Mittwoch, 16. Juli 2008

Schwalben

Gegen sechs essen wir Niederländer unser Abendbrot.
Auch wenn wir in den Ferien sind.
Und das zelebrieren die meisten von uns in Frankreich.
Ende des Schuljahres reisen wir per Zug,
Flieger, Auto, Caravan oder Rad
mit anderthalb Millionen in den Süden.
Sitze da jetzt auch,
auf der Terrasse, nach dem Essen.
Genieße einen, sich in einem großartigen Glas
befindenden, Schluck Chablis
und lese ein schonungsloses Buch
über das Wohl und Weh im Mittelalter.
Las bis heute, bin auf Seite 223,
noch recht wenig über das „Wohl“.

Gegen acht fangen die Buchstaben an zu tanzen.
Nehme meine Lesebrille.
Und stets dann,
wenn ich meine Brille auf meine verbrannte Nase setze,
fliegen jeden Abend die Schwalben aus.
Sie tollen, kreisen, stürzen, schwirren durch den Himmel.
Verputzen für Menschenaugen unsichtbare Insekten.
Es sieht aus wie eine Luftschlacht.
Ein Gefecht zwischen zwei Mächten,
so wie ich es in Filmen über den Zweiten Weltkrieg sah.
Die Schwalben sind noch unbesiegbar.
Gesättigt suchen sie vorm Dunkelwerden ihre Nester auf.
Die Luft gehört nun den Fledermäusen,
die präzise dasselbe tun:
Sie jagen dem Schwalbendessert nach.
Und wenn es stockdunkel ist,
nach treibenden Leuchtfeuern.
Alles hat seine Zeit.
Alles hat seinen Platz.
Alles ist logisch,
auch der Zufall.

Denke an das wunderschöne Gedicht
von Selma Meerbaum-Eisinger,
jenem Mädchen,
das im Krieg,
den Tod vor Augen
schrieb:

Frühling.
Die Bäume sind jetzt erst ganz kahl
und jeder Strauch ist wie ein weicher Schall
als erste Nachricht von dem neuen Glück.
Und morgen kehren Schwalben auch zurück.


Für jedes “Wohl”
gibt es ein “Weh”.
Und umgekehrt.
So wird es immer wieder sein.

Schlage mein Buch im Dämmerlicht zu.
Kratze an Mückenstichen
eingehandelt
durch die Handvoll übrig gebliebener Mücken.
Dusche mich, bis das Wasser alle ist.
Flüstere “Gute Nacht”.

Montag, 16. Juni 2008

Ich las letzten Samstag
drei Einführungen bei drei Konzerten
in drei verschiedenen Kirchen
auf dem Festival Classique in Den Haag.
Musik mit einer Erzählung.
Die Oude Katholieke Kerk, die Kloosterkerk, die Waalse Kerk.
In der Oude Katholieke Kerk eine Einführung zu Haydns “Christus’ sieben letzte Worte”,
in der Kloosterkerk zu “Stabat Mater” von Pergolesi,
in de Waalse zum “Requiem” von Gabriël Fauré.
Sieben Predigten, zwei Einführungen.
Drei unvergessliche Konzerte.
Phänomenal viel Vorbereitung, herrliche Anerkennung. 


Nach Hause zum Fußball.
Genieße ihn sehr.
Es ist auch toll, wieder zu sehen,
wie die Experten ihre Meinungen ändern.
Alles ist möglich,
wie im Garten.
Unglaublich, was da blüht, wächst und gedeiht.
Man hat nicht weit von uns eine Eisvogelburg gebaut.
Manchmal fliegt eins dieser kleinen Wesen einfach
einen blauen Strich ins Grün,
stürzt sich in die Sonne
und scheint sich in Luft aufgelöst zu haben.
Es ist ein Wunder.

