Thomas en Renate
Dienstag, 26. August 2008

Thomas en Renate

Unsere Freunde Thomas und Renate Woitkewitsch wurden in diesem Jahr zusammen 130, ieder 65.
Sie gaben zum ersten Mal in ihrem Leben ein wahrliches Fest in Köln, im ehemaligen belgischen Offiziersclub, Herman und ich waren Gäste.
Thomas lud vor 35 Jahren, zusammen mit Karsten Jahnke und Alfred Biolek, Herman ein, nach Deutschland zu kommen.
Ein festes Band verbindet sie noch immer, die vier Männer.
Thomas "verdeutscht" immer noch das meiste von Hermans Worten, Alfred Jodocus Kwak ist benannt nach der Talkshow-Ikone und dem Meisterkoch Alfred Biolek und Karsten ist schon seit Hermans erstem Auftritt in Deutschland dessen deutscher Impresario.

Thomas traf ich zum ersten Mal in einem Tonstudio, wo wir das deutschsprachige Album "Nachbar" aufnahmen.
Bis dahin hatte ich, wie viele Niederländer, eine etwas reservierte Einstellung zur deutschen Sprache.
Hinter jedem Wort schien sich ein Befehl zu verbergen.
Jedoch nicht bei den Worten, die Thomas für Hermans nuancierte Sprache wählte.
Eine schönes, reiches und freundliches Deutsch, das mich auftauen ließ.
Der liebe Thomas, ein sanfter, verlegener, bisschen schwermütiger, aber vor allem brillianter Mann, der, wenn er etwas faszinierend findet, aus seinem Enthusiasmus kein Hehl macht.
Ein Schatz.
Ich empfand die Einladung als eine Ehre und fuhr zusammen mit Herman froh zu ihrem Fest.
Wir hatten den Eindruck, dass jeder gleichzeitig in Köln sein müsste.
Wir kamen schließlich gerade noch rechzeitig, zum Glück.

Im Restaurant mit Blick auf einen kleinen See mit für diesen Anlass sorgfältig ausgewählten weißen Schwänen und einem glutvollen Sonnenuntergang standen Renate und Thomas, um die Gäste zu begrüßen, nervös und froh, dass alle gekommen waren aus allen Ecken Deutschlands und aus weiter weg.
Stiller Gast war ein Portät eines Generals, der offensichtlich nicht Thomas' Vater war, sondern ein belgischer General aus der Nachkriegszeit. Ihre zwei schönen Kinder hielten zwischen den Gängen bewegende und fröhliche Reden, und als sie eine eigene Version auf den Rudi-Carrell-Hit "Wann wird's mal wieder richtig Sommer" sangen, dessen Text von Thomas stammt, brach er in Schweiß aus vor lauter Anstrengung, nicht in Tränen auszubrechen vor Rührung.
Renate mit ihrem sonnigen Lachen war erkennbar gutgelaunt, Alfred Biolek trank sich von leicht angeschossen bis ungefähr blau, und wir aßen und redeten und aßen und redeten noch etwas.
Ein toller Abend zu Feier eines tollen Paares.
Im nächsten Jahr werden sie 132, ich sagte zu ihrer Tochter, dass wir zu ihrem 140sten unbedingt eingeladen werden möchten.

Edith Leerkes

Die Mumie
Montag, 25. August 2008

Die Mumie

Das südfranzösische Städtchen La Gaude liegt auf einem felsigen Hügel,
ungefähr genauso weit vom Mittelmeer entfernt wie von den Südlichen Alpen.
Les Alpes Maritimes.
Am Fuße der Altstadt liegt das Kulturzentrum, angegliedert das Ökologische Museum.
Dort zeigten sie in dem großen Saal, der auch als Kino dient, die Mumie III.
Ein Film, der von einem chinesischen Kaiser erzählt, welcher Unsterblichkeit erlangen will
und der in seinem Bemühen von einer Hexe,
einem General, einem Dreigespann Yetis und einigen amerikanischen Akteuren
Steine in den Weg geworfen bekommt.
Es geht alles gut aus.
Die Hexe und der General kommen ums Leben, der Kaiser fällt auseinander,
so auch sein, für diesen Anlass zum Leben erwecktes, Terra Cotta Heer.
Die amerikanischen Akteure triumphieren.
Das Böse kriegt seinen verdienten Lohn.

