Montag, 14. Juni 2010

Fragen Sie mich

Fragen Sie mich: "Was ist ein Niederländer?“,

dann kann ich das nicht beantworten.

Das kommt daher, weil ich selbst einer bin.

Nur ein Ausländer könnte etwas über meine Art sagen.

Ganz einfach, weil er anders ist.

Ein nicht verwandter, schon verstorbener niederländischer Schriftsteller hielt,

so las ich,

einst einen Vortrag über den Schweizer Volkscharakter in Hinterschmidrütti,

nicht weit von Zürich.

Er wusste mehr von den Schweizern als die Schweizer über sich selbst.

Dass er Recht hatte, wurde dadurch bewiesen,

dass er am Ende seiner Rede von seinen Zuhörern

von einem Berg in eine Schlucht geworfen wurde.

Gleiches geschah auch dem deutschen Philosophen Heinrich Kopfstein,

der einst nach Amsterdam eingeladen worden war,

um vor Historikern über die Niederländer zu sprechen.

Er wurde nach seiner Rede in die Amstel geworfen

und ward dann nie wieder gesehen.


Ich denke gerade an den Lieblingsspruch meines Vaters:

"Hier ruht Jan. Er kam von rechts. Er hatte Recht."


Es gab noch nie einen niederländischen ‚Demagogen’,

weil man an gemeinschaftliche Gefühle

nicht appellieren konnte.

Eine solche Figur hätte in der jüngsten Vergangenheit

lediglich in lauter erstaunte Gesichter

predigen können.

Die Menschen hätten sich nur gefragt:

"Wie kommt der Mann dazu, an meiner Stelle zu stehen?

Unsere Realität ist seit den jüngsten Wahlen in den Niederlanden

tatsächlich anders geworden.

Wir sind zu einem entscheidenden Teil nicht mehr wir selbst.

Unangenehm überrascht, weil anhaltender Nieselregen

scheinbar die Sicht von vielen vernebelt hat.


Sind viele von uns Niederländern jetzt anders geworden?

Kann ich jetzt etwas über unsere Wesensart sagen?

Montag, 7. Juni 2010

Bevor ich sah

Der Utrechter Studentenchor und Orchester wird in diesem Jahr 65 alt.

Zur Feier dieses freudigen Anlasses

durfte ich einen Text über Schicksal und Triumph schreiben.

Der niederländische Komponist Douwe Eisenga wurde eingeladen,

dazu die Musik zu komponieren.

Gestern saß ich an einem warmen Juni-Nachmittag

neugierig bei der Vorpremiere in Brigidakirche von Geldrop

auf den unbequemen Bänken des religiösen Hauses.

Menschen in Sommerkleidung hörten und schauten

den hundertzwanzig jungen Leuten zu, 

die mit Begeisterung sangen und spielten.

Nach dem wunderbaren "Schicksal" von Johannes Brahms

war dann "Bevor ich sah" an der Reihe.

Ein Werk für Chor und Orchester.

Mit dem Text habe ich versucht, zu sagen, 

dass du Gott nicht die Schuld geben kannst,

wenn dein Leben schief läuft.

Gott löst nichts auf, was immer auch geschieht.

Sie sagt kein Wort,

Sie schweigt mit Sonnenlicht,

Regen, Wind und Feuer,

damit es dir zuteil werden solle.

Prächtig fand ich es.

Glasklar. So klar wie Wasser aus dem Wasserhahn.

All die jungen Menschen, verstanden es,

mich zu Douwe Eisengas post-minimalistischen Klängen

und unter Leitung des begeisternden Gilles Michels

bis tief in Mark zu berühren. 

Donnerstagabend erlebt "Bevor ich sah"

seine Weltpremiere im Concertgebouw in Amsterdam.

Hören Sie sich das an!

Montag, 31. Mai 2010

Siebensachen

Das ist mein Sakko

mit meinem Pass

in der Innentasche

und dem Füllfederhalter,

mit dem ich Briefe schreibe.


