Montag, 22. Juni 2009

Wie das heißt

Eine Frau fegt die Terrasse.
Sie summt irgendwas von früher.
Der Duft von Kaffee mit Zimt.
Eine Fliege, die entzückt ist
von meinem wackelnden nackten Fuß.
Ein Schokoladenbrötchen.
Zwei Zitronenfalter,
die von Blume zu Blume flattern.
Ein Flugzeug, hoch oben in der Luft,
zeichnet eine Spur in den Himmel.
Wer sitzt dort nun drin?
Was denken sie?
Wie bang sind sie?
Jemand, ein Stückchen entfernt,
mäht das Gras mit einem stotternden Mäher.
Eine leichte Brise kommt von den Bergen.
Eine Hummel
nestelt sich an der Morgenzeitung entlang.
Ein ängstlicher Hund kläfft heißer.
Vögel zwitschern.
Auf dem Tisch Kisten, Bücher und Papiere
zum Lesen und zum Schreiben.
Eine Elster krächzt eine Amsel weg.
Ein Frosch quakt.
Eine königsblaue Libelle
berührt das Wasser.
Ein Eidechslein flüchtet
vor einem anderen Eidechslein
zwischen Steine.
Leichte Wolken treiben über dem Meer
in unsere Richtung.
Ein Hahn kräht so etwas wie
Guten Morgen!
Die Frau schmiert
Sonnencreme auf meinen kahlen Kopf
und einen Wischer auf meine Nase.
Jemand hört mit Mähen auf.
Kein Flugzeug in der Luft.
Die Vögel schweigen.
Die Hummel ist weggeflogen.
Einen Augenblick lang kann man die Blumen hören.
Wie nennt man das doch gleich,
dieses Erleben?
Urlaub?
Dienstag, 16. Juni 2009

Steine

War gestern Abend im stattlichen Schloss Zeist.
Wir spielten dort 1968 unsere erste Vorstellung.
War Gast auf dem jährlichen Sommerfest
der Deutsch-Niederländischen Handelskammer.
Eine bunte Gesellschaft von deutschen und niederländischen Unternehmern
toastete sich gegenseitig auf das vergangene
und ein erfolgreiches neues Jahr zu.
Anschließend konnte buffetiert werden.
Kam ins Gespräch mit einem jungen Mann,
der Wartungselektriker bei KLM ist
und dessen charmante Frau aus Leipzig kommt.

Wir unterhielten uns über die Zeit, als die Mauer noch stand,
darüber, wie es da war und wie es nun geworden ist.
Erzählte ihr von der Pressekonferenz bei unserem ersten Besuch in der DDR
und dem Journalisten, der mich damals vor allen fragte,
was ich in dem sozialistischen Reich denn zu tun gedenke.
"E i n e n Stein aus der Mauer singen", hatte ich geantwortet.
Höhnisch war darüber gelacht worden.
Berichtete ihr von dem Man aus Leipzig, der,
ich weiß nicht wie viele Jahre später,
als die Mauer gefallen war,
auf seinem Fahrrad nach Holland geradelt war,
um mir einen Stein aus der Mauer zu bringen,
den ich nun als Briefbeschwerer benutze.
Wir lachten über die Geschichte, die ich zu DDR-Zeiten gescherzt hatte:
Ein Ostberliner Hündchen sagt zu einem Westberliner Hündchen,
während sie sich gegenseitig anpinkeln,
"stand hier früher nicht irgendwas dazwischen?"

Die junge ehemalige ostdeutsche Frau
arbeitet heute in den Niederlanden bei der Deutsch-Niederländischen Handelskammer.
Sie sprach über ihren Vater, der ein Leben lang
mit Mörtel unerschütterlich Steine aufeinander gefügt hatte.
Er mauerte einst auch ein gehöriges Stück der Mauer.
64 ist er nun, ihr Vater.
"Und …?
Wie geht es ihm?"
"Beschissen", antwortete die Frau,
"er ist arbeitslos."
Montag, 8. Juni 2009

Sandalen

Einst wohnte Maurice Ravel Aufnahmen
seines eigenen Streichquartette bei.
Er saß im Kontrollraum 
und machte alle möglichen Vorschläge.
„Das war echt gut“, sagte er am Ende.
„Sag mir nur eben, wer der Komponist war.“

Was hat man davon, 80 zu werden,
wenn man keinen Namen behalten kann
und im Salon die Hosen fallen lässt,
um hinters Sofa zu kacken?

