessen fatale Folgen gehabt hätte. Musste lachen.


Herman schritt sein Königreich auf Zeit ab und war sichtbar zufrieden.


Sonntag proben wir das erste Mal da. Hoffentlich ist die Sonne unsere Verbündete und haut bis zum 2. September nicht wieder ab.


Dienstagabend kam der Bürgermeister Herr Heller durch sein nächtliches Städtchen gebummelt. Er sah uns auf der Terrasse vom Detmolder Hof sitzen und kam herbei. Zwei Stunden und ein paar kleine Grappas später hatte man viele Dinge beplaudert und Herman hat womöglich ein künftiges Brahmsfestival in Detmold eingeläutet. „Wenn ich eine Stadt hätte, dann würde ich immerzu solche Dinge initiieren, sagt er.


Die Tänzerinnen sind am Morgen immer schon da, wenn ich komme und ich komme schon ziemlich früh. Ich mag sie alles sehr und mich amüsiert wie sie niemals einfach nur still sitzen oder stehen können. Irgendwie muss sich immer eine Dehnen, Strecken, Biegen. Wenn Herman etwas erklärt, vorschlägt… what ever, die meisten hören das in eigentümlicher Verrenkung an. Fleur, die wahrscheinlich überhaupt nie laut werden kann, choreographiert sehr schön anzusehende Tänze. Frage mich manchmal, wann sie das tut, denn zwischen Durchläufen bleibt wahrlich nicht enorm viel Zeit.


Andermal picke ich mir die Mädchen einzeln heraus, es bleiben ja noch einige Weblogtage.


Während ich dabei bin, Stichworte für dieses Weblog aufzuschreiben, stelzt Jasmin in beinahe zwei Metern Höhe vorbei und sagt verwunderliche ungezogene Worte. André übt mit seiner sonoren Stimme einen Zauberspruch ein und Anna Veit, die Darstellerin der LangLang mit den bemerkenswerten Augen lacht geheimnisvoll. Herman geht vorbei und tippelt ballerinengleich  ein paar Tanzschritte ein Salamibrötchen als Accessoire in der Hand. 

Das blaue Shirt steht ihm gut.


Die Runner, Christina und Svenja aus dem Hermannbüro machen ihrem Namen alle Ehre. Sie wieseln umher ohne Luft zu holen. Wenn wir sie nicht hätten… Oh je!


Die Schneiderin sehe ich seltener. Sie hat massiv zu tun.


Für ein paar Stunden und 600 km entfernt schreibe ich das Weblog ins Reine. In meiner Stadt fällt mir auf, dass die Finanzkrise auch Positives mit sich bringt.

Weil nämlich die Stadt sparen muss, werden die Wiesen der Parkanlagen usw. nicht so oft gemäht in diesem Jahr. Jetzt stehen unendlich glückliche Butterblumen wie Armeen gelber Soldaten auf dünnen, dünnen Stängelchen und wiegen sich im Wind.

Früher hab ich als kleines Mädchen immerzu Kränze aus ihnen geflochten und bin mit dieser Krone stolz durch die Straßen gegangen.


Sah noch nie einen Erwachsenen das tun. Auch mich nicht. 

Wann ist der Tag, wo man so schöne Dinge nicht mehr tut? Und warum.


Morgen beginnt die Woche vier und am Samstag ist tatsächlich schon Premiere.


Bis wieder.


Liebe Grüße


Sabine Carolin

Donnerstag, 13. August 2009

Tanz

Aus den Lautsprechern an denen mein Ipod hängt schallt Moby. 

Plié, tendu, jeté… Yep ich leite das Aufwärmen. Toll, so eine "company Stunde"; die Schauspieler (Solisten und Demi-Solisten) und Tänzer stehen durcheinander und jeder gibt sein Bestes. 

Der eine macht mit, weil es sein muss, um sich gleich in die Tanzprobe zu stürzen, der andere einfach weil es ihm Spaß macht. 


