Donnerstag, 30. Juli 2009

Tag 4

Am Morgen verkündeten Herman und Edith die Neuerungen, die am Tag zuvor beim Abendessen erdacht wurden. Darsteller, die bis dato glaubten, die „Guten“ zu spielen, bekamen plötzlich eine ganz andere Bestimmung. TikTak-Darsteller Florian und Frank Buchwald, der den Joachim von Lips spielt, staunten nicht schlecht über das düstere Geheimnis, was sie nun mit sich tragen werden. Nicole Singer, die Mutter im Stück, bekam gewaltig neue Aufgaben und gab dafür etwas an Anna Veit ab.

 

Der Weg ist das Ziel. Und unterwegs kann immer alles passieren. Und es passiert.

 

Die ersten großen Presseartikel hängen im Schulhaus aus. Man staunt. Ist stolz. Sucht sich auf dem Fotos. Edith ist heute besonders still und besinnlich in Blick und Geste. Ich muss immer wieder hinschauen.

 

Allmählich kommen Kostüme hinzu. Es wird greifbarer, visueller. Wenn Marc-André im Bischoffsgewand ‚Credo in unum Deum’ singt und der Nonnenchor einsteigt, dann vergisst man tatsächlich, dass man sich in einem Theatersaal befindet. Eindrucksvoll.

 

Als Lisa Klimaschewski ein französische Liedchen singt, was ich persönlich auch die ganze Nacht nicht aus dem Kopf kriege, weil die Melodie sich dauerhaft eingeschlichen hat, bemerke ich, dass die blonde Jasmin vor der Bühne dazu außergewöhnlich erotisch tanzt. Wow! Ein Blick zu Herman. Na klar, das hat er auch gesehen. Ich schmunzle.

 

Jasmin Schleiffer, 30 Jahre kommt aus dem schönen Taunus und wurde vom Fleck weg gecastet, weil sie wohl sehr eindrucksvoll den tanz eines Streites improvisieren konnte. Sie musste somit nicht auf eine Antwort bangen und agiert als Demisolistin, Tänzerin und Understudy. In ihrem Freundeskreis hat sie einen Spitznamen. Affenkind. Als ich verwundert nachfrage, erklärt sie, dass sie Affen so gut nachmachen kann und weil sie auch so lebendig, wild, fröhlich und beweglich sein kann. Nicht immer wurde das gemocht in meiner Umgebung sagt Jasmin.

Dass sie sehr schön singen kann, fiel das erste Mal jemanden auf, als Weihnachten in einer Kirche „Vom Himmel hoch“ allein sang. Bis dahin war das niemandem aufgefallen.

Später spielte sie in einer Schulband und sang andere Dinge.

 

Nach dem Abi absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin. Aber dann siegte doch der Wunsch nach Verwirklichung ihrer Kreativität und nach dem Besuch einer Schauspielschule in München, wo sie auch ein kleines Theater mit aufbaute und einer Musicalausbildung in Oberursel kam das erste Engagement. Sie durfte in Kassel die Hauptrolle der Cinderella im gleichnamigen Weihnachtsmusical spielen und tanzen.

 

Außer singen und tanzen kann sie auch ziemlich gut Karate und auf Stelzen gehen. Dafür wird sie nicht selten gebucht und hat dafür sogar mit einer Freundin eine eigene Geschichte geschrieben und choreographiert.

 

Was sie hier bei „Op een dag in september“ besonders toll findet, ist die Tatsache, „dass es eigentlich keine Konkurrenz gibt. Jeder ist gleichwertig. Es gibt keinen Star. Jedem sei bewusst, dass die Produktion nur mit allen funktioniert. Nichts ist negativ. Bei Herman van Veen gibt es kein richtig oder falsch. Was vorhanden ist, wird genutzt und erweitert, um 100 Prozent herauszuholen.

 

Jasmin möchte immer offen und frei sein können und wenn sie Theofilius eine Frage stellen dürfte, dann würde sie die wahrscheinlich nicht stellen wollen, weil, mit der Antwort, wäre der Weg zum Ziel nicht mehr derselbe und ich will eigentlich jede Überraschung auskosten.“

 

Schöner Gedanke.