Das ist der Gürtel,

mit dem ich meine Hose

zusammenhalte, 

seit die Hüften etwas voller sind.


Dies sind die Schuhe,

die ich in Chemnitz kaufte,

und wovon ich Blasen 

an meinen Fersen hab.


Hier meine Tasche,

in der sich das Etui

mit meiner Zahnbürste

und Zahnpasta befindet.


Der Kamm,

das Deo,

die Unterwäsche,

die ich gestern trug,

das weiße Hemd.


Mein Notizbuch,

einige Mails,

die ich lesen sollte,

einzelne Zeitungsausschnitte

über das, 

was ich nicht vergessen will.


Dies ist das Buch,

das ich lese.

Bin auf Seite 275,

da, wo das rote Bändchen liegt.


Das ist meine Geige

und mein Geigenstock,

hinter dem Fotos

von meinen Lieben stecken.


Einige Ersatzsaiten

und Weißharz.

Und das ist ein Sordino, 

ein Dämpfer,

damit ich in Hotelzimmern

leiser spielen kann.


Hier die Uhr,

die ich einst von Edith 

in Wien bekam.


Und dies ist echt kein Blut

unter meinen Nägeln.

Das, was da rot ist,

das kommt vom Malen.


Arbeite an einem großen Bild,

das noch vor dem 3. Juli

fertig sein muss.


Dies sind meine Kreditkarten,

der Führerschein,

220 Euro - 

man weiß ja nie.


Und meine Bordkarte.

Dienstag, 25. Mai 2010

Spinnweben

Zwischen Stehlampe und Decke

hat ein Spinnlein unbemerkt

ein paar Sträßchen aus glänzenden Fäden gewebt.

Fäden, die man nur dann sieht,

wenn man die Glastür zum Flur

in behutsamer Weise öffnet.

Nicht zu langsam, nicht zu schnell.

Vielleicht etwas zögerlich,

so, als ob man nicht mehr wüßte, 

ob man hinein- oder hinausgehen wollte.

Das ist etwas, das mir übrigens

immer öfter passiert.

Schön, denn sonst hätte ich wohl

die hauchdünnen Fädchen nicht gesehen.

Sie zittern ein wenig.

Das kommt daher, weil ich gerade die Zeichnung, 

die mein Enkelsohn von mir

in der Schule gemacht hat,

auf einen Bücherstapel gelegt habe.

Dadurch regte sich die Luft.

Die Spinnwebchen

sind verblüffend lang.

Die Decke ist sicher vier Meter hoch.

Dass das Tierchen das alles in sich hat...

Emsig klettert es hinauf und hinab,

als ob es nicht wüsste,

warum es das tut.

‘Wonach schaust du?’, fragt meine Frau,

die ihren Mann hochkonzentriert nach Nichts starren sieht.

‘Ich wusste nicht,

ob ich hinein- oder hinausgehen wollte,

und dann sah ich

die Spinnwebchen.’

Montag, 17. Mai 2010

Fliegen


Ein Vorderrad,
zwei Stühle
Plastikflaschen.
Flatternde Zeitschriften,
zerrissene Kleidungsstücke,
verkohlte Fetzen,
verbogener Stahl
Scherben,
ein Schulheft,
Zeichnungen von Giraffen.
All das sehen wir auf dem Bildschirm.
Bis ins kleinste Detail.
Wir sehen das, was übrigblieb
nach dem Absturz eines Flugzeugs
auf dem Flughafen von Tripolis in Libyen.
Mehr als 100 Menschen fanden den Tod.
Ein Unfall, dessen Ursache
heute noch nicht bekannt ist.
Ein Junge,
Ruben,
überlebte den Aufprall.
Er liegt in einem Krankenhaus.
Man spricht von einem Wunder.
All das sehen wir.
Den Schlauch in seinem Mund,
die Nadel in seinem Arm,
seine halbgeschlossen Augen.
Männer sprechen in ungefährem Englisch
über den Hergang
und darüber, was zu tun ist.
All das sehen wir.
Den Schock auf den Gesichtern der Hinterbliebenen,
die murmelnden Obrigkeiten,
die professionellen Berichterstatter.
Ein Bürgermeister
kann seine Tränen nicht zurückhalten.