Wir haben eine Tanzprobe mit den Schauspielern, wir haben Chorprobe unter der Leitung von Nicole Sieger. Wir rennen mit Kostümen die noch geändert werden müssen zur Schneiderin, wir rennen mit geänderten Sachen zurück, aber meistens noch mit leeren Händen. Es kommen noch Kleidersäcke mit Röcken aus den Niederlanden, Kleider von H&M und wir warten noch auf die fehlenden Hosen, Mönchskutten und noch vieles mehr.  


Die ersten 1 ½ Wochen in Deutschland sind schon um.   

Vom Aufbau eines Stückes sind wir nun beschäftigt mit Proben, verfeinern und Veränderungen in Szenen. Gesangsproben, Tanzproben, Durchlauf, Korrekturen.  


Und das herrliche Stündchen Pause, draußen in der Sonne. Mit unserm Popos auf den Steinen vor dem Gebäude, wo wir uns vergnügen. Die Sonne ist herrlich. Wir essen unser Mittagessen von viel zu kleinen Tellern, die niemals mit einem Mal all das tragen können, was unser Körper braucht.  

Wir laufen also ein paar Mal hin und her, mit einer vom Boden dreckigen Hose, zwischen dem Buffet und unserem Plätzchen in der Sonne. Wir ignorieren die Wespen und umarmen die sommerliche Wärme.  


Wir lachen, reden und schweigen.  


Durchlauf, sing, spring, renn‘ und flieg. Zu früh, aber meistens beinahe zu spät. Herman notiert in seinem Text, dass diese Szene noch viel Aufmerksamkeit gebrauchen kann. Den Zigeunertanz machen wir jetzt endlich mit Röcken. Sie schwingen an den Beinen entlang und tanzen mit.   


Mittwoch ist vorbei, Donnerstag nimmt uns mit. 


Liebe Grüße aus Detmold. 


Margriet

Montag, 10. August 2009

Rückschau Woche Zwei

Sitze im Zug, der mich für ein kurzes Wochenende nach Hause fährt. Im Mp3-Player singt Georges Moustaki das leise Lied ‚Ma Solitude’ und gegenüber schält eine sehr dünne Frau mit zu rotem Lippenstift für ihren sehr dicken, schniefenden Mann drei gekochte Eier. 

Ich döse und lasse eine erlebnisreiche Woche Revue passieren. 


Hoch-Hochsommer in Detmold. Über 30 Grad, die ganze Woche, aber im Gebäude des Grabbe-Gymnasiums bekommt man davon wenig mit. Eine Stunde, exakt 13 Uhr bis 14 Uhr, erlaubt ein kurzes Bad in der Sonne, während man den Salat, ein Brötchen oder Suppe zu sich nimmt.


Die Probentage sind geprägt von Disziplin, wenigen Verschnaufpausen und behutsamen Miteinander. Und mir fällt die Stille auf. Obwohl rund 40 Menschen im Gymnasium zu Gange sind, ist es verwunderlich leise außerhalb der Probenräume. Ab und an unterbrochen von einer Melodie, die sich als Ohrwurm eingeschlichen hat und irgendeiner vor sich hin singt.


Beinahe stündlich wird Neues geboren und ich erlebe gemeinsam mit allen, wie da etwas entsteht, was niemanden unberührt lassen wird. Wer kann, der sollte kommen und sich das Ergebnis ansehen!

Mucksmäuschenstill ist es, wenn Herman nach intensiven Stunden den Probentag auswertet und Dinge für den kommenden Tag erklärt. Man könnte eine Feder fallen hören. Echt wahr.


Inzwischen sind wir eine verschworene Gemeinschaft geworden. Alles geht herzlich zu. Es gibt keine Konkurrenz, keine Stars, keine Benachteiligten, keine Bevorteilten. Jeder ist unerlässlich in dem Stück, ohne ihn, wäre das Mosaik unvollständig. Wenn einem ein Stück der Rolle gestrichen wird, kriegt er es an neuer Stelle wieder. Nur anders. Passender. 


Ich mag nicht genug davon bekommen, wie jeder eine Verwandlung durchläuft und mehr aus sich herausholt, als er wohl zu Beginn der Proben vermutet hätte. Herrlich.