 

Im Kino sitzen siebzehn Menschen.
Einheimische, Zugereiste, Touristen und fünf Kinder.
Man muss wohl echt eine Abneigung gegen Kinder haben,
wenn man sie in Die Mumie mitnimmt.
Selbst ich, der doch schon einen Menge Horror gesehen hat,
musste ab und zu meinen Kopf wegdrehen.

 

Es ist eine so genannte Berufs-Deformation.
Zähle immer wieder die Menschen,
in welchem Saal sie auch sitzen.
Realisiere, was das eine oder andere kostet
und was dann noch übrig bleibt.
Das ist eine Nebenwirkung selbständiger Sängerunternehmerschaft.

 

Erinnere mich an die Geschichte eines berühmten deutschen Baritons,
der während er ‚Die Winterreise’ sang,
jeden in seinem Publikum einmal anschaute.
Von Reihe zu Reihe zu Reihe.
Das tue er, so vertraute er einer Verehrerin an,
weil er die Anzahl verkaufter Plätze zähle,
so dass er bei der Auszahlung dann nicht beschummelt werden könne.

 

Der mysteriöse Direktor des Kulturzentrums mit Ökomuseum
scheint auch sein eigener Angestellter zu sein.
Er sitzt an der Kasse, wenn jeder auf seinen Platz ist, verschließt er die Außentür,
kontrolliert die Feuerlöscher, geht im Saal mit einem Brotkorb voller Leckereien herum,
macht das Saallicht aus, startet den Film, stoppt den Film, lässt uns raus.
Ich sehe gerade noch, während wir ins Auto steigen,
dass er sich einen Staubsauger schnappt.

Hab auch keinerlei Zweifel, dass er in dem Film
die Mumie spielte.

Donnerstag, 21. August 2008

Gute Nachricht

Eigenartig. Ich bekomme eine Mail von Stephan Vogelskamp. Er ist ein Jurist und repräsentiert viele unserer Initiativen in Deutschland. Ihm verdanken wir z.B., dass "Die seltsamen Abenteuer" als Release auf DVD erscheinen. Er fragte mich, ob wir Fotos fürs Cover und PR hätten. Ich riet ihm, Heinz Lindner anzurufen, der als Regisseur dieser Serie tolle Set-Fotos gemacht hatte. Stephan ließ mich nach einiger Zeit wissen, dass er eine schlechte Nachricht hätte. Der Bayerische Rundfunk hatte ihm gesagt, Heinz Lindner wäre gestorben. Schockiert schrieb ich einen Nachruf, der viele Reaktionen hervorrief.
Heinz ist nicht tot. Er ist im Urlaub. Ein wahnsinniges Mißverständnis. Ich bin ganz ratlos. Wie kann so etwas nur passieren? Der Bayerische Rundfunk hat wissen lassen, dass es ein Irrtum war. Ein sehr bizarrer.
Zum Glück bleibt es eine gute Nachricht. Ich werde meine lieben Worte bewahren und entschuldige mich von ganzem Herzen.

Schande
Montag, 18. August 2008

Schande

Gibt es Voraussetzungen,
unter denen ein Krieg begonnen werden darf?
Kirchenvater Augustinus (354-430; Philosoph)
soll um 400 nach Christus gesagt haben:
"Kriege dürfen lediglich für eine gerechte Sache geführt werden,
mit einer gerechten Absicht und nur durch befugte Obrigkeit erklärt."
Ich frage mich: Was ist gerecht? Welche gerechte Sache? Und wer bestimmt das?
Kann Augustinus nicht anrufen.