Spannende Menschen hier.

 

So,

es regnet leise. Ich nehm’ einen Schirm und geh noch ein wenig durch das nächtliche Detmold. Es ist ziemlich leise. Man schläft hinter alten Mauern. Von fern kommt Geruch von Kuhställen herüber und irgendwo weit oben sticht der Hermann mit seinem Schwert in die Luft und Theofilius hält mit großen Augen irgendwo Ausschau nach einem leckeren Mäuschen

 

Schönen Freitag und bis dahin.

 

Sabine Carolin

Mittwoch, 29. Juli 2009

Tag 3

19.30 Uhr. Eine milchige Sonne steht hoch über dem mittelalterlichen Städtchen. Es ist noch sehr warm. Plaudern in den Gassen. Die zahlreichen Straßencafés sind äußerst gut besucht. Irgendwo, hinter 400 Jahre alten Häusermauern, aus denen allerorten Blumen rieseln, singt Michael Jackson den Earth Song. Es klappert Geschirr. Abendbrotzeit.

 

Auch 12 der jungen Künstler von „Op een dag in september“ aus den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland haben sich unfern von meinem Tisch im Restaurant gegenüber zum Essen verabredet. Sie haben Spaß, entspannen, nach einem Tag, der allen wieder viel abverlangt hat, der stets höchste Konzentration erfordert. Da kann man nichts verpassen, weil immer Neues geboren wird, und wenn es nur eine Geste ist. Gesprächsfetzen, die herüberschallen, machen deutlich, dass es dennoch um das Stück geht.

Die 3 Kinder vom „TikTak“, die mit der Mama Urlaub machen in Detmold, quieken glücklich in die Beschaulichkeit des Boulevards, weil Nina de la Croix Seifenblasen in die Luft schickt.

Zwei speisende Herrschaften schauen genervt. Schade.

 

In 20 Minuten kamen ungelogen 4 Möpse (Hunderasse) mit ihren Herrchen vorbei. Lustig ist das und seltsam zugleich. Ich habe in den letzten 20 Jahren nicht so viele Möpse gesehen. 

 

Edith und Herman sitzen an einem anderen Tisch in Augenweite. Die Gesten verraten, sie haben neue Ideen. Es gibt keine Pause. Morgen früh werden es alle erfahren und gewiss wird mancher erstaunt sein, wohin sich seine Rolle entwickelt hat.

 

Heute wurde alles ein Mal komplett durchgespielt. Die Landkarte steht, sagt Herman. Nun geht es um die Reise.

 

Jeder neue Tag offenbart mehr, dass es besonders werden wird. Anders, anders schön.

 

Herman sang heute zum ersten Mal ein Lied, was sooooo schön ist. „Kennst du mich, wen kennst du dann?...“ Alle lauschten, ohne Atem zu holen.

 

Mittags gab es Kartoffelsuppe und Wiener Würstchen. Die meisten saßen vor dem Gymnasium in der Sonne. Auch da ist es recht leise. Die Schneiderin geht umher. Sie hat gut zu tun und liebe Augen.

Die örtliche Presse fliegt ein. Interview. Fotos. Und weiter geht’s.

 

Amelia Mitschke aus Deutschland kommt an meinen Tisch. Wir plaudern ein wenig.

Amelia ist unsere Jüngste. 19 Jahre mit herrlichen roten Locken und Geigerin. Sie kommt aus Büren und studiert Musik. Sie scheint ein wenig schüchtern zu sein, aber das täuscht, sagt sie. Nur am Anfang sondiere ich die Lage, gucke, fühle und öffne ich mich, wenn es passt und manch einer ist dann vielleicht verwundert über meine fröhliche Selbstironie.

Sie spielt Geige, seit sie drei Jahre war. Als die Nachricht kam, dass sie ausgewählt wurde für das Detmolder Projekt, war sie natürlich sehr froh.