Donnerstag musste Nicole Sieger, die Darstellerin der Mutter in dem Stück und Chorleiterin, ein Lied auf eine Weise singen, was so schwer war, dass sie es wieder und wieder tun musste. Als sie am Ende die Emotion in den Saal getragen hatte, die Herman sich vorstellte, gab es großen Applaus. Chapeau Nicole! Ich hab auch geweint.


Am Freitag fiel mir Lisa Klimaschewski besonders auf. Sie spielt unter anderem ein französisches Mädchen, das ein wunderschönes Chanson singt. Ihre Veränderung ist erstaunlich. Lisa scheint immer so ein bisschen in einer anderen Welt zu wandeln. Gertenschlank geht sie umher mit ihrem winzigen Hund und lächelt irgendwohin. Ich guck ihr manchmal nach und denke: Sie geht da, wie aus einer Fontane-Novelle entstiegen. Aber wenn sie auf die Bühne kommt, traue ich meinen Augen und Ohren kaum. Nach zwei Wochen singt sie dieses französische Liedchen fantastisch. Metamorphose. Mademoiselle Erotique. Edle Bewegungen, Gesten, Grandesse, Stimme. Was aus diesem grazilen Wesen tönt. WOW! Wenn sie das noch steigern kann, und sie tut das, glaube ich, wird Piaf da draußen zufrieden lächeln.


Elizabeth Boor, holländische Regieassistentin, scharfsinnig, witzig, sprachbegabt, wachsam, gerecht, rigoros, barfuss meist, mit lockigem Haar und in sehr schönem Sommerkleid, sieht es auch und lehnt sich zufrieden lächelnd zurück. 


Margriet, ein besonders athletisches Mädchen aus dem kleinen, bunten Heer der Tänzerinnen, ist immer top. Jede Bewegung sitzt, strotzt vor Energie. Beim Tanz der Zigeuner fällt sie mir außerordentlich auf. Da ist Feuer im Blick, der Sehnsucht nach Ferne und Freiheit trägt. Ich guck mich fest. 

Und dann mitten in dieses Feuerwerk hinein ertönt Ediths Stimme. Was für eine Stimme! Heißer, wild und sanft zugleich, mit einen Schluchzen und voller Fernweh… Gänsehaut. Es sind nur fünf Zeilen, die sie singt, die verankern sich im Gedächtnis. Grandios!

Eigentlich will man dann, dass das noch 10 Mal wiederholt wird.


Am Donnerstag war Grillabend. Das war total gemütlich und die fleißigen Menschen vom Hermannbüro, allen voran Sylvia, haben uns mit leckeren Dingen verwöhnt. Später in der Nacht saßen wir noch lange und philosophierten über den Sinn des Lebens. Roger Hendriks, Hermans getreuer Privatsekretär, der für ein anderes Tun zu Herman nach Detmold gekommen war und dessen Humor ich mag, heizte die Gespräche an mit spannenden An- und Einsichten. Nachdenklich und ein wenig weiser gingen wir in dieser Nacht zu Bett.


Am Montag ist Dieuwertje, die immer fröhliche Produktionsassistentin, die nicht nur sehr schön singen kann, sondern auch noch das Talent eines echten Harlekin hat, zum ersten Male Tante geworden. Jeder, der wollte, durfte es erfahren und sich an ihrer Freude laben. Simon, heißt das winzige Knäblein, das sich zu uns auf die Erde gesellt hat. Nach dem Wochenende werden wir Photos zu sehen bekommen. Freu mich.


Am Mittwoch kam Marian angereist und blieb zwei Tage. Marian Kretschmer ist ein junger Illustrator, der schweigend und schnell skizzierte und die Charaktere mit raschem, gekonntem Strich in einem großen Skizzenbuch verewigte. Das Staunen war groß, als man sich danach auf Papier wiederfand.

Was damit getan wird, verrate ich andermal.