Ein Moderator von CNN
steht in einer Straße in Tilburg
und deutet auf eine Haustür,
hinter der eine Familie nie mehr wohnen wird.

Ich, der in einem Flugzeug  immer Angst hat,
schaut mit weißen Handknöcheln auf die Bilder.
Natürlich ist Fliegen prozentual viel sicherer
als Auto- oder Zugfahren.
Aber das Wissen darum,
bringt diese Opfer dennoch nie mehr zurück.
Was bleibt, ist, für ihren Frieden zu beten

und mit den Hinterbliebenen mitzufühlen.
Und aufhören, zu glauben,
dass uns so etwas niemals passieren kann.
Check, Check, Doppelcheck.

Montag, 10. Mai 2010

Bezeichnend

 

Vor allem war er Priester.

Mehr als der Sorge

um die wissenschaftliche Entwicklung

der ihm anvertrauten Knaben

galt seine Aufmerksamkeit

ihrer religiösen Bildung.

Er verstand seine Aufgabe

zu allererst als eine apostolische.

Niemals sah man den Pater

strahlender vor Freude

als nach einem vollzählig besuchten Messopfer

oder einem gemeinsamen Abendmahl.

Groß war seine Bestürzung dann auch,

als er vernahm, dass Bruder Johannes

sich an einem seiner Jungen vergriffen hatte.

Johannes Wege waren abgründige.

Johannes war krank.

Abstoßend krank.

Der Pater schrieb einen Brief

an die höchste Instanz

und wartet nun schon fast 50 Jahre

vergeblich auf eine Antwort.

So las ich und begriff.

Montag, 3. Mai 2010

Gebet


Sieh die Blumen,

die Bäume,

die Luft

und die Vögel,

die Wiesen,

die Berge,

das Meer.

Sieh lustige Dinge,

wenn Zeit dafür ist,

sieh die Bücher,

die Bilder,

und Gedichte,

sie müssen nicht gut sein.

Sieh die Worte,

die Webfehler,

sieh das Getränk,

vor allem

den roten, trockenen Wein.

Sieh die Fische,

die Schatten im Wald,

sieh den Pfad,

und den Weg,

der nicht weiter führt.

Sieh die Väter und Mütter,

die grauen Menschen,

sieh den Kies vor dem Haus,

sieh das Dach,

und den Schornstein,

sieh die Kinder,

sieh…

 

Herman van Veen

 

 

Montag, 26. April 2010

Kalt


Meine Tochter und ihr Mann

haben ihr Haus verkauft

und anschließend ein Haus gekauft.

Ein Stückchen weiter oben,

in der gleichen Straße.

Etwas größer, etwas geräumiger.
Sie können dort noch nicht einziehen,

deshalb wohnen sie mit ihren beiden Kindern

vorübergehend bei uns.

Den Jüngsten, einen Knaben von fünf,

mag ich gern necken.
„Oh je, wie ist meine Wange doch kalt!“,

sage ich jeden Tag.

Dann klettert er auf meinem Schoß,

zieht sich hoch,

legt seine kleinen Arme um meinen Hals

und gibt mir auf die sogenannte kalte Wange

einen Kuss.

Bin vorgestern von einer langen Reise heimgekehrt.

Utrecht Dresden, Prag, Wien, Graz, Salzburg, Vaduz, Utrecht.
Fliegen wegen dem
Unwohlsein

vom Eyjafjallajökull auf Island
nicht möglich.


Als ich nach Hause kam,

machte ich mich auf die Suche

nach den Enkelsöhnen.