 

Augustinus' Regeln sind laut dem niederländischen Denker Henk Achterhuis
in angepasster Form noch immer die Basis für die heutige Militärsethik.

Meiner Meinung nach gibt es keinen einzigen der letzten Kriege nach dem Zweiten Weltkrieg,
der diese Kriterien erfüllt.
Kriege sind heutzutage meistens präventiv.
Eine opportunistische Reaktion auf "Terrorismus",
mit der vorherrschenden Nebenwirkung kollateralen Schadens.
Ganz zu Schweigen vom Völkermord,
der in einer Vielzahl afrikanischer Staaten stattfinden darf.

Habe von diesen Dingen genauso viel Ahnung wie Sie.
Muss mir mein Wissen aus der Zeitung,
der Literatur oder vom Fernsehbildschirm holen.
Mir fällt dabei auf, dass die internationale juridische Messlatte
in Bezug auf Kriegshandlungen so dehnbar wie Elastik ist.
Was beispielsweise Amerikaner "dürfen", ist nicht dasselbe, was Iraner dürfen.
Was die Russen "dürfen", ist nicht dasselbe, was den Georgiern zugestanden wird.
Und was nach einem Krieg passiert, spielt, so scheint es,
schon lange keine Rolle mehr.
Auch werden Kriege meist nicht mehr mit einem Vertragsabschluss beendet.
Es gibt keine einzige Erkenntnis darüber,
was zukünftig im Irak oder in Afghanistan geschehen soll.
Und jetzt in Georgien.
Es gibt faktisch keine Regeln mehr.
Nicht vor dem Krieg und keine für danach.
Es ist, wie sich herausstellt, keine Rechtfertigung vonnöten.


Der wahre Preis für diese Perversion wird immer wieder
von Frauen und Kindern bezahlt,
die in Ewigkeit verdammt zu sein scheinen.

 

Schande, Schande, Schande.

Alle ist alle
Montag, 11. August 2008

Alle ist alle

Das Öl geht uns aus. Viel schneller als gedacht.
Nicht erst um das Jahr 2015 herum, sondern schon im Jahre 2010
soll es weltweit einen schmerzlichen Mangel geben.
Der Preis von einem Barrel Rohöl steigt auf einhundertzehn Dollar.
Durch den künftigen Mangel entstehen noch mehr militärische Konflikte
in den Öl produzierenden Ländern, insbesondere in Afrika.
Der phänomenale Ölmangel wird sich im Jahre 2030
auf beinahe achtzehn Millionen Barrel pro Tag summieren.
Das sind zwei Drittel des Barrelanteils, den allein die USA zurzeit täglich verbraucht.
Der Ölpreis wird bis dahin dann mehr als 200 Dollar das Barrel kosten.

 

Ebenso wie Russland baut auch China mehr und mehr Marineschiffe,
um Küsten und Bohrplattformen besser gegen Seeräuber schützen zu können.

 

Laut Bartjens* hat die weltweite Energiewirtschaft zu spät begonnen,
in alternative Energien zu investieren, weil man unterschätzt hatte,
wie schnell die Ölquellen versiegen.

 

Ich glaube nichts von alledem.
Die Ursache ist Opportunismus. Profitgier.
Das Verhalten von Schuften, die denken: Nach uns die Sintflut.
Sie sind die Ursache von all diesem Elend.
Worin ich übrigens auch Möglichkeiten, Chancen und Rücklichter sehe.
Hab im Schuppen drei alte Drahtesel stehen.
Aus diesen dreien kann ich mir, mit etwas Fantasie und Mechanik
ein picobello brauchbares Fahrrad zusammenbauen.
In den Niederlanden kann man, wenn man beizeiten aufbricht,
überallhin über gut gepflegte Radwege kommen.
Von meinem Haus aus bin ich nach zwei Stunden kräftigem Durchtretens in Emmerich.
Geige auf dem Rücken, Reisetasche auf dem Gepäck-träger.
Einen Tag eher los und die Sache ist geritzt.