Am Freitag, nach der Probe, hätten alle sofort nach Hause fahren können, aber irgendwie blieben die meisten noch, man hatte sichtbar keine Lust sich zu trennen und in alle Himmelsrichtungen davon zu eilen. So saßen wir noch ein Stündchen zusammen und plauderten über dies und das. Am Sonntagabend strömen dann alle wieder aus ihren Heimatorten in Detmold ein. Schönes Bild. Kann mir total nicht vorstellen, dass ich nach dem 2. September dann keine Rückfahrkarte nach Detmold kaufen muss. Schluchze schon jetzt.


Manchmal gehe ich in der stillen Dunkelheit der Nacht durch diese kleine historische Stadt, die mir nun schon gar nicht mehr fremd ist und stelle mir vor, wer einst hinter den über 350 Jahre alten Häusern schlief und denke, dass hinter denselben Mauern und mittelalterlichen Fenstern und Türen heute Menschen von möglicherweise ähnlichen Dingen träumen, auch wenn Laptop, Ipod, DVD-Player und Auto nicht weit sind. 


Eine kleine fette Katze trifft mich zu dieser Stunde immer in der Grabenstraße. Ich sag dann: „Schön, dich wieder zu sehen“ und sie antwortet wie eine Königin mit langem, huldvollem Blick. Dann geht sie ohne Geräusch weiter. Ich auch. Aber meine Schritte hallen in den leeren Gassen. Werde diese Begegnung vermissen, wenn ich wieder dauerhaft in meiner Stadt bin.


Die Presse läuft nun langsam Sturm. Wir wissen kaum, wie wir die Zeit dafür finden sollen.


Der Hund, der zu Florians Familie gehört, ist der liebste Hund auf der gesamten Erde, glaube ich. Ich hab so was noch nicht erlebt. Den ganzen Tag trottet er freundlich und ohne einen einzigen Laut durch das Gebäude des Gymnasiums oder in dessen Umgebung. Steht plötzlich einfach so vor der Bühne, auf der gesungen, getanzt, gespielt, musiziert wird. Schaut und schaut und geht wie ein zufriedener Hundebuddha wieder hinaus aus dem Theater, um nichts zu entdecken. Herrlich dieses Wesen.


Heute hab ich mir ein paar besondere Worte von Herman notiert:


„Weißt du, Milliarden Jahre ist darüber nachgedacht worden, bis Wasser so klar war. Wenn du das sehen kannst, bist du angekommen. Wenn du das Licht auf deiner Hand siehst, packst du kein Gewehr je an.“


So, das war mein Bericht von Woche zwei. 

Der nächste kommt schon bald herbei.


Ach um Himmels Willen - beinahe hätte ich das Wichtigste von allem vergessen!!!

Herman hat neue Schuhe! Weiße, schicke, sehr, sehr schicke Sommerschuhe! 

Unvorstellbar, wie gut sie ihn kleiden! Und unvorstellbar preiswert. 15 Euro im Sommerschlussverkauf! :o) 


Liebe Grüße und ein Lächeln von


Sabine Carolin R*

Montag, 10. August 2009

Jacques

Jacques war der Mann von Lori, von Lori Spee,
einer Freundin, einer Kollegin.
Mehr als 40 Jahre waren sie unzertrennlich.
Sah man Jacques, wusste man Lori in der Gegend.
Wenn Lori auftrat,
sie ist eine prächtige Sängerin,
eine erstaunlich gute Schauspielerin,
dann stand Jacques, noch bevor der Vorhang gefallen war, auf
und brachte aus eigener Kraft einen Saal in Euphorie.
Selten sah ich jemand, jemanden so lieben, wie Jacques Lori liebte.
„Wenn zwei, die sich so lang vertragen, sich noch nicht auf die Nerven gehen,
dann kann man doch von ihnen sagen: Die beiden müssen sich verstehn’…“
schrieb einst Jacques Brel.
Treffender könnte man es in ihrem Falle nicht ausdrücken.

Jacques ist tot. Vom Krebs ermordet.
Vier Jahre hat er wie ein Ritter
gegen einen schier unschlagbaren Drachen gekämpft.
Vergebens. Die Krankheit hat ihn zerstört.
Und in seinem Kampf wusste er jeden davon zu überzeugen,
dass er die Schlacht gewinnen würde.
Sein Optimismus war vorbildlich.
Niemand glaubte, dass er verlieren könnte.
Doch der Horror in seinem Leib war stärker.
Er wurde gefällt. Vergangene Woche. Zum Erstaunen von jedem, der Zeuge war.
Mittwoch wurde er beerdigt. In Geleen.
Das ist ein Städtchen in der Nähe von Aachen.
Nicht weit von Maastricht.