Fand sie ineinander verschlungen

auf der Couch vorm Fernseher

im Kaminzimmer.
„Hallo Opa“, sagten sie stereo.
„Hallo Jungs!“

„Du wirst total kalte Wangen haben“,

murmelte der Jüngste.

Herman van Veen

Montag, 19. April 2010

Weg

An einem späten Sommerabend

verliebte sich das Paterchen in das Nönnchen

und das Nönnchen in das Paterchen.

Und sie fragten Gott:

Was nun?

Und Gott schickte ihnen

einen winzigen Sonnenstrahl,

der auf ein Vogelnestchen in der Hecke schien.

Und irgendwo in der Ferne

konnte man Glocken läuten hören.

Das Paterchen schaute das Nönnchen an.

Das Nönnchen schaute das Paterchen an.

Und durch ihre Tränen hindurch 

glitzerten Lichtlein in ihren Augen. 

Sie sagten Tschüss und Dankeschön

und wandelten dann Arm in Arm

auf dem langen Weg

entlang der Rosen

weg von dem großen grauen Kloster.

 

Sie mieteten sich ein Häuschen in einer Straße

und da leben sie noch immer

mit einem Knaben, der seiner Mutter ähnelt

und einem Mädchen, das dem Opa ihres Vaters gleicht.

Der Junge heißt Paterchen

das Mädchen Truus.

Und jeden Morgen, wenn sie aufgestanden sind, 

gehen sie Hand in Hand zu viert

in ihren Garten,

der so hoch ist wie der Himmel

und bilden einen Kreis.

Und sie zwinkern dann,

einer nach dem anderen,

der Sonne zu.

Montag, 12. April 2010

Erkenntnis

Die Tauben fliegen bis an die Wolken 

und schlafen in der Kirche. 

Über den Wolken schweben Engel 

und oben im Himmel wohnt Gott 

inmitten der toten Menschen, 

die wieder lebendig geworden sind.


So fügte sich, laut meinem Opa, alles ineinander. 

Jetzt, da ich selbst Opa bin, 

weiß ich, dass das nicht so ist. 

Das mit Gott und den Engeln. 

Über den Wolken ziehen Flugzeuge 

Streifen in die Luft 

und der Himmel daüber 

ist unbeschreiblich groß 

und vor allem mit Rätseln gefüllt. 

Von Gott, der dem Weihnachtsmann ähnelt, 

wurde niemals etwas vernommen, 

obwohl einige Leute behaupten, 

Worte und Zeichen von ihm empfangen zu haben.

Ich denke, dass sie das glauben.

’Wissen’ ist etwas ganz anderes.

Im Grunde finde ich es recht schade,

dass die Bilder, die mein Opa zauberte,

nicht in echt existieren.

Denn es ist doch gemütlich:

Engel, die auf Wolken schlafen

und von der ’Menschen Wohlbehagen’ singen

und von ‘Gloria in Excelsis Deo’.

Gott, der mit einem Lächeln

weise und erhaben dasitzt

mit all den erstaunten Menschen,

die froh sind, dass sie wieder leben.


Als Kind habe ich in Gedanken oft mit Gott geplaudert.

Hab ihm von allem erzählt

und vor allem um alles gebeten.

Vor Nikolaus und Weihnachten,

vor meinem Geburtstag auch,

und dass meine Mutter gesund werden sollte und so.

Und wenn ich dann bekam, was ich wollte,

bedankte ich mich bei ihm in meinem Kopf.


Hin und wieder tue ich das noch immer.

Bei großem Glück oder großem Verlust.

Gut, man weiß, dass es Gedanken sind.

Aber nicht ’nur’ Gedanken.

Denn inzwischen wissen wir,

dass Gedanken,

ob gedacht, gesagt oder gebetet,

durchaus etwas bewegen.

Messbar,

in Wellen,

unterwegs zu dem, was unerklärbar scheint.