Mittwoch, 11. Juni 2008

Cecilia

Wir waren dabei.
Niederlande - Italien.
Gingen durch ein blau-orangenes Meer.
Sangen uns die Kehlen heiser
und sprangen auf
bei jeder verpassten Chance, bei jedem misslungenen Torschuss.
Wir tranken auf den Rest des Turniers
und reisten mit einem freudigen Gefühl
zwischen allen anderen
zurück nach Amsterdam.
Ich durfte gestern Abend
im Concertgebouw
Cecilia Bartoli 
einen Edison überreichen.*
Für sie wäre ich bestimmt auch
nach Tokio gefahren.
Ich kam in einem wirbelnden Saal
auf die Bühne
und sah sie
zum ersten Mal.
Sie ist schöner als auf dem Foto,
noch schöner als sie singt.
So etwas gibt's nicht.
Doch.
Ich sagte die Worte, die ich geschrieben hatte.
Gab ihr die schwere Figur,
und wieder wirbelte der Saal.
Es ist ein Wunder.
Irgendwo hinter der Bühne,
in einem Foyer
mit einer Treppe,
haben wir für sie gesungen.
Eine Ode auf so viel Schönes.
Mit Edith Leerkes und den liebsten Mädchen
von Cantarella,
Limburgs
vielseitigstem Chor.
Es gab Tränen, Umarmungen,
Bitteschöns und Dankeschöns,
nach denen Cecilia
von den leitenden Herren des Konzerthauses

weggelotst wurde
und in einem dunklen Auto
mit ein paar Wesen,
die sie jetzt für sich wollten,

verschwand.
Ich hätte mich gern noch kurz
mit ihr eine Ewigkeit
unterhalten und so.

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Dear madam Bartoli,
Ladies and gentlemen,

Sometimes you hear a voice that takes your breath away,
it makes you stop vacuuming
like it used to happen with my mother
when Edith Piaf was on the radio.
We, the children, had to be quiet
until the song finished.

What Piaf was to my mother,
Cecilia Bartoli is to me
when, every once in a while, her voice resounds
through our house.
Cell phones turn off automatically,
no more Nintendos,
the washing machine maintains a stony silence.
Believe me, should I have a voice in God's creation,
her voice would be mine.
A voice of unbelievable beauty
a sound which, in this often terrible world, makes you not give up hope.

Rossini once said:
'How beautiful opera would be if it there were no singers'.

Bad luck for him, he never heard Cecilia Bartoli sing.
We are privileged.

Her last cd, which she made in tribute to Maria Malibran,
is a gem.
This opinion is shared by the jury of the Edison foundation.
That is why I stand before you
to present this little sculpture with great pride to mrs Bartoli.

Avec mes felicitations.

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Liebe Frau Bartoli,
meine Damen und Herren,

Soms hoor je een stem die even je adem doet stokken,
die je doet stoppen met stofzuigen.
Zoals dat vroeger bij ons thuis gebeurde met mijn moeder
als ze Edith Piaf op de radio hoorde zingen.
Wij moesten dan, de kinderen, stil zijn
tot het liedje afgelopen was.

Wat Piaf was voor mijn moeder
is Cecilia Bartoli voor mij.
Als haar stem zo af en toe door ons huis galmt,
gaan de cellphones op commando uit,
wordt er niet ge-nintendoot,
dan zwijgt de wasmachine in alle talen.
Gelooft u mij:
zou ik een stem hebben in God's schepping,
haar stem zou de mijne zijn.
Een stem van een onbeschrijfelijke schoonheid.
Een geluid dat je, in deze vaak zo afschuwelijke wereld,
de hoop niet op doet geven.

Gioacchino Rossini zei ooit:
'Wat zou opera toch prachtig zijn als er geen zangers zouden bestaan'.

Wat een pech voor hem dat hij Cecilia Bartoli nooit heeft horen zingen.
Wij zijn bevoorrecht.

Ook haar laatste cd, die ze maakte ter ere van Maria Malibran,
is een juweel.
Dat vond ook de jury van de stichting Edison.
Vandaar dat ik hier sta om dit kleinood met grote trots
aan mevrouw Bartoli te overhandigen.

Avec mes felicitations.

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* Am Donnerstagabend läuft die Gala in der AVRO.

 

Montag, 2. Juni 2008

Dichter

Ich bin heute Morgen in aller Frühe
aufgestanden.
Ich habe gemäht,
was ich nur mähen konnte.
Mähen auf einem Traktor
ist wie Skifahren.
Man denkt nur an das,
was man macht:
Gras enthaupten.
Ich sitze jetzt an meinem Schreibtisch
und schreibe Ihnen,
dass ich froh bin
über all das, was in dieser Saison passiert ist.
Über all das, was das Licht der Welt erblickte.
Bücher, CDs, DVDs, Bilder, Vorstellungen.
Darüber, dass es nicht aufhören muss,
das Gehen und Stehen,
das Zusammenkommen.
Egal ob es Klänge, Worte,
Farben oder Wesen sind.
Ich genieße es.

Wir waren diese Woche dreimal in Drachten.
Zu Beginn war der Kartenvorverkauf
nicht gerade erfreulich.
Doch dann war der Teufel los.
Alles brechend voll.

Gestern die Eröffnung der Ausstellung
zu Ehren des friesischen Dichters Tsead Bruinja.
Im Fryslân Natuurmuseum in Leeuwarden.
Edith spielte, Tsead las sein Werk auf Friesisch,
ich las seins auf Niederländisch.
Es gab freundliche Worte
von herzlichen Männern.
Der Bürgermeister der Stadt,
Dr. F.J.M Crone,
eröffnete das Ereignis
mit einem Händedruck.
Häng da schön rum.
14 Bilder.
Ich hole gleichsam
Tseads Worte
aus der Farbe.
Vor jedem Bild steht ein Pult
mit dem jeweiligen Gedicht auf Friesisch und Niederländisch.
Alle Gedichte stehen auch in
"De geboorte van het zwarte paard",
Tseads Auswahl seiner friesischen Gedichte,
erschienen bei Cossee.
Bittere und liebevolle Gedanken.
"Bruinja steht mitten in der Welt,
die er nicht nur amüsiert,
sondern auch besorgt betrachtet,"
schrieb neulich Piet Gerbrandi
in De Volkskrant.
Im Kinokeller von Maarsingh en Van Steijn
lief die Premiere des Dokumentarfilms
über die Männer und das Werk.
"Alsof je het licht vangt"
wurde ein schöner intensiver Film
von Jeroen Stek über zwei Reisende in Sprache,
meine Wenigkeit und den Dichter.

Blumen, Knuddeln, warme Hände.
Mit Edith im Auto in Richtung Süden.
Leise,
ich kann ihr nicht genug danken
für all die Fürsorge und Liebe,
die sie mit mir teilt.
Wir schaffen zusammen ganz schön viel.
Auch möchte ich immer wieder,
weil es ohne sie undenkbar ist,
allen Freunden, die sich abmühen
mit einem Mann, der singen muss,
und die das ermöglichen,
zurufen: "Danke".

Montag, 26. Mai 2008

Zwolle, Heerlen, Almere, Haarlem.
Vier Städte, vier wirklich großartige Theater.

Odeon Zwolle, am Rande der Altstadt geräumig erbaut.
Schöner großer Saal, der an ein altes Theater erinnert. Bühne: immens. Auch für Tanz und Oper bestens geeignet. Je nach Bedarf abschaltbares Tageslicht auf der Bühne. Muss sehr angenehm für die Bühnenarbeiter sein. Weiße Schrittflächen, perfekt, damit man sich nicht abends im Dunklen auf der Seiten- und Hinterbühne  in dem üblichen schwachen blauen Licht das Genick bricht.
Ideale Garderobe,WC, Dusche, Waschbecken, das richtige Licht, Spiegel, herrliche Fenster, die man öffnen kann, so dass man mit frischer Luft in den Lungen die Bühne betritt. Blitzsauber, wie aus dem Ei gepellt. Außergewöhnlich komfortabel eingerichtete Kantine mit Blick auf die Stadt. Sitz- und Gesprächsecken. Eine richtige Bar.

Heerlen, Haarlem und Almere stehen dem kaum nach.
Almere ist vor allem groß, verschnörkelt, grauweiß. Cool. Super. Prachtsaal. Die Treppen zur Bühne sind allerdings unpraktisch zu schmal und zu steil. Man muss die Garderobe zehn Minuten früher verlassen, wenn man nicht außer Atem auf die Bühne kommen möchte.

Haarlem ist eine Konzerthalle, ein neues Haus, gleichsam über das alte Gebäude gestülpt. Aus Glas, Stahl und Steinen. Die Akustik ist großartig. Man hat das Gefühl, dass "es" spielt. Es singt wie Eis, das so glatt ist, dass die Schlittschuhe von selber laufen, wie Gras, das mit der Richtung des Golfballs mitwächst.

Wir sind fast da,aber noch nicht ganz, brüllten wir bei Klassenreisen hinten im Bus und versteckten uns danach vor unseren Müttern unter den Sitzen.

Gestern noch Middelburg mit "Pom pom pom" für die Kinder, und Abends die Vorstellung für die Großen. Dienstag sind wir in Laren mit "Etude F" von Edith Leerkes und der Tanzvorstellung “We’re watching you” vom Harlekijn Danstheater. Mittwoch spielen wir das vorläufig letzte "Pom pom pom" mit Edith Leerkes und Babette van Veen in Hoorn, um dann die Vorstellung nach drei Aufführungen in Drachten zu beenden. Anschließend eine Ausstellung in Leeuwarden. Der Dichter Tsead Bruinja inspiriert den Maler.

Dann wartet der Sommer, den ich schamlos genießen werde.

Gestern hatte ich diesen Traum:
Es war Weihnachten im Monat Mai
Meine Frau war mal kurz zu ihrer Liebhaberin.
Die Kinder im Kino.
War allein Zuhause mit dem Hund und der Katze.
Starrte die Engelchen im Christbaum an.
Ein Rotkehlchen tickte gegen das Fenster.
Das Türchen von der Kuckucksuhr sprang auf.
Sonderbar.
Wusste gar nicht, dass ich eine Kuckucksuhr besitze.
Im Wohnzimmer begann es sanft zu schneien.
Ich machte die Fenster auf, um die weiße Pracht
nach draußen wehen zu lassen.
Hatte Lust auf eine Tasse starken Kaffee.
Öffnete den Kühlschrank,
um eine Packung Milch rauszuholen.
„Guten Tag!“, sagte ein Eisbärchen,
während es aus dem Eisfach krabbelte
und geschickt auf den Boden sprang.
„War das herrlich.“
„Was war herrlich?“, fragte ich.
„Der Lachs“, sagte es.
„Fand es nur mühsam,
die dünne Plastikfolie abzufriemeln.“
„Das werd ich künftig machen.“
Das Eisbärchen hüpfte ins Wohnzimmer
und machte unter dem Weihnachtsbaum
ein Nickerchen.

Jemand, der da nicht war,
kam durch die Wand.
„Wie spät ist es?“, fragte er mit einem
merkwürdigen Grinsen.
„Muss vor Mitternacht wieder in meinem Sarg liegen.“
„Wie stets mit deinem Blut?“, fragte er mich neugierig.
„Hab es kürzlich noch testen lassen. Cholesterin okay,
keine seltsamen Viren.“
„Prima, prima“, sprach der Mann.
„Darf ich?“
„Nein, natürlich nicht!“
Er kam mit seinen langen Zähnen bedrohlich auf mich zu.
Ich rannte ins Wohnzimmer. Zog das Holzkreuz, das den Stamm vom Weihnachtsbaum hielt, weg und hielt es schützend zwischen mich und den Vampir. Das Unwesen sackte zusammen.
Meine Frau kam nackt ins Zimmer.
„Du hättest dich doch wenigstens anziehen können.“
„Wieso?“, fragte sie.
„Ich geh unter die Dusche.“
Der Vampir stürzte sich kreischend auf meine Frau. Ich schlug mit meiner Faust quer durch seinen Rücken und riss sein Herz heraus.
„Für mich?“, fragte das Eisbärchen.
„Herrlich“ und schnappte sich das tropfende Herz aus meiner Hand.

Die Engel aus dem Christbaum
wurden lebendig und menschengroß.
Flogen mit dem Vampir in ihrer Mitte fromm singend hinaus.

Jemand tippte auf meine Schulter.
„Es ist acht Uhr, Liebling. Du musst aufstehen.“
„Aufstehen?“

Werd heute Abend
vor dem Schlafen
bestimmt nicht nochmal
von Discovery zu einem Horrorfilm zappen.

Dienstag, 20. Mai 2008

Das tut dem dem Bürger gut! 


Herman van Veen: Weiser Mann und übermütiger kleiner Junge 

von Patrick van den Hanenberg 

"Seit 1968 ist 40 Prozent unseres Publikums gestorben… Sie haben Glück." Es ist eine eher witzige als ernsthafte Bemerkung Herman van Veens. Vierzig Jahre zuvor schlug der Harlekin aus Utrecht einen Purzelbaum auf der Bühne mit seinem Flubbligab snobbligab flopflapflee, der heiteren Usinnsnummer auf die klassischen Töne von Antonio Caldara. Van Veen haute das Publikum und die Presse um. Nur Wim Sonneveld brummte ein bisschen sauer, dass ein Regisseur van Veens Arme und Beine abhacken müsste. 