War man vor einem Jahrhundert
statistisch mit 50 am Ende der Reise,
sind wir mit der heutigen Lebenserwartung
etwa 30 Jahre länger alt.

Mit dem Älterwerden nehmen unsere Zellen
die Farben des Herbstes an.
Das ist nur allzu wahr.
Auch ich gehöre inzwischen
zu den älteren Menschen.
Weiß mehr und mehr von den Dingen,
die vorübergehen.
Sandalen zum Beispiel.

Seit einigen Jahren hab ich das Vergnügen,
von meinem Gehirn unwillkürliche Bilder 
zu bekommen, von Dingen, 
wonach ich nicht gesucht hatte
und deren Existenz ich selbst nicht vermutete.
Erinnerungsbilder folgender Art:
50 Jahre nicht daran gedacht,
aus der Tiefe in den Oberboden des Gehirns,
Bilder, die jetzt erst, im Alter, auftauchen.
Die Bilder lösen einen Strom von Erinnerungen aus,
aus einem, so scheint es, endlosen Bewusstsein.
Klar, detailliert und intensiv.

Sah gestern in meinem Kopf
ganz unvermittelt die Sandalen,
die ich einst als zehnjähriger Junge trug.
Haarscharf auf meiner Netzhaut.
Inklusive den Sandkörnchen,
die durch das Seewasser auf den
Schnürsenkeln klebengeblieben waren.
Meine Sandalen standen zum Trocknen 
am Strand, auf dem Handtuch meiner Mutter.
Katwijk aan Zee.
Als ob es gerade eben geschähe.
Herrlich.

Es ist eine neurologische Tatsache,
dass Nervenverbindungen,
die nicht gebraucht werden,
absterben.
Hört man auf, das Gedächtnis zu benutzen,
dann wird es sich auch gewiss verschlechtern.
Das Gedächtnis ist nichts anderes 
als beispielsweise Muskeln,
die man durch Training stärken und vergrößern kann.
Es geht dann jedoch nicht mehr um das Aufhalten
sondern um das Behalten.

Hab die Sandalen angezogen
und bin mit meinem Gehirn
joggen gegangen.
Weil ich nichts mehr vergessen will.
Montag, 1. Juni 2009

Blitzschlag

Wenn es blitzt,
springen bei Unwetter elektrische Funken
von der einen Wolke zu anderen über
oder zur Erde.
Gesternabend waren die Blitze
rund um unser Haus
im wahrsten Sinne des Wortes
nicht von Pappe.
Es wurden gegen vier Uhr in der Nacht
in den Niederlanden 75.000 Blitze gezählt.
Überflutungen, Hagelkörner wie hartgekochte Eier,
abgedeckte Dächer, Brände, Staus, lahmgelegter Zugverkehr...
Der totale Schaden wird auf 20 Millionen Euro geschätzt.
Bei zwei unserer Nachbarn
erlag das Haus unter umgefallenen alten Eichen.
Wir hatten Schwein,
unsere Eiche war so freundlich,
genau neben dem Haus zu brechen.
Vierzig Bäume im Garten
knickten um wie Streichhölzer.
Zwei Stunden lang krachte und donnerte es.
*Flog uns der Blitze glücklicherweise
horizontal um die Ohren.
Windstärken von 110 km in der Stunde
rüttelten das Haus.
Meine Frau und ich standen fassungslos
in unseren Schlafgewändern hinter den Fenstern.
Überall zur gleichen Zeit Lichtentladungen.
Man wird ganz still davon.
In solchen Momenten realisiert man,
dass man nur ein Fussel ist.
Wenn die‚ Natur’ ärgerlich wird,
*dann bring dich in Sicherheit.

 

Das hat auch unser Hund getan.
Er saß wimmernd und geduckt
unter der Treppe.
Blitzeinschlag.
Das gesamte Licht fiel aus.
Unter den Türen hindurch strömte Wasser herein.
Unser Reetdach gab auf.
Überall Eimer.
Aussichtsloses Unterfangen.
*Draußen spielte sich ein Wunder ab.
Drinnen versuchten wir zu trocknen,
was herein floss.
Vor allem meine Frau.
Sie war, genau wie die Blitze draußen,
drinnen überall zur gleichen Zeit.
Ich stand ziemlich gelassen daneben und dachte:
Wie ist das nur möglich?