Sie kannte Detmold schon. Hatte Gesangsunterricht hier und mag das Städtchen wegen seines italienischen Flairs, sagt sie. Ein wenig aufgeregt kam sie an, weil es vor allem auch um Improvisation ging, was in der klassischen Musik natürlich so nicht gegeben ist. Aber es gelingt besser und besser. Sie fühlt sich sicher in der Atmosphäre hier und sie liebt es, nach Gefühl spielen zu dürfen und nicht nur nach Noten.

 

Sie findet spannend, dass man nie weiß, was Herman im nächsten Augenblick einfällt, dass man immer flexibel sein muss, nichts statisch ist. In einer solchen Weise zu arbeiten, hat sie bisher noch nie erfahren dürfen. „Ich genieße das.

Lerne viel.“

 

Wenn sie die Schneeeule Theofilius, die alles weiß und eine bedeutende Rolle in unserem Stück spielt, etwas fragen dürfte, dann würde sie ganz gern wissen wollen, wo sie in 10 Jahren beruflich stehen wird.

 

Und wenn ich eine Traumerfüllerin wäre, dann wünschte Amelia sich sehnlichst ein Pferd. Passt zu ihr. Hätte ich auch raten können.

 

Wenn sie mal „groß“ ist, würde sie gern vier Kinder haben. Naja, das wird sich doch hoffentlich einrichten lassen.

 

Morgen gibt es den nächsten Bericht.

 

Macht’s gut.

 

S.C.

Mittwoch, 29. Juli 2009

Tag 2

Am Morgen, auf dem Weg vom Hotel zur Probestätte hat Herman schon wieder ein neues Liedchen für die Rolle von ‚LangLang’ erfunden. LangLang, eine Weise aus dem Osten, die wissen will, wo die Dummheit wohnt.
Er diktiert es noch im Foyer und wir sind bereits wieder mittendrin im Yin und Yang…
Alles ist im Fluss. Keine Unterbrechungen.

Wenig später singt es Anna aus Wien zu fernöstlichen Klängen und auf der Bühne folgen die Tänzerinnen Marc André,  der eigentlich den Theofilius darstellt, schattengleich dessen wunderschönen Bewegungen. Harmonie pur. So geht das hier.

Ständig wird Neues geboren.
„Was kannst du noch, außer Singen, Tanzen, Spielen“, wird gefragt? „Dann bring es ein.“
„Ich kann auf Stelzen gehen.“
„Ich kann steppen.“
„Ich kann jonglieren.“
„Ich kann ganz lustig pfeifen…“
„Ich, ich kann besonders schön gucken.
…“
 
Und so geschieht das dann. Jeder kann mit gestalten und tut es auch.

Szenwechsel:

Edith sang gerade ein Lied, das ist so verdammt schön und traurig. Muss man die Tränen aus den Augen wischen.

 

Jemand singt in immer wieder die Namen: Hans, Heinz und Helmut...!

 

Auf dem Gang werden lautlos Pirouetten gedreht.

 

Wer gerade nicht dran ist, übt ohne Aufforderung. Alle arbeiten Stunde um Stunde hoch konzentriert und das ist echt anstrengend. Henriette, ist unsere „Medizinfrau“ und hat ein wachsames Auge auf alle. Es duftet nach ätherischen Ölen. Sie verabreicht Mineralien, die uns gut tun. Aus Hermans kahlem Kopf kringeln davon wieder kleine Locken hervor. ;o)  Sie massiert, wenn es schmerzt, legt einfach nur mal die Hand auf, beruhigt mit ihrer leisen Art und ist wie ein unsichtbarer Engel immer in der Nähe. Schön, so was.

Nina, unsere dunkeläugige und immer strahlende Hauptrolle ‚Anna’, geht vorbei, während sie in ein Brötchen beißt in der kurzen Pause und übt das Wort ‚Träumen’. Das ist nicht so einfach für ein niederländisches Mädchen. Ich muss lächeln. So habe ich zu tun, wenn ich das niederländische Wort „Huis“ sagen will.