Es gab eine Messe in einer der letzten katholischen Kirchen.
Da wurde lateinisch gesungen und gesprochen – von Männern in Kleidern.
Da war Weihrauch und es brannten Kerzen.
Da wurde gesagt, dass Jacques nun ein Mann der Auferstehung sei
und dass er jetzt bei Jesus wäre und aus dem Himmel zu uns schaute.
Zu uns, die wir da saßen im Licht der Buntglasfenster.
Seine sterblichen Überreste wurden aus der Kirche gerollt
und von wieder anderen Männern unter einer strahlenden Sonne
in einen schwarzen Mercedes gehoben.

Lori stand da mit ihrem Sohn und schaute fassungslos an,
was mit Jacques passierte.
Mit ihm, der ihr so lieb war.
Und sie brach in Tränen aus.
Unsagbarer Kummer - als Spiegelbild einer jubelnden Liebe.
Sterben sollte verboten werden.
Montag, 3. August 2009

Unvollkommenheit

Anna Friesen ist 19 Jahre alt und Tänzerin.
Sie spielt mit in der Vorstellung,
die wir im Augenblick in der kleinen,
aber schönen deutschen Stadt Detmold (Kreis Lippe) proben.
Eine Vorstellung, die die Geschichte
einer deutschen Wirklichkeit erzählt.

Anna ist bezaubernd.
Ich kann es nicht lassen,
sie anzustarren.
Sie hat auf ihrem Kinn
eine kleine Narbe.
Eine Erinnerung an ein Unfällchen.

Ich erzähle ihr von der Narbe,
die ich an der linken Augenbraue habe.
Das passierte damals, als ich als junger Bursche versuchte,
den Mädchen im Schwimmbad zu imponieren.
Ich wollte über sie hinweg ein Salto ins Wasser machen,
hatte mich in der Entfernung verguckt
und bin mit dem Kopf
auf den Betonrand vom Schwimmbad geknallt.
Es wollte nicht mehr aufhören zu bluten.

Anna erzählt mir, was bei ihr geschehen ist,
das die Narbe hinterließ,
die ihr vollkommenes Gesicht
in seiner Vollkommenheit unterstreicht.

Realisiere,
dass meine beiden Töchter
an der gleichen Stelle wie ich,
an der Augenbraue eine Narbe haben.
Anne, weil sie gegen einen gläsernen Tisch stieß,
als wir Fangen spielten
und Babette, meine älteste Tochter,
weil sie vom Gepäckträger fiel,
weil ich so komisch um die Ecke fahren wollte.
Stehen wir drei nebeneinander, könnte man denken,
dass wir unter einer genetischen Unvollkommenheit leiden.
Nein, so ist es nicht. Es ist meine Schuld.
Und das zu wissen, tut immer ein bisschen weh.
Diesen Schmerz spür ich nicht, wenn ich Anna Friesen sehe.
Ihre Narbe genieße ich.

Schrieb nicht schon Heinrich Heine über die Unvollkommenheit:
„Nichts ist vollkommen auf dieser Welt,
der Rose ist der Stachel zugestellt…,
der Tulpe fehlt der Duft…“
Donnerstag, 30. Juli 2009

Tag 4

Am Morgen verkündeten Herman und Edith die Neuerungen, die am Tag zuvor beim Abendessen erdacht wurden. Darsteller, die bis dato glaubten, die „Guten“ zu spielen, bekamen plötzlich eine ganz andere Bestimmung. TikTak-Darsteller Florian und Frank Buchwald, der den Joachim von Lips spielt, staunten nicht schlecht über das düstere Geheimnis, was sie nun mit sich tragen werden. Nicole Singer, die Mutter im Stück, bekam gewaltig neue Aufgaben und gab dafür etwas an Anna Veit ab.