*Willem Bartjens (Amsterdam, 1569 – 1639) war ein Schulmeister,
der durch sein Rechenbuch "De Cijfferinghe van Mr. Willem Bartjens"
(Die Ziffern des Schulmeisters Willem Bartjens) bekannt geworden ist.
Bartjens lebt in der niederländischen Sprache
im Ausdruck "Laut Bartjens…" fort.
Dies bedeutet dann, dass eine Berechnung oder eine Aussage
schlüssig oder logisch ist,
bezogen auf das von ihm geschriebene Rechenbuch.

Alternative
Montag, 4. August 2008

Alternative

Wir spielten anlässlich des 850. Geburtstages der Stadt München
in einem großen Zelt auf dem Olympiagelände
im Schatten des noch stets avantgardistisch erscheinenden Olympiastadions.

München, so denke ich blitzartig,
als ich zu den Tausenden schaue, die uns glücklich bejubeln,
München ... unlösbar verbunden mit dem Staate Israel.
Das jüdische kleine Land, das nun seinen 60sten Jahrestag feiert.
Der Zweite Weltkrieg.
Der palästinensisch terroristische Anschlag auf israelische Sportler
während der Olympischen Spiele von 1972
- sind unauslöschliche Narben der jüngsten Geschichte dieser süddeutschen Stadt.

In der Halle des Hotels in welchem wir wohnen,
kommt am Morgen nach unserem Konzert
eine deutsche Familie zusammen,
um das 65. Hochzeitsfest eines extrem rüstigen bayerischen Ehepaares zu feiern.
Vier Generationen strömen aus Fahrstühlen und durch Glastüren.
Hotelpagen schleppen währenddessen,
freundlich unterstützt von ein paar deutschen Gästen,
die schweren Koffer der iranischen Familie Emami zu einer großen schwarzen Limousine.
Zufällig erklingt über die hausinterne Musikanlage
das wunderschöne Thema aus Steven Spielbergs Film “Schindlers Liste”.
Sonderbar, denke ich, während sich wieder eine Fahrstuhltür öffnet
und ich auf meine Rechnung warte.
Trennte gerade einen Artikel von Benny Morris aus der Zeitung,
worin er schreibt, dass ein Atomkrieg zwischen Israel und Iran
seines Erachtens nicht zu vermeiden ist.

Vielleicht könnte es eine Idee sein,
Frau Merkel zu bitten,
in diesem Hotel ein Gespräch zu organisieren mit dem Ziel,
Iran und Israel zu versöhnen.
Um dem zuvorzukommen, dass irgendwann in einem Atemzug gesagt werden kann:
“Hiroshima, Nagasaki, Tel Aviv und Teheran.”

Karikatur
Montag, 28. Juli 2008

Karikatur

Auf dem Titelblatt des neuen New Yorker
ist eine Karikatur von Barack Obama und seiner Frau Michelle zu sehen.
The New Yorker ist eine amerikanische journalistische Institution von allerhöchstem Niveau.
Das Blatt wird seit Jahr und Tag mit satirischen Zeichnungen aufgemotzt.
Auf dem Bild ist Barack als Moslem im Oval Office vom Weißen Haus abgebildet,
Faust an Faust mit seiner Frau.
Sie,frisiert im Afrolook und mit einem AK-47 Maschinengewehr auf dem Rücken.
An der Wand hängt ein Portrait von Osama Bin Laden.
Im Kamin brennt fröhlich die amerikanische Flagge.
Die Zeitschrift suggeriert mit dieser Zeichnung das,
was den Amerikanern möglicherweise bevorsteht,
wenn Obama zum Präsidenten gewählt wird.
Die Zeitungen quellen über davon.
Die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel,
wohlgemerkt mit medienwirksam abgedrucktem verurteiltem Bild,
fragt sich allen Ernstes, ob so etwas nun schamlos und beleidigend ist.
Meiner Meinung nach ist es das.
Und es ist gut, dass es veröffentlicht wird,
weil damit sonnenklar wird,
wie äußerst feige und verächtlich einige Zeitungen und Zeitschriften sein können.