Presse, Funk und Fernsehen reißen sich um Termine. Wir müssen sie noch eine Weile vertrösten. Das Proben geht vor.

Sebastian, vom Hermann-Büro, macht Fotos, filmt, lächelt stets. Er ist auch immer da. Wenn er mal auf Toilette muss, fehlt was.

Nach dem Tag ist wieder enorm viel getan. Wir nehmen unsere Sachen und gehen zurück zu den Hotels. Es gibt keinen, der nicht irgendeine der Melodien summt.

Am Abend sitzen wir bunt gemischt noch ein paar Stündchen draußen und essen und trinken und reden und lachen. In Deutschniederlenglisch. Über das Stück, über Detmold und Schoßhunde, über Dinge, die wir als Kinder gesammelt haben, und ob wir die noch besitzen. Briefmarken, Münzen, Comic-Hefte, Stammbuchblümchen. Wir plaudern über Eltern und Omis und Opis und deren Leben und was denen kostbar war, über Las Vegas und Musik und Filme und so und so und so.

Es ist spät, als ich im Hotelzimmer ankomme. Im Kopf eine Strophe aus dem unsagbar schönem Lied „Guten Morgen.“
„Hab geträumt von einem Schiffer und es wurde seltsam spät....“
Gute Nacht aus Detmold und bis zum Tag drei.

Alles Liebe,

Sabine Carolin

Montag, 27. Juli 2009

Ein schöner Tag

Sonne über dem Teutoburger Wald.
Sonne über Detmold.

Tag 1 von „Op een dag in september“
Es ist 10 Uhr.
Ein exzellentes Gymnasium, das wohl glaubte,
in langen Sommerferien dösen zu können,
öffnet verwundert seine leeren Räume
und lässt keine Wünsche offen.
Herbei strömten Menschen aus acht Nationen,
begabt, höchst motiviert, fantastisch neugierig,
wachsam und so froh.

Ein Kreis, vierzig Stühle.
Lauschende Augen,
staunende Ohren,
Sprachen begegnen
und finden sich.
Ein Lächeln von jedem für jeden.
Wir stellen einander vor
und wissen schon in diesen Minuten:
Das wird ein Fest!

Herman, erholt und urlaubsbraun,
so dass seine Augen
unverschämter noch strahlen als sonst.
Edith ruhig und sehr anmutig.
Sie haben beide wunderschöne Dinge geschrieben,
noch liegen sie auf Papier auf dem Tisch.
Aber bald schon…

Herman hält eine kleine Rede,
scherzt und spricht von Besonderem.
Ein umgekippter Stuhl.
Symbol für das,
was man sich nicht leisten kann,
zu erinnern.
Neues soll errichtet werden
mit Musik, Tanz, Gesten, Worten,
einem Kuss.

Ein Team unermüdlicher Helfer aus Detmold steht bereit,
um Wünsche zu erfüllen, zu chauffieren, für das Wohl zu sorgen.
Einen winzigen Hund spazieren zu führen.
Alles klappt perfekt.

Die Proben beginnen.

Ein erstes Lied.
Ich glaube nicht, was ich höre.
Gänsehaut – so schön.
So schön ist das.

Als Bestätigung läuten die Glocken von Detmold.
Eine Ahnung dessen macht sich in mir breit,
was die Zuschauer erleben werden in 4 Wochen.

Ich jubele.

Wieder schallt es durch das leere Schulgebäude.
Ein neues Lied. Anders. Noch schöner beinahe.
Und jeder, ob Technik, Büro, Catering, Schneiderin etc.
summt leise schon bald die Melodie bei seinem Tun.

Es folgen Stunden voller Kreativität und am Ende des Tages
ist mehr vollbracht, als zu denken war.

Das sind so unglaublich grandiose Talente,
das willst du nicht wissen,
würde Herman sagen.
Da werden noch Dinge geschehen.
Und wir sind ja erst im Tag 1.