 

Der Weg ist das Ziel. Und unterwegs kann immer alles passieren. Und es passiert.

 

Die ersten großen Presseartikel hängen im Schulhaus aus. Man staunt. Ist stolz. Sucht sich auf dem Fotos. Edith ist heute besonders still und besinnlich in Blick und Geste. Ich muss immer wieder hinschauen.

 

Allmählich kommen Kostüme hinzu. Es wird greifbarer, visueller. Wenn Marc-André im Bischoffsgewand ‚Credo in unum Deum’ singt und der Nonnenchor einsteigt, dann vergisst man tatsächlich, dass man sich in einem Theatersaal befindet. Eindrucksvoll.

 

Als Lisa Klimaschewski ein französische Liedchen singt, was ich persönlich auch die ganze Nacht nicht aus dem Kopf kriege, weil die Melodie sich dauerhaft eingeschlichen hat, bemerke ich, dass die blonde Jasmin vor der Bühne dazu außergewöhnlich erotisch tanzt. Wow! Ein Blick zu Herman. Na klar, das hat er auch gesehen. Ich schmunzle.

 

Jasmin Schleiffer, 30 Jahre kommt aus dem schönen Taunus und wurde vom Fleck weg gecastet, weil sie wohl sehr eindrucksvoll den tanz eines Streites improvisieren konnte. Sie musste somit nicht auf eine Antwort bangen und agiert als Demisolistin, Tänzerin und Understudy. In ihrem Freundeskreis hat sie einen Spitznamen. Affenkind. Als ich verwundert nachfrage, erklärt sie, dass sie Affen so gut nachmachen kann und weil sie auch so lebendig, wild, fröhlich und beweglich sein kann. Nicht immer wurde das gemocht in meiner Umgebung sagt Jasmin.

Dass sie sehr schön singen kann, fiel das erste Mal jemanden auf, als Weihnachten in einer Kirche „Vom Himmel hoch“ allein sang. Bis dahin war das niemandem aufgefallen.

Später spielte sie in einer Schulband und sang andere Dinge.

 

Nach dem Abi absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin. Aber dann siegte doch der Wunsch nach Verwirklichung ihrer Kreativität und nach dem Besuch einer Schauspielschule in München, wo sie auch ein kleines Theater mit aufbaute und einer Musicalausbildung in Oberursel kam das erste Engagement. Sie durfte in Kassel die Hauptrolle der Cinderella im gleichnamigen Weihnachtsmusical spielen und tanzen.

 

Außer singen und tanzen kann sie auch ziemlich gut Karate und auf Stelzen gehen. Dafür wird sie nicht selten gebucht und hat dafür sogar mit einer Freundin eine eigene Geschichte geschrieben und choreographiert.

 

Was sie hier bei „Op een dag in september“ besonders toll findet, ist die Tatsache, „dass es eigentlich keine Konkurrenz gibt. Jeder ist gleichwertig. Es gibt keinen Star. Jedem sei bewusst, dass die Produktion nur mit allen funktioniert. Nichts ist negativ. Bei Herman van Veen gibt es kein richtig oder falsch. Was vorhanden ist, wird genutzt und erweitert, um 100 Prozent herauszuholen.

 

Jasmin möchte immer offen und frei sein können und wenn sie Theofilius eine Frage stellen dürfte, dann würde sie die wahrscheinlich nicht stellen wollen, weil, mit der Antwort, wäre der Weg zum Ziel nicht mehr derselbe und ich will eigentlich jede Überraschung auskosten.“

 

Schöner Gedanke.

Spannende Menschen hier.

 

So,

es regnet leise. Ich nehm’ einen Schirm und geh noch ein wenig durch das nächtliche Detmold. Es ist ziemlich leise. Man schläft hinter alten Mauern. Von fern kommt Geruch von Kuhställen herüber und irgendwo weit oben sticht der Hermann mit seinem Schwert in die Luft und Theofilius hält mit großen Augen irgendwo Ausschau nach einem leckeren Mäuschen

 

Schönen Freitag und bis dahin.

 

Sabine Carolin