Sagte nicht jemand einst:

„Es sind nicht die schlechtesten Ehen,
wenn ein Blitz
mit einem Blitzableiter verheiratet ist.“

Montag, 25. Mai 2009

Smile

“Könnten sie kurz lächeln?”,
bat mich ein Fotograf von der Zeitung nach einem Interview.
„Wenn Sie etwas Lustiges erzählen“, sagte ich, „prima.“
Lächeln auf Verlangen kann ich nicht so gut.
Verständlich.
Der Fotograf hätte genauso gut fragen können,
„würden Sie mal kurz für das Foto lügen“.
Dann hätte ich wahrscheinlich gelächelt.
Viele Politiker und Schauspieler sind so mit den Kameras vertraut,
dass sie auf Kommando ein Gesicht aufsetzten können.
Eine Bombenfratze von Bosheit,
von Erstaunen, von Geheimtuerei und Gleichgültigkeit,
von Freude auch und von Trübsal.
Hübsche Bilder für den Augenblick,
aber die meisten dieser Bilder
werden den Zahn der Zeit nicht überstehen.
Weil sie lügen.
Sah diese Woche einen Dokumentarfilm
über die amerikanische Schauspielerin Marilyn Monroe.
Sie war wie kein anderer imstande,
dem Fotografen das Gesicht zu zeigen, was er wünschte.
Sie wurde darin so perfekt,
dass sie sich nach einiger Zeit
in ihrem eigenen Spiegel nicht mehr erkannte.
Ihr fotografiertes Gesicht wurde ihr vertrauter als das eigene.
Auch deshalb, weil die Welt
sie in dieser Aufmachung lieber sah.
Die Welt wusste es nicht besser.
Am Ende ihres kurzen Lebens
hat sie ihr Gesicht durch ein Missverständnis
eingetauscht in eine Totenmaske.
Las in einem Zeitungsartikel etwas
über den Kopf eines flämischen Schauspielers.
Ein Mann mit einem Kopf wie ein Felsen.
„Charakterköpfe sind die gefährlichsten.
Von denen sieht man selten ein schlechtes Foto.
Dafür sind die Köpfe zu beeindruckend.
Nicht oft sieht man von diesen Köpfen ein Bild,
das sie durchschaubar macht.“
“Also lächle nicht auf Verlangen eines Fotografen.
Sorge dafür, dass man keinen Schauspieler sieht,
wo man einen Menschen erwartet.
Oder theatralische Aktion wahrnimmt,
wo die natürliche Geste gewollt war.“
Das war der Rat, so lese ich,
den der im 19. Jahrhundert lebende französische Pioniers der Fotografie,
Adolph Dis Dé Ri, seinen Kollegen gab,
welche bekannte Personen portraitieren sollten.

Träumte heute Nacht von einem Fotografen,
der mich bat, mit nur einer Lippe zu lächeln.

Herman van Veen

Montag, 18. Mai 2009

Perlhühner

Perlhühner haben nackte, geierartige Köpfe,

einen buckligen Körper

und ein mit weißen Pailletten bedecktes Federkleid.

Auf ihrem Schnabel sitzt noch eine Art hornige Nase

und von ihren Wangen hängen beidseitig

zwei blutrote Läppchen herab.

Es sind nicht Mutters Schönste.

Sie ähneln einander wie eine Schar Omis.

Gackern ohrenbetäubend.

Man hört sie schon von fern kommen.

Ein Huhn schreit noch lauter als das andere.


Perlhühner kommen in der freien Natur nur

südlich der Sahara vor

und auf unserem Land.

Ich finde sie vor allem ulkig.

Sie erinnern mich an die Schwestern meiner Mutter,

die sich zu Geburtstagen auch auf diese Weise unterhielten und vornehm taten,

und die mehr oder weniger so gekleidet waren.

An Sonntagen in schwarz und weiß und grau

und mitunter ein Tüpfelchen rot, Korsage oder ein Hut.


Letzten Monat ist Herr Fuchs zu Besuch gewesen

und hat sich einen stattlichen Teil meiner Hühner geliehen

und eine Spur von Federn hinterlassen.

Bin zum Geflügelmarkt in Barneveld gefahren

und hab eine Kiste Perlhuhn-Bruteier gekauft.