Als der Abend kommt, trifft man sich
auf ein Glas Wein auf dem Detmolder Boulevard
und die Ideen bekommen Flügel.
Es regnet warm.
Die Schirme beschützen das Plaudern.


Dieses Weblog wird nun täglich erscheinen
und ich werde jeden vorstellen,
der beteiligt ist.
Vor, zwischen und hinter den Kulissen.
Allesamt herrliche Menschen.
Freu mich.

Jetzt gehe ich noch ein Stück in die Detmolder Nacht
und genieße den Tag im Rückblick.

Bis morgen dann.
Gute Nacht!

Sabine Carolin
Montag, 27. Juli 2009

Menschenaffen

Genetisch betrachtet, ähneln Menschen
am meisten der Familie der Schimpansen
und nicht beispielsweise denen der Gorillas oder Schweinen.
Plusminus 99 % unserer Gene
stimmen mit dem des Menschenaffen überein.
Das würde heißen:
Wir sind eine andere Art Schimpanse.
Oder:
Schimpansen sind eine andere Art Menschen.

Vergangene Woche war ich im Krankenhaus
wegen einem allgemeinen Check-up.
Man weiß ja nie.
Bin 64.
Zum Glück alles pico bello.
Auch mein Blut ist weiterhin A-positiv.
Sollte mir oder Ihnen etwas passieren,
und sollten wir zuwenig Blut haben,
dann kann eine Bluttransfusion
mit Schimpansen perfekt funktionieren.
Unser Blut sei, so erklären es Richard Dawkins und Jared Diamond
in ihrer Essay-Sammlung "The Great Ape Project"
völlig gleich.
Untersuchungen ergaben, dass Menschenaffen auch intellektuell und emotional
enorm dem Menschen ähneln.
Elemente, die wir alleinig uns zurechnen,
wie Selbstbewusstsein, Fantasie, Zeitverständnis,
Nutzung von Sprache und abstrakten Konzepten
scheinen es nicht zu sein.

Philosophen von Tierrechten vertreten die Meinung,
dass Menschenaffen in die Gesellschaft Unseresgleichen
aufgenommen werden müssen.
Menschenaffen sind "Personen"

Bin vollkommen damit einverstanden.
Persönlich finde ich ja auch,
dass eine Kuh jemand ist.
Denk doch nur an ihre prächtigen Augen.
Und unser Hund
und die Katze
oder das Kaninchen, das über den Rasen hoppelt.
Oder nimm die Biene, die mit Präzision
ein architektonisches Wunder zu bauen versteht
und die Ameisen,
und ganz zu schweigen von Seiner Majestät dem Wasser
oder den Wesen in den Bäumen
und denen der Pflanzen.
Selbst die glibberige Qualle,
die in der Brandung des Meeres
die nackten Popos unserer Enkel bedroht,
sehe ich als einen klitschigen Jemand an.
Wer sagt, dass da in einem Stein
kein Wesen hockt oder gar ein Elf?
Ich bin daher für das Recht auf Leben.
Für alles was da liegt, steht, läuft, schwebt,
schwimmt, fliegt, kriecht und macht.
Denn sind wir nicht Dank und uns allen
jemand?
Montag, 20. Juli 2009

Wölfe

"So sah ihr Tanz,
so sah ihre Ausgelassenheit aus.
Doch die Söhne der Wölfe
balgten sich ohne Geräusch,
wohl wissend, dass ganz in der Nähe
der Mensch, sein Feind wohnt,
niemals so ganz schlafend
und erbarmungslos bewaffnet."

schrieb der französische Dichter
Alfred de Vigny im Jahre 1864.

Bin im Nationalpark du Mercantour
in den Alpes Maritimes,
nur anderthalb Stunden entfernt
von Nizza in Südfrankreich.
Eine andere Welt.
Da oben in den Bergen,
unter dem ewigen Schnee,
sind sie seit 1970 wieder zurück:
die italienischen Wölfe.
Jetzt offiziell als Naturgut
durch das französische Gesetz
geschützt.
Ein Recht der Wölfe.
Man kann sie manchmal sehen,
wenn man nicht tuschelt,
wenn man dem Wind lauscht,
und still steht wie ein Stein.
Dann siehst du sie.
Zuweilen ein ganzes Rudel,
wie spielende Hunde.

