Neben ihm sitzt Edith Leerkes, die ihn auf der Gitarre
begleitet. "Ein Mann mit offener Hose wird mir Schokolade anbieten und ich
werde antworten ,Ich mag Schokolade'. Ich werde mir von einer vornehm
angezogenen Frau ein Marienbildchen schenken lassen und es mein ganzes Leben
lang küssen. Ich werde Malaria bekommen und meine Tochter wird sich in einen
Typen verlieben, der so alt ist wie ich."
Das alles konnte man im Vorhinein nicht erahnen. Genauso
wenig große musikalische Erfolge wie "Ich hab ein zärtliches Gefühl"
und "Warum bin ich so fröhlich", die er hier charmant unter den Tisch
fallen lässt. Um "ein bisschen in seinem Gedächtnis zu blättern", hat
van Veen all seine Anekdoten in einer Autobiografie zusammengefasst (auf
Deutsch bei Aufbau erschienen). "Bevor ich es vergesse" steht auf dem
Buchdeckel, es könnte auch das Motto des Abends sein.
Am Appendix der Welt
Die Gäste der niederländischen Botschaft erleben am Dienstag
einen van Veen, der vor Energie nur so strotzt. Virtuos entlockt er Gitarre
oder Geige die nachdenklichen Melodien, mit denen er seine kräftige Stimme
begleitet. Sekunden später trällert er mit Chorknabenstimme das Ave Maria.
Gerade als man denkt, der 65-jährige Liedermacher hole einen Stuhl, um sich
kurz zu erholen, fährt er am Schlagzeug fulminant fort. Er schafft es, den
Gästen ein Lächeln in die Gesichter zu zaubern, ohne in seichte Unterhaltung
abzurutschen.
Sowohl der Botschafter Marnix Krop als auch die geladenen
Gäste aus Politik und Kultur sind fasziniert. Es scheint schon längst nicht
mehr bloß um eine Nacherzählung seines Lebens zu gehen. "Ich stand am
äußersten Zipfel Südafrikas, dem Appendix der Welt sozusagen", sagt van
Veen und versucht, seine Gäste mitzunehmen auf die Reise, "blickte raus,
auf diese große Natur und merkte: Das Leben ist ok". Einige der Anwesenden
werfen einen Blick durch das große Fenster auf die Spree, während Herman van
Veen ein Lied auf Afrikaans anstimmt. Er wechselt in seinen Liedtexten zwischen
Deutsch, Niederländisch, Französisch und Afrikaans wie ein Abenteurer, der aus
seinem bewegten Leben erzählt. Dabei verliert er aber nicht seine Funktion als
Mittler zwischen den Kulturen aus dem Auge, für die er bereits mit dem
Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Die vertonten Gedichte der deutschen
Jüdin Selma Meerbaum-Eisinger folgen genau wie die Episoden aus seiner Kindheit
im Nachkriegsholland einem Motiv: Das Leben ist o.k.
Die Umstände sind oft miserabel, ja sogar "zum
Kotzen" - es wird still, als van Veen diese Erkenntnis ganz sachlich
ausspricht -, aber man solle doch das Gute nicht aus dem Auge verlieren. Den
Schrebergarten seines Vaters zum Beispiel, der "zwar nur 80 mal 100 Meter
breit, dafür aber endlos hoch ist". Langsam begreift man, woher die
Zeichentrickente Alfred Jodocus Kwak ihren Optimismus bezieht. Was Herman van
Veen anfängt, ist von einer subtilen Nachdenklichkeit durchzogen, ohne allzu
melancholisch und sehnsüchtig zu sein.
Als "einen der bekanntesten Niederländer unserer
Zeit" hatte der Botschafter ihn vorgestellt - und doch wirkt van Veen
etwas verlegen angesichts des stürmenden Beifalls und der stehenden Ovationen,
die ihm zuteil werden. Die Blumen, die ihm überreicht werden, beantwortet er
mit einem zögerlichen "Ja" und tätschelt beim Verlassen des Raumes
einigen Zuschauer die Schulter. Autobiografien liefern in den seltensten Fällen
weltbewegende Erkenntnisse. Statt an diesem Anspruch zu verzweifeln, blickt
Herman van Veen in "Bevor ich es vergesse" zurück und schenkt Lesern
und Zuhörern sein zärtlichstes Gefühl: Das Leben ist o.k.
Berliner Zeitung
20.05.2010