Lang lebe die Pressefreiheit.

Mittwoch, 23. Juli 2008

Freiburg, 20. Juli 

Am Tag nach München, wo wir anlässlich des 850sten Geburtstags dieser Stadt spielten, unterwegs nach Freiburg.
Eine weitere Vorstellung in einem Zelt bei einem weiteren Sommerfestival.
Zu unserer Überraschung sind die Straßen voll, später scheint fast jeder auf dem Weg zum Formel 1 - Rennen in Hockenheim gewesen zu sein, neben den zurückkehrenden niederländischen Touristen mit ihren Caravans, die den Segen des LKW-freien Sonntags mit ihren langsamen Überholmanövern unwirksam machten. 

Freiburg ist eine tolle Stadt, kleine Kanäle mit blitzsauberem Wasser zeigen den Verlauf der ehemaligen offenen Kanalisation, alte Gebäude in freundlicher Atmosphäre, die die Menschen mit ihrer Gemütlichkeit angesteckt zu haben scheinen. 

Der Fahrer, der uns zum Festivalgelände bringt, meint, dass Freiburg nach München die Stadt mit dem größten Wohnwert ist.
Schon von weitem sehen wir fröhliche rote, spitze Zeltdächer in allerlei Formaten.
Der Fahrer erzählt, dass eins davon das berühmte niederländische Spiegelzelt ist und dass Niederländer eine große Rolle bei der Etablierung des Festivals gespielt haben, das mittlerweile 26 Jahre existiert. 

Wir werden zum Hintereingang gebracht und kommen in die "Backstage area".
Liebe Garderoben mit bunten Vorhängen anstelle von Türen, ein sich leicht bewegender Holzboden und eine Garderobe, die aus einer privaten Einrichtung zu stammen scheint.
Freundliche Menschen geben sich alle Mühe, uns zufrieden zu stellen und sind sichtbar froh, dass das gelingt.
Wir sind, wie es scheint, nicht die schwierigsten Künstler. 

Der "Saal" ist groß, weniger gigantisch als der von gestern, aber mit nicht weniger Platz für die Menschenmenge, die abends erscheinen wird. 

Ein Soundcheck, wie wir ihn noch nie erlebt haben; in allen Zelten geht's offensichtlich gleichzeitig los.
Die Kakophonie macht es uns unmöglich zu stimmen, wir werden sehr nervös.
Durch das Versprechen, dass es am Abend bestimmt etwas weniger laut sein würde, nicht wirklich beruhigt, fangen wir an, uns Sorgen zu machen.
Mit dem Eintrittskartengerät scheint es zu hapern, deshalb fängt die Vorstellung ein bisschen später an; ein weiterer Grund, unruhig zu sein. 

Der Auftrittsapplaus für Herman ist überwältigend, ich glühe vor Glück für ihn.
Mit einer Mischung aus Angst und Freude fangen wir endlich an.
Wie aufgedreht.
Wir spielen, singen, schwitzen, geben alles bis zur letzten Zugabe.
Aufzuhören fällt uns ebenso schwer wie den Leuten, uns gehen zu lassen. 

Lasst uns Zigeuner jedes Jahr eine Rundreise entlang der Festivals machen. 