Zwischen zwei Bäumen,
in 25 Metern Abstand,
steht einer.
Er schaut mich an
mit seinen gelbbraunen Augen,
die Ohren gespitzt,
mit einer zarten Nase.

Was muss das für eine Arbeit gewesen sein,
so eine zarte, schwarze Nase
in solch eine sanften, braunen Schnauze
zu bauen.
Man sieht ihn beinahe nicht.
Es könnte auch etwas anderes sein,
etwas aus Holz.
Ein Busch vielleicht, ein Stumpf,
der mit seinen Augen blinzelt.

Wir schauen uns einander an.
Höre mein Herz pochen.
Es hat Angst.
Ich habe Angst.
Habe ich Angst wegen dem Märchen?
Ja.
Ich erinnere mich allzu gut.
Rotkäppchen.

Er ist auch ängstlich.
Ich bin seine größte Bedrohung.
Tausende Jahre schon weiß er,
dass er und seine Familie
auf dieser Menschenerde
nicht willkommen sind.
Wer bewegt sich zuerst?
Wer haut als erster ab?
Ich weiß es nicht.
Ich steh' da noch immer
und wage nicht,
genau wie er,
nur einen Fuß zu rühren.
Montag, 13. Juli 2009

Simon Vinkenoog

Met de dood van Simon Vinkenoog
stierf de voorlaatste
van de Beat-dichters.
Er is er nu nog één,
Jules Deelder,
zijn zoon in rijm.
Simon Vinkenooog
schreef in 19-heel-lang-geleden
voor onze voorstelling in Carré ‘Onder water’
onderstaande tekst:

De machtige zee

De eerste keer dat je de zee zag!
Misschien wel, als je even nadenkt, de grootste herinnering!
Zo’n uitgestrekt water-oppervlak.
Van hier tot gunder en verder.
Komt geen einde aan.
Driekwart van de Aarde met water bedekt.
Misschien speelt alle menselijke geschiedenis zich wel
aan het strand af.
Kusten. Waar mensen zijn aangespoeld, waar olie aanspoelt,
waar strandjutters uit hun ogen kijken.
Waar altijd iets te doen is.
Vuurtje stoken! Al die grote mannen
die als kinderen komen aanrennen met hout,
om het vuur hoog te houden.
Aardappelen poffen.
Tentje opzetten.
Zand overal tussen.
Maar de zee. Daar komt geen einde aan.
Golfslagen, kleine en grote, eb en vloed.
Wat een regelmaat. Wat een gebeuren, waar geen mens van af weet.

Wat is die zee ver, wat is die zee dichtbij.
Die zee was er al voordat wij er waren.
Die zee zal er zijn, als wij er niet meer zijn.
Maan boven zee. Maannachten. Glinsterend licht in het water.
En onder het water.
Wel eens gesnorkeld, op vakantie?
Wat een wereld! Zo heel anders, zo heel rustig,
zo eeuwig en altijd binnen bereik en eigenlijk
niet te begrijpen.
Raadsels om je heen. De sterrenhemel. De mensenmaatschappij.
En de zee, waarheen alle rivieren stromen.
Wat zou de Aarde er vreemd uitzien, zonder water.
Mensen die in vliegende schotels geloven,
denken dat die hier komen voor het Water.
Water o zo kostbaar. In ons planetenstelsel
geen enkele andere planeet met zoveel water.
En elke druppel leeft. Onder een microscoop gelegd
heel veel leven in elke waterdruppel.
Altijd heel veel te ontdekken.
De zee blijft machtig. Leve de zee!


Simon Vinkenoog,
oude vriend,
tot ziens.

