Werde wach von einem Glockenspiel.
Wo bin ich? In welchem Hotel?
Neun Uhr blinkt der digitale Wecker.
3. Oktober. Tag der Deutschen Einheit.
Die Bundesrepublik hat Geburtstag.
Wird heute sechzig Jahre und vor zwanzig Jahren fiel die Mauer.
„Geteilt so einig, vereint so uneins.“
Das wird heute gefeiert.
Schaue aus dem Fenster. Sehe, dass es still auf der Straße ist.
Es hängt keine Zeitung an meiner Türklinke.
Im Fernsehen sehe ich Bilder von Mickey Mao-Land.
Auch die Chinesische Volksrepublik feiert ihr sechzigjähriges Bestehen.
Auf dem Platz des Himmlischen Frieden schauen sich einhundertachtzigtausend Menschen
bunte, stramm marschierende Kolonnen und vorbeirollendes Kriegsgerät an.
Es hat etwas Angsteinjagendes.
Präsident Hu Jintao preist das Volk und sich selbst.
Inmitten der gedrillten Festfreude
liegt irgendwo auch stumm der einbalsamierte Leichnam des Mannes,
mit dem alles begann.
In einem Mausoleum, zu groß für seinen windigen Leib.
Hunderte Male aufgefrischt, geschminkt, nachgebessert.
Noch stehen jeden Tag hunderte Menschen in der Schlange,
um einen Blick auf das undichte Gesicht von Mao Tse-Tung zu werfen.
Der große Vorsitzende und Gründer der Volksrepublik China.
Darüber, was er angerichtet hat, über seine Standpunkte
wird beim Reis nicht mehr gesprochen.
Offiziell ist es jetzt so, dass man in China sagen darf,
dass er siebzig Prozent ‘Gutes’ und dreißig Prozent ‘Schlechtes’ tat.
Die ‘Suite’, in der ich wohne, besteht aus zwei Zimmern mit Balkon.
Ein einfaches Zweibettzimmer mit Zwischentür zum Wohnraum.
901 und 903, zwei Schlüssel an zwei schweren Schlüsselanhängern
für den Fall, dass man sie stehlen will.
Fast vierzig Jahre komme ich hier in diese Stadt alle drei Jahre spielen.
Vier Nächte. Jedes Mal wieder dieselben Zimmer.
Schlief hier noch, das ist so an die 25 Jahre her,
mit meinem Vater in diesem kleinen Doppelbett.
Er in seiner Schlapperunterhose, ich mit meinen karierten Boxershorts.
Hab kein Auge zugemacht. Mein Vater schnarchte formidabel, wie ein Holzsägewerk.
Und wenn er sich umdrehte, lief ich Gefahr,
ein Auge blau geschlagen zu bekommen.
Mein Vater, der in diesem Hotel des vornehmen Schwimmbades verwiesen wurde,
weil er dennoch tauchte, obwohl da deutlich geschrieben stand: “No diving”.
In diesem Hotel, wo wir nächtelang mit Aloïs Kurzmann durchsaßen
und über unsere, inzwischen den Geist aufgegebene, Zeitschrift ‘Pierrot’ diskutierten,
in der wir Menschen zu Wort kommen ließen, die in unseren Augen voran gingen,
die damit beschäftigt waren, die Welt zu verändern.
Revolutionäre, Künstler, Wissenschaftler,
Tänzer, Sänger, Musikanten.
Wir hatten, das sag ich mit gewissem Stolz,
beispielsweise das erste Interview im Westen mit Michael Gorbatschow, ein Novum.
Das Hotel, wo uns Jochen Albrecht von unserer Schallplattenfirma Polydor
alles besorgte, was nötig war, um lange Nächte zu überstehen.
Aloïs ist tot, Jochen ist tot, Ich weiß es noch.
Das Hotel, in dem wir mit Hannovers eigenem Dichter-Musiker, plauderten und an Texten feilten
mit dem radikalen, bittersüßen Heinz Rudolf Kunze,
von dem ich so viele deutsche Worte singe.
In dem Hotel, wo ich Stunden mit meiner Frau am Telefon hing,
als unsere Ehe noch an einem seidenen Faden hing.
Nichts an diesen beiden Zimmern hat sich verändert.
Alles steht noch, unberührt.
Der Schreibtisch, der Schrank, das Tischchen,
die Nachtschränkchen, sie sind nicht glänzend braun, eher grau
und voller Flecken von Gläsern, Flaschen, ausgedrückten Zigaretten.
Der Balkon ist verwittert, der Beton rottet.
Wage mich nicht, hinaus zu treten.
Der Teppich kräuselt sich an den Rändern.
Er ist genau wie die Schränkchen voll mit Beweisen für Umgefallenes,
Getropftes, Gekleckstes, Umhergeworfenes.
Auch die Äpfel in der Schale ähneln diesem Anblick.
Ich falle jedes Mal wieder darauf herein.
Denke stets, wenn ich wieder nach Hannover fahre:
‚Sie werden das Hotel inzwischen ganz bestimmt renoviert haben?’
Jetzt reicht es mir. Hab es satt.
Als ich mich nach dem Duschen abtrockne,
bin ich von dem zu oft gewaschenen Handtuch voller weißer Fusseln.
Brauche gut zehn Minuten, um die wieder abzuzupfen.
Es ist einfach ein schlampiges Hotel,
wenn auch mit besonderen Erinnerungen.
‘Herr Van Veen, darf ich heute Nacht nicht bei Ihnen schlafen?
Mein Fahrrad wurde gestohlen, der letzte Bus ist weg,
habe kein Geld für ein Taxi.
Ich muss hier morgen sowieso wieder bei einer Vorlesung für Psychologie sein.
Ich werde ganz leise sein.
Und wenn Sie mich dann küssen wollen,
es niemals jemanden erzählen?’