Jeden Tag schlüpfen ein paar aus.

Außer Atem, nass und klebrig

liegen sie dann zu sich kommend zwischen den Eiern im Brutofen.

Perlhuhnküken sind, so klein sie auch sind,

sofort komplett.

Sie müssen nur noch wachsen.

Die gelben Bällchen mit braunen Streifen

laufen sofort wie erwachsene Vögel umher.

Gackern freilich nicht so laut,

aber sind sogleich Teil einer Formation.

Sie rennen selten allein herum,

aber auf ein geheimes Zeichen hin mit allen zusammen.

Genau wie Fische das tun,

wenn sie auf ein unsichtbares Signal hin

plötzlich alle zugleich zur anderen Seite schwimmen.

„Wie machen sie das? „Woher wissen sie das?“

fragte ich einst einen Biologen.

Er sagte: “Sie schwimmen stets hinter dem Dicksten her.”

Meine Augen suchen im Brutkäfig,

welches das dickste Perlhuhn von meinen Perlhühnern ist.

Ich kann keinen Unterschied erkennen.


Da ist meine Frau.

Ich höre sie aus dem Auto steigen.

Sehe, wie sie mit einer großen Plastiktüte

ins Haus läuft.

In dem Beutel entdecke ich eine Schachtel

mit vielleicht meinem Lieblingsgebäck.

Ich laufe intuitiv hinter ihr her,

gefolgt von meinen Söhnen und dem Nachbarn.

Freitag, 8. Mai 2009

Maarten

Bevor ich ihn persönlich kannte, war er Torwart unseres nationalen Hockeyteams. Er verteidigte gut und gerne 123 Mal das niederländische Tor. Er wurde mit der niederländischen Elf zum ersten Mal in der Geschichte Weltmeister. War zwei Mal bei Olympischen Spielen dabei. Wollte nach dem Anschlag von palästinensischen Kommandos auf das Olympische Dorf in München aus Respekt vor den Toten nach Hause fahren. IOC Präsident Avery Brundage sprach die für ihn unvorstellbaren Worte: „The games must go on“ Maarten lief bei der Gedenkfeier im Olympiastadion demonstrativ weg.


Wir wurden nach seiner Sportkarriere, so wie man sagt, Busenfreunde. Reisten durch die Welt, starteten alle möglichen Projekte mit dem Ziel, den Rechten von Kindern Hand und Fuß zu geben, sodass sie sich, in welche Richtung auch immer, entwickeln können, und ihre Talente und Gaben in all ihren Facetten entfalten und hinaustragen. Kinder verdienen nicht zu sterben. 


Bauten gemeinsam bakterienfreie Räume für Kinder mit Leukämie, ein Haus, in dem Familien mit ihren Sorgenkindern ihre Ruhe finden können, entwickelten Projekte in Thailand, Borneo, Manila, Kenia, Brasilien, Süd-Afrika. Er war mein Trauzeuge bei meiner Hochzeit. Ich war Trauzeuge bei seiner.


Wir schauten sehr tief in die Gläser und haben uns totgelacht. Wir fürchteten uns nicht vor dem Teufel und seiner Mutter. Haben wie kleine Kinder an einem Kinderbett geschluchzt, bissen unsere Lippen kaputt und machten weiter.  Wie oft stand er auf meiner Netzhaut, wenn ich sang:


Ich hab' ein zärtliches Gefühl

für jeden Nichtsnutz, jeden Kerl,

der frei umherzieht ohne Ziel,

der niemands Knecht ist, niemands Herr.


Ich hab' ein zärtliches Gefühl

für den, der seinen Mund auftut,

der Gesten gegenüber kühl

und brüllt, wenn ihm danach zumut'.


Ich hab' ein zärtliches Gefühl

für den, der sich zu träumen traut,

der, wenn sein Traum die Wahrheit trifft,

noch lachen kann - wenn auch zu laut.


Ich hab' ein zärtliches Gefühl

für jede Frau, für jeden Mann,

für jeden Menschen, wenn er nur

vollkommen wehrlos lieben kann.


Er verliebte sich in Bali und in eine Jungfrau am Strand. Er schrieb mir im Januar: „Ich versuche hier sinnvolle Dinge für die Menschen zu tun. Denn Bali ist reich an Schönheit, aber sehr arm. Will Häuschen bauen für die Allerärmsten. Lieber Herman, folgende Bitte: Magst du gemeinsam mit mir das Projekt empfehlen? Ich plane, um Fonds bei Wohnungsbaugesellschaften in den Niederlanden zu werben. Versuche einen Termin mit diesen Menschen zu machen. Dann bekommst du mehr Erläuterung. Hast du noch Fonds in deiner Stiftung? Bin erreichbar via Sjoerd. Rechne mit dir. Kuss. Maarten.”


Schrieb zurück: “Hoffe, bei dir vorbeikommen zu können. Um am Strand darüber zu plaudern. Um zu trinken mit Aussicht aufs Meer, im Hintergrund Gamelanmusik. Hände von den schönsten Frauen der Welt würden auf meinem müden Rücken zu fühlen sein.“


Maarten Sikking ist nicht mehr. Er wurde 61 Jahre.

Sein großes Herz war nicht länger stark genug.

Ich werde ihn gewaltig vermissen.


Montag, 4. Mai 2009

Einauge

Es schneit Blüten.
Die Wege sind besät.
Ein sommerliches Winterbild.
Die Zweige vom Flieder
beugen sich tief
in ihrer Blütenpracht.
Sie waren einst
die weißen Wächter
neben meiner Mutter Sarg.

 

Es ist Königinnentag.
Ein Tag,
benannt nach unserer alten Königin Juliana.
Sie wäre heute hundert Jahre geworden.
Niederländer ziehen
mit orangefarbenen Hupen
tutend durch die Straßen.
Hier in unserem Hof ist es still.
Eine Stille,
die nur von Gezwitscher und Geblöke
durchbrochen wird.
Ein Pfau schreit,
ein Fasan krächzt,
ein Specht, der klopft.

Das Geraschel meiner Zeitung,
in der ich lese,
dass die Taliban zur Abschreckung
menschliche Gliedmaßen verschicken,
eine mexikanische Grippe greift um sich.
Sehe ein Foto meines besten Freundes.
Der Bürgermeister seines Dorfes
übergibt ihm auf dem Foto im Krankenhaus
eine verdiente, königliche Auszeichnung.

Lese, dass ein halbes Glas Wein pro Tag
dein Leben um fünf Jahre verlängern kann.
Das bedeutet also,
dass ich mit meinen Gläsern pro Tag
unsterblich werde.
Prima Aussicht.
Lese weiter über Entlassungen,
Bankrotts, beunruhigte Unternehmen,
Börsen, deren Grafiken sich verhalten
wie das Meer.

 

Laut unserer Regierung
ist die heutige Krise nichts anderes als eine
finanzielle Angelegenheit.
Etwas Vorübergehendes.
In anderthalb Jahren, so gaukelt sie uns vor,
gäbe es dann wieder business as usual.
Danach könne man wieder abstauben.
Ich glaub das nicht.
Diese Krise zeigt ein viel wesentlicheres Problem auf,
weil sich hinter den Zahlen
ein fundamentales  ökologisches Drama verbirgt,
das nicht nur Pflanzen und Tiere bedroht,
sondern auch unsere Art.

Verwunderlich ist also,
dass bei Gesprächen über Lösungen
wohl alle möglichen Politiker, Finanzexperten,
Wissenschaftler und Gewerkschafter antanzen,
aber niemals ein Vertreter von Vögeln,
Fischen, Vierbeinern und Bäumen.
Geschweige denn jemand von den vier Millionen
gezählten Niederländern der Natur- und Umweltbewegung.
Die Niederlande haben sechzehn Millionen Einwohner.

 

Auch dieser prächtige letzte Tag des Monats
scheint ein Einäugiger König zu sein.
Das Telefon läutet.
Es wurde ein Anschlag auf die königliche Familie verübt.
Von einem verzweifelten Opfer der Krise.

 

Jemand kraxelt den Kirchturm hinauf
und hängt die Fahne auf Halbmast.

Mittwoch, 29. April 2009

Erik van der Wurff königlich ausgezeichnet

Heute Mittag, um 12 Uhr, wurde Erik van der Wurff  durch den Bürgermeister der Gemeinde Bilt Herrn A.J. Gerritsen königlich ausgezeichnet (Ridder in de Orde van Nederlandse Leeuw).

Anwesend waren u.a. seine Frau und Herman van Veen, sein Bruder in der Kunst.
Erik van der Wurff liegt momentan in der UMCU, (Universitair Medisch Centrum Utrecht) wegen der Untersuchung einer Gleichgewichtsstörung.

Motivation:

Erik van der Wurff ist seit 1967 ein weltweit anerkannter Musikant, Komponist, Arrangeur und Produzent.
Schon mehr als 40 Jahre ist er Herman van Veens fester Begleiter am Flügel und wirkte an gut 120 CD’s mit. Erik van der Wurff ist seit der Gründung im Jahre 1968 in Harlekijn Holland BV involviert. Er arrangierte und schrieb unter anderem für Gerard Cox, John Denver, Toots Thielemans und Robert Long. Er produzierte und schrieb auch Musik für eine Anzahl Spielfilme, darunter auch Ciske de Rat. Für Kinder schuf er, gemeinsam mit Harry Sacksioni und Herman van Veen, vieles der Musik für die Zeichentrickserie von Alfred Jodocus Kwak. Ferner leistet er ehrenamtlich alle möglichen Aktivitäten auf kulturellem und sozialem Terrain, darunter für die Auswahlkommission Kinderen voor Kinderen, als Jurymitglied bei den Gouden Harpen oder für Keramuze, eine Aktivität der Stiftung Kunst und Kultur in Bilthoven. Erik van der Wurff macht sich neben seinen beruflichen Aktivitäten vor allem stark für Jugend und Musik.


Erster Foto: Rudi Gagel; andere Fotos: Herman van Veen


Wenn wir dann nach dem Sommer wieder 
für ein anderes Programm proben, 
und ich sehe Erik mit seinem abgewetzten Köfferchen
den Weg entlang kommen, 
hüpft mein Herz jedes Mal wieder in die Höhe. 
Vierzig Jahre spielen wir zusammen. 
Geben einander die Hand, 
fragen, wie es Frau und Kindern geht, 
und machen uns auf die nächste Reise. 
Wir arbeiten hart. 
Wenige Worte werden gewechselt. 
Er spielt unverdrossen Klavier, 
ich singe drastisch und erzähle. 
Es passt gut. 

Herman van Veen



Erster Foto: Rudi Gagel; andere Fotos: Herman van Veen

ERIK VAN DER WURFF (1945) studierte Musik (Piano, Querflöte und Kontrabass am Utrechter Konservatorium und seither arbeitet er als Komponist, Dirigent, Arrangeur und Pianist.

Er schrieb Musik für Theater, Spielfilme (so wie Van de Koele Meren des Doods en Ciske de Rat), Fernsehserien (De Legende van de Bokkerijders, Coverstory, Achter de Lach), internationale Trickfilmserien (wie z.B. Janoschs Traumstunde und Alfred Jodocus Kwak), sechs Musicals, eine Volksoper, Kammermusik, Werke für Piano und symphonisches Repertoire.

Erik dirigeerde Het Residentie Orkest, het Noordhollands Filharmonisch Orkest, Het Gelders Orkest, het VRT Philharmonisch Orkest, het Bruckner Orchester (Linz, Oostenrijk), het NDR Pops Orchestra en The American Symphony Orchestra. Sinds maart 2008 is hij dirigent van het rond Utrecht gesitueerde VSOP Orkest.

Erik dirigierte das Residentie Orkest, das Noordhollands Filharmonisch Orkest, das Gelders Orkest, das VRT Philharmonisch Orkest, das Bruckner Orchester (Linz, Österreich), das NDR Pops Orchestra und The American Symphony Orchestra. Seit März 2008 ist er Dirigent des rund um Utrecht agierenden VSOP Orchesters.

Er arrangierte für mehr als 100 bekannte Künstler des leichten und ernsten Genres, darunter sind Herman van Veen, Robert Long, Jasperina de Jong, Gerard Cox, Stef Bos, Jaap van Zweeden, Anner Bijlsma, Emmy Verhey, the Soloists of the Philharmonia (London) und Kings College Choir (Cambridge). Auch schrieb er zahllose Arrangements für Fernseh- und Spielfilme (De Tweeling, Sloophamer, Leef!, Pluk van de Petteflet, In Oranje, Gebak van Krul), darunter Hunderte Bearbeitungen für das Metropole Orkest.

Als Pianist begleitet er schon über vierzig Jahre Herman van Veen. Daneben hatte er Auftritte mit Vera Mann, Gerard Cox, Robert Long und Simone Kleinsma. Erik spielt auch Solokonzerte hauptsächlich eigenen Werken. Außerdem gibt er Workshops in Komposition und Musiktheorie, insbesondere für Anfänger.

Er wirkte an einigen Dutzend Produktionen mit, die geehrt wurden mit einem Edison, dem Gouden Hond von EMI, den Louis Davidsprijs für “Opzij Opzij Opzij”, die Gouden Harp der Stiftung Conamus, das Gouden Hart der Stadt Rotterdam, den Gouden Notekraker der Stiftung Norma und den Kunst- und Kulturpreis der Gemeinde Bilt. 2009 wurde Erik van der Wurff zum Ritter im Orden vom Niederländischen Löwen ernannt.

Er ist der einzige niederländische Komponist, von dem zwei Produktionen am Broadway aufgeführt wurden. Das Jugendmusical “TipTop Tommy Care a Lot” (Lincoln Centre; 1995) und das Symphonische Märchen “Santa meets the Ice Dragon” (Beacon Theatre; 2004).

Montag, 27. April 2009

Sonntag

Meine Frau ist bei ihren Eltern.

Die Kinder sind in ihrem Leben.

Ich hör’ das Gras wachsen.

Meine Gedanken gehen auf Reisen.

Nach früher.

Zu dem Haus, in dem ich geboren wurde.


Erinnere mich an die Straße.

Erinnere mich, dass das Viertel sonntags sehr still war, 

als ob es nachdachte.

Lediglich Menschen von der Pfingstgemeinde

schienen dann noch dort zu wohnen.

Mit Hüten wie aus alten Büchern und von Pickwick-Teedosen,

mit schwarzen Strümpfen, dunkelblauen Jacken.

Sie glaubten wieder an einen anderen Gott.

An einen Gott der Rache, der Verdammnis und Hölle verhieß.

An einen Gott, der weder Sünde noch Nachbarschaftsfeste liebte.

Ein Gott, der scheinbar keine roten Wangen,

aber dicke Zöpfe und mattschwarze Binder mochte.


Manchmal fuhr über die Singelstraße

ein Kinderlocker auf einen Tandem.

Der fummelte an Pimmeln herum

und ließ seinen wie einen Zauberstab

vor unseren verwunderten Augen freihändig steigen.


Noch stiller war es in der Koekoekstraat, 

wo alle Läden waren.  Grotendorst und Jamin, 

Lubro, mit seinen Spoorpunten, 

das war Kuchen aus aufgefegten Krümeln,

und der Buchladen von Van Boven, 

der alles hatte, was ich lesen wollte.

Jules Vernes stand da, Winnetou, Arendsoog, Pim Pandoer,

allesamt mit dem Rücken zu mir.

Später, wenn ich groß wäre, würde ich all die Bücher kaufen.

Würde dann nie mehr mit einem Rücklicht und einer Batterie 

unter der Decke lesen müssen.


In der Duifstraat, die aus pechschwarzem Asphalt war,

wohnten noch immer jüdische Leute.

Auf sehr kleinen Schuhen.

Weil sie, so sagte Frau Verheul,

keine Zehen mehr hatten.

Die hatten die Deutschen im Konzentrationslager 

abgehackt oder aufgefressen.


In die Kwartelstraat durfte man nicht kommen.

Dort wohnte der Feind.

Dort wohnten die Dämonen, die Fürchterlichen, die anderen.

Die Söhne von Vätern, die nicht in Druckereien arbeiteten

sondern in Fabriken und bei der Werkbahn.


Dann war da noch Elfriede von der Treppe.

Ein sehr schönes Mädchen.

Abgesehen von zwei Dingen.

Sie hatte O-Beine.

Jedes Mal, wenn sie sich setzte, sah es so aus,

als ob jemand ihr Cello gestohlen hatte.

Elfriede, die als allererstes Mädchen auf der Welt Nylonstrümpfe trug.

Nylons mit Naht und fleischfarbenen Strumpfhaltern.


Ein Hund bellt.

Mama ist wieder zu Hause.

Schrecke aus meinem Tagtraum.


„Was ist passiert?“ fragt meine Frau.

„Ich bekam Besuch.“

„Besuch?“

„Von ein paar Gedanken.“