Herman van Veen
Montag, 13. Juli 2009

Der erste Kuss

Ich bin damit beschäftigt,
eine Autobiografie zu schreiben.
Mache dies, um meine grauen Zellen zu trainieren.
Vernünftig, wenn man 64 Jahre jung ist.
Unvorstellbar, was ein Mensch alles behalten hat,
wenn er in seinen Gedanken zurückblättert.
Erinnere mich an Kleinigkeiten,
wie beispielsweise an das Gummipüppchen,
mit dem ich spielte und
das ich ganz und gar abgekaut hatte,
als ich noch ein Knirps war.
Meine erste Geige,
der Geruch von Grippe,
die Blümchen an der Tapete,
die Stacheln auf den Wangen meines Vaters,
der sonntägliche Duft meiner Mutter,
der Hauch von Schweiß,
das Licht in den Straßen nach einem Regenguss,
die Zeitung mit jungen Muschis,
die ich in einem Papierkorb fand.

Mein erster Kuss zum Beispiel.
Abschlussklasse der Oberschule.
Wir durften mit unserem Mentor
Maarten van Duinen
alle gemeinsam nach Österreich,
nach Sankt Anton,
um in den Bergen zu wandern und
zum ewigen Schnee aufzusteigen.
Geschlafen wurde in Berghütten
der österreichischen Alpenvereinigung.
Die Jungen bei Jungen,
die Mädchen bei den Mädchen.
Die Lehrer und Lehrerinnen gemischt.
Uns wurde erlaubt, Glühwein zu trinken,
und abends lauschten wir den Männern und Frauen,
die sich beim Singen von Weisen auf Zithern begleiteten.
Harmonische Lieder, die deutlich machten,
wo sich Mozart seinen Senf hergeholt hatte.

An einem dieser herrlichen Abende
saß ich ganz allein auf einem Stein
und starrte in den Sonnenuntergang.
Die Sonne so rot wie Rot.


Habe überhaupt nicht bemerkt,
dass sich jemand neben mich gesetzt hatte.
Boukje hieß sie,
blond wie Flachs,
ihre Augen so blau wie Kornblumen,
ihre Brüste so groß wie meine Handflächen,
hoffte ich.

Wie es geschah, weiß ich nicht.
Aber plötzlich, wie aus heiterem Himmel,
drückte ich meine Lippen auf ihren Mund
und sie die ihren auf meine.
Und ich spürte ihre Zunge.
Und Glut ging durch meinen Körper.
Wollte, dass das nie mehr aufhören möge.

Erinnere mich sogar an die Ameisen,
die in einer Reihe, während wir…
über meine Wanderschuhe kletterten.

Die Beschäftigung mit meiner Autobiografie
lässt mich neben schwermütigen
vor allem auch an liebliche Dinge denken.
Montag, 6. Juli 2009

Ebenbild

Gott soll den Menschen
nach seinem Ebenbild geschaffen haben.
Das macht Gott zu jemandem
mit vielen Gesichtern.
Das dachte ich heute Morgen,
als ich im Bäckerlädchen stand.
‘Le bon goût du pain’.
Vor mir warteten
drei identische,
in die Jahre gekommene
englische Damen.
Wohl soeben aus einem
Harry Potter entflohen.
Alle drei silbergrau,
alle drei in einem anderen,
aber gleichen Blümchenkleid,
Sandalen,
alle drei trugen sie ein Täschchen
an ihrem linken Arm
und eine jede eine Brille.
Zusammen schätzte ich sie
auf 240 Jahre.

“Troi croissants s'il vous plaît”,
verlangte die Mittlere.
“Ja, trois croissants”, sagten die anderen im Echo.
„Das macht 2,40 Euro“,
sagte die Bäckersfrau.
Verwirrung.
Die Damen flüsterten.
Drei Portemonnaies gingen auf.
Wie bezahlt man zu dritt
2,40 €?

Der Zug fährt um 9.20 Uhr von Amsterdam ab,
hält 17 Minuten in Utrecht.
Wie viele Minuten bist du dann zu spät in Antwerpen,
wenn dein Zug nach Brüssel
vier Minuten nach der geplanten Ankunft abfährt?
Das waren die Fragen, die man auf der Grundschule lösen musste.
„Wer sagt, dass ich nach Brüssel will?“,
schrieb ich dann manchmal darunter, wenn ich die Antwort nicht wusste.