Edith Leerkes

Montag, 21. Juli 2008

Ameisen

Das Haus in Frankreich hat Fenster bis zum Boden.
Man kann sie auseinander schieben
und auf diese Weise das Haus durchlüften.
Schließt man eines davon und lässt das andere offen stehen,
dann gibt’s da grüne Fliegen, so groß wie stattliche Wespen,
die in ihrem Flug - weil sie denken, dass die Glasscheibe da nicht ist -
gegen so ein Fenster knallen.
Dann bleiben sie benommen oder tot auf dem Boden liegen.
Erstaunlich.
Keine Mücke, keine Hummel, keine Biene, keine Libelle, kein Falter
ist dermaßen blöd.
Liegt dann so eine geistesschwache Fliege leblos auf dem Boden,
dann braucht man sie nicht wegzuräumen.
Das tun nämlich die Ameisen.
Die sind klitzeklein, noch kleiner als Fliegenpupser.
Sie kommen zu Hunderten aus einem beinahe unsichtbaren Ritzlein zwischen Fenster und Mauer aus dem Boden.
Demontieren die auf der Erde liegende Harakiri-Fliege in rasender Geschwindigkeit
und führen deren Überbleibsel im Marschtempo in das Ritzlein unter dem Haus ab.

So muss das umgekehrt in uralten Zeiten auch geschehen sein,
als die Ägypter ihre Pyramiden bauen ließen.

Innerhalb von zehn Minuten ist kein Hauch mehr von der abgestürzten Fliege zu finden,
und auch die klitzekleinen Ameisen sind spurlos verschwunden.
Irgendwann hab ich mal eine, auf diese Weise in nicht mal einem Tag zerlegte,
tote Maus unter dem Haus verschwinden sehen.

Ich halte mit Schreiben inne.
Was war das?
Bewegte sich das Haus…?

Mittwoch, 16. Juli 2008

Schwalben

Gegen sechs essen wir Niederländer unser Abendbrot.
Auch wenn wir in den Ferien sind.
Und das zelebrieren die meisten von uns in Frankreich.
Ende des Schuljahres reisen wir per Zug,
Flieger, Auto, Caravan oder Rad
mit anderthalb Millionen in den Süden.
Sitze da jetzt auch,
auf der Terrasse, nach dem Essen.
Genieße einen, sich in einem großartigen Glas
befindenden, Schluck Chablis
und lese ein schonungsloses Buch
über das Wohl und Weh im Mittelalter.
Las bis heute, bin auf Seite 223,
noch recht wenig über das „Wohl“.

Gegen acht fangen die Buchstaben an zu tanzen.
Nehme meine Lesebrille.
Und stets dann,
wenn ich meine Brille auf meine verbrannte Nase setze,
fliegen jeden Abend die Schwalben aus.
Sie tollen, kreisen, stürzen, schwirren durch den Himmel.
Verputzen für Menschenaugen unsichtbare Insekten.
Es sieht aus wie eine Luftschlacht.
Ein Gefecht zwischen zwei Mächten,
so wie ich es in Filmen über den Zweiten Weltkrieg sah.
Die Schwalben sind noch unbesiegbar.
Gesättigt suchen sie vorm Dunkelwerden ihre Nester auf.
Die Luft gehört nun den Fledermäusen,
die präzise dasselbe tun:
Sie jagen dem Schwalbendessert nach.
Und wenn es stockdunkel ist,
nach treibenden Leuchtfeuern.
Alles hat seine Zeit.
Alles hat seinen Platz.
Alles ist logisch,
auch der Zufall.

Denke an das wunderschöne Gedicht
von Selma Meerbaum-Eisinger,
jenem Mädchen,
das im Krieg,
den Tod vor Augen
schrieb:

Frühling.
Die Bäume sind jetzt erst ganz kahl
und jeder Strauch ist wie ein weicher Schall
als erste Nachricht von dem neuen Glück.
Und morgen kehren Schwalben auch zurück.


Für jedes “Wohl”
gibt es ein “Weh”.
Und umgekehrt.
So wird es immer wieder sein.

Schlage mein Buch im Dämmerlicht zu.
Kratze an Mückenstichen
eingehandelt
durch die Handvoll übrig gebliebener Mücken.
Dusche mich, bis das Wasser alle ist.
Flüstere “Gute Nacht”.