So, allmählich begreift gewiss auch der letzte Op een dag-Mohikaner, dass er sich nicht mehr um 17 Uhr aufmachen muss, um zur Waldbühne am Fuße der grünen Hermann zu gelangen, wo Merlijn zum täglichen Soundcheck bläst…
Es ist vorbei, und jeder ist wieder in seinem Zuhause, irgendwo in der Welt. Tut das, was er zu tun hat, legt die Toi Toi Toitjes vielleicht in ein Schächtelchen und die Zeit in Detmold ist nun Teil unserer Geschichte. Und weil das Trennen so schwer zu kapieren ist, versammelte sich die gesamte internationale Familie in Windeseile in einem Internetportal und tut dort ein bisschen so, als wäre der letzte Vorhang nicht gefallen. Das ist total schön. Alle haben sich wieder. Von Südafrika bis in den Osten Deutschlands. Und während jeder seine neuen Wege geht, schreibt man sich kleine Alltäglichkeiten, Lustiges, Nachdenkliches, Termine, verschickt Bilder und Musik, antwortet sich untereinander mit Fragmenten aus dem Stück. „Wie sagt man das? Kennst du mich, wenn kennst du dann? „Alles was nach oben geht…“ „Ich mag Pommes…“ Für Außenstehende verwirrend, für uns vertraute Parolen. Ich finde das alles rührend und erfrischend zugleich.
Versuche mir gerade vorzustellen, was Detmold jetzt ohne uns macht.
Sechs Wochen lang haben wir die Stadt umgekrempelt und in ganz Europa bekannt gemacht.
Ihr lieben Menschen vom Detmolder Hof und vom Vox, spielt ihr jetzt Karten am Abend? Nadine Morawitz, Anna-Lena Lübbecke, Susann Kremke, Thorsten Federschmid vom schönsten Hotel im Städtchen haben ohne ein einziges Wort der Klage Tag für Tag, 6 Wochen lang, Überstunden gemacht. Nicht selten bis 4 Uhr am Morgen, weil die Ideen und der Wein nicht versiegen wollten.
Und immer waren sie um uns mit ehrlichem Lächeln und ab und an mit kleinen Leckereien auf Kosten des Hauses. Sambuca, Veltliner oder ein Dessert. Für Herman und Edith hat das Hotel am Ende sogar eine eigene Speisekarte erschaffen. In Zukunft kann man im Detmolder Hof das
Herman van Veen-Menü bestellen. Beide speisten die Eigenkreation tagtäglich, ohne abzuweichen. Am Tag vor der letzten Vorstellung zauberte der Hotelchef mit den Seinen ein exzellentes Büffet für uns alle. Hab noch immer den Geschmack von Mouse au Chocolat auf der Zunge.
Und ihr Getreuen von der Security und vom Hermann-Büro, summt ihr nachts im Traum unsere Op een dag-Melodien, die ihr so oft, so oft gehört habt und vermisst ihr uns trotzdem? ;o)
6 Wochen lang blieb uns auch die Sonne treu. Merci! Nur am letzten Tag weinte sie bittere Tränen des Abschieds, und es goss wie aus Eimern, so dass auf der Bühne ein Schwanensee entstand und Musiker, Tänzer, Sänger, Schauspieler fast knöcheltief im Wasser spielten und tanzten. Dennoch waren die Zuschauerränge vor der Waldbühne bis auf den letzten Platz ausverkauft und ein Meer an bunten Schirmen trotzte den Widrigkeiten von oben.
Einen größeren Beweis für Erfolg konnte es wohl nicht geben.
Weit über 10.000 Besucher in 10 Vorstellungen, das hat sogar unsere kühnsten Hoffnungen übertroffen. Nicht enden wollender Applaus, Blumensträuße, herzliche und dankende Worte vom gerade wieder gewählten Bürgermeister und anderen Stadtvätern sowie ein kleines Feuerwerk schlossen den Reigen der Vorstellungen am Hermannsdenkmal. Kein Auge blieb trocken.
Ja klar, wir hatten natürlich Begeisterung ersehnt, erhofft, geahnt, aber waren doch zu Beginn vorsichtig mit den Prognosen. Herman berührt ja stets sensible Themen und beachtet dabei keine Gebote. Solche Befindlichkeiten hatten keine Chance, gepflegt zu werden. Wie ein Maître auf dem Drahtseil vollführte er das Meisterstück der Balance - ohne zu schonen.
Alte Weggefährten, die zur Premiere angereist waren, um zu sehen, was unter seiner Regie entstanden war, sprudelten ihre Begeisterung heraus. Das Beste, was außerhalb der bekannten Herman van Veen-Konzerte je gezeigt wurde, jubelten sie. Auch die Medien waren einhellig voll des Lobes. Fantastische Kritiken überall.
Jeder Besucher nahm etwas anderes mit nach Hause. Die meisten sagten im Anschluss: „Da war so viel Beeindruckendes, so viel Nachdenkliches, sah man so viele schöne Details, die verzauberten und leuchteten, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Das muss erst mal verdaut werden. Viele kamen sogar mehrere Male. Einige der ganz Getreuen sogar acht Mal. Auch Kinder hörte ich die Lösung des Rätsels vom lustigen Fährmann schon flüstern, bevor Anna es erriet. Sie sind also schon Mal dagewesen.“
Bereits vor der letzten Vorstellung wurde geweint, als Herman und auch Edith emotionale Worte sprachen, dankten und bekundeten, dass es für sie eine der schönsten Erfahrungen ihres Lebens gewesen sei, mit einem so großen, bunten Team etwas derart Besonderes zu erschaffen. Man sprach von dem Weg bis dahin, der nicht immer einfach war, von Plänen über eine Fortsetzung und eine DVD usw. Alle saßen eng beieinander auf der Bühne und keiner wollte wohl recht glauben, dass das Abschiedworte waren. Der Hermann oben auf seinem Hügel nahm kurz das Schwert herab, um sich ganz heimlich eine Träne wegzuwischen. Echt wahr. Hab es selbst gesehen.
Die Organisatoren und Produzenten Dr. Klaus Schafmeister und Stephan Vogelskamp, die einst den Traum hatten, Herman ins Hermannjahr 2009 zu holen, wieselten am letzten Abend ohne Rast umher, von Besucher zu Besucher und waren wohl die innerlich freudvollsten Menschen von allen. Trunken vor Glück schauten sie zurück und schmiedeten währenddessen bereits an Zukunftsplänen für das Stück.
Nun bin ich auch wieder daheim, beschäftigt mit anderen schönen Dingen, vorbereite neue Reisen und die Sonne lacht. Es duftet nach frühem Herbst und vorwitzige Kastanien prasseln schon. Kann das sein? Ist es schon wieder soweit?
Wenn ich ab und an die Augen schließe, sehe ich das rote Kleidchen von Anna vorbeitanzen. Das jüdisches Mädchen im Märchen, das sich im Krieg mit ihrer Mutter im großen leeren Kopf des Denkmals versteckt hielt und später mit zwei eigentümlichen Freunden eine abenteuerliche Reise durch Europa macht, um ihren Vater heilen zu können, der durch das Schlimme im Krieg seine Gedanken verloren hat.
In Kürze wird das Programmheftchen auf der Herman van Veen Website zu sehen sein, dann kann jeder ahnen, was geschah oder sich erinnern oder nachschlagen, wer was tat.
Dauernd geistert ein anderer Op een dag-Hit über meine Lippen. Ganz automatisch. Kann nix dagegen tun. Will ich auch nicht.
Heute Morgen war es: „Den Duft vom ganzen Blumenmeer, vergisst du…“
Aber am häufigsten ist es Selma, die sich lächelnd zu Wort meldet.
Selma, das jüdische Mädchen, was nicht das Glück hatte, im Kopf eines Soldatendenkmals Schutz zu finden und dennoch vor ihrem Tod Poesie schrieb, die wehrlos macht in ihrer Schönheit. Sie sprach nun durch Herman und zog sich wie ein weißes Segel durch die ganze Handlung. Für mich persönlich das Emotionalste, weil sie alles eröffnete und schloss. Weil sie da war. Herman sagt zum Schluss:
„Sieh, die Wolken, sie lösen sich auf… „
Wie schön das ist. Wie wahr.
Jemanden hervorzuheben in diesem Musiktheater wäre total ungerecht. Jeder, wirklich jeder, der auf, vor und hinter der Bühne mitwirkte, hat alles gegeben, um dieses Stück zu dem werden zu lassen, was es geworden ist.
Herman van Veen
Edith Leerkes
Nina de la Croix
Frank Buchwald
Anna Veit
Anna Friesen
Florian Volkmann
Nicole Sieger
Jasmin Schleiffer
Marc-André Uelner
Lisa Klimaschewski
Mechthild Teschemacher
Dorit Oitzinger
Claudia Brand
Henriette Geiger
Linnet van der Wal
Fleur Hagemans
Margriet Kuiper de Rijk
Fleur van Hille
Hein Offermans
Jaconell Mouton
Amelia Mitschke
Elisabeth Boor
Sabine Carolin Richter
Dieuwertje van Ravenswaaij
Kiki Meijerhoven
René Lunenburg
Merlijn van Veen
Johan Hendriksz
Stephanie Seidel
Christine Brinker
Christina Specht
Sebastian Wessels
Moritz Brandes
Svenja Nack
…
und alle, alle, deren Gesichter,
aber Namen mir nicht im Gedächtnis blieben.
Was ich auch nicht vergesse, ist die kleine Familie rund um TikTak-Darsteller Florian. Da war soviel Liebe. Ich konnte mich kaum satt sehen. Entzückend, was Florians jüngster Sohn erzählt hat, der bei so vielen Proben und Aufführungen dabei war. Immer ganz leise, immer aufs Neue gespannt. Obgleich noch so klein, hat sein kleines Herz verstanden, um was es ging. Ihm haben wir wohl auch zu verdanken, dass das Wetter so prächtig hielt, denn er hatte zu Beginn ohne Aufforderung zum Wettergott gebetet, dass er es bitte schön lassen möge. In dem Stück sucht eine Mutter verzweifelt ihre Söhne und ruft mehrfach: „Hans, Heinz und Helmut!“ Der kleine Knirps aber verstand immer ‚Hans, Heinz und Schnellboot“. Stets dann, wenn nun diese Stelle kam, sang er froh mit seinem Kinderstimmchen „Hans, Heinz und Schnellboot“ und war voll des Glücks.
Stephan Vogelskamp entdeckte seine kleinen Töchter morgens früh, als sie eine der rührendsten Szenen des Stückes nachspielten. Die Ältere der beiden zählte mit den Fingern: 1, 2… 7. Und die Kleine legte ihr die Hand auf den Arm und sagte zärtlich: „Nein. Drei!“
So geht das und so wird das weiter gehen. Ich bin glücklich dabei gewesen zu sein. Bin glücklich meinen Beitrag geleistet zu haben und dankbar für jede Begegnung, jeden Moment.
Und so ist dieses Märchen gut ausgegangen.
Zum Glück,
denn sonst ist es nicht wahr.
Eure
Sabine Carolin