Die drei Damen wollten die Croissants unbedingt haben.
Nach ein wenig Gescharre in ihren Geldtäschchen
einigten sich die Drillinge und bezahlten passend.
Sie würden das mit dem Geld dann draußen auf dem Platz
untereinander gut regeln.
Die Damen wandelten aus dem Laden.
“Au revoir!”.
“Ihre croissants!”, rief die Bäckersfrau ihnen nach.

“Oh dear”, sagte hintere
und kam mit einem Lächeln zurück,
um ihre vergessenen Brötchen abzuholen.
“Oh, dear”, sagten die anderen beiden.

Während ich meine Bestellung aufgab,
sah ich im Spiegel hinter den Baguettes
einen Mann mit einer Bulldogge hereinkommen.
Die Ähnlichkeit war frappierend.
Es ist biologisch bewiesen,
dass Hunde ihre Herrchen
nach der Ähnlichkeit auswählen.

Wenn Gott also den Menschen
nach seinem Ebenbild geschaffen hat,
dann ähnelt Gott logischerweise auch,
und das sage ich mit allem Respekt,
einer Bulldogge.

“Vier Euro”, sagte die Bäckersfrau,
und gab mir die vier Schokoladenbrötchen.
Ähneln Menschen auch dem, was sie essen?
Und wenn das so ist,
gleicht Gott dann auch …?
Freitag, 26. Juni 2009

Der Schah

Morgen ist Dienstag.
Heute Nacht hat es geregnet.
Der kleine französische Ort
erwachte aufgefrischt.
Sitze seit dem frühen Morgen
auf einer Terrasse
mit warmen Croissants und Kaffee.
Der Mann neben mir
in seiner blauen Latzhose
bestellt einen zweiten Pastis de Marseille.
45 % Alkohol.
Es ist 9 Uhr am Morgen.
Ich blättere durch die 'Paris Match',
sehe fürchterliche Fotos von einem Protestmarsch
gegen das Wahlergebnis im Iran.
Männer schlagen mit Knüppeln
auf die Demonstranten ein.
Nach dem Grün der Hoffnung das Blut der Unterdrückung.
Verschleierte Frauen
stürmen gegen die Polizisten an,
um ihre Söhne vor den Schlägen zu bewahren.
Ein mittelalterlich erscheinendes Foto
von einem grimmig dreinschauenden Ajatollah Ali Khamenei.
Erinnere mich an ein Stück von einem, wie man sagt,
viel zu früh verstorbenen flämischen Freund,
Frans 'Sus' Verleyen.
Auf seinem Grabstein steht:
"Das Beste ist es,
das Rätsel zu vergrößern."
Sein Artikel, den er, so meine ich, 1980 schrieb,
beschreibt seinen Besuch beim Schah von Persien.
Eine Unterhaltung, die er nur widerwillig einging.
Hätte ja doch keinen Sinn, den wahrscheinlich
ausschließlich zeremoniellen Worten eines Alleinherrschers zu folgen,
einem, der seinen Rivalen erschießen ließ.
Es sah so aus, als wäre er einem Vorurteil erlegen.
Der Schah war eine Persönlichkeit,
der man sich nicht entziehen konnte.
Er legte famose Ideen dar
über Pipelines, Verbindungen mit der transsibirischen Eisenbahn,
erzwungene Alphabetisierung, schnelle Brutreaktoren,
petrochemische Technologie.
Der Freund verließ den Palast ziemlich durcheinander.
Aufgrund der Begegnung mit einem Cäsar.
Einem neuen Mustafa Kemal Pasha Atatürk.
Einem Monarchen, der Frauen lieber ohne schwarzen Schleier,
aber stattdessen in einem Skianzug
oder im Bikini am Strand bekleidet gesehen hätte.

Der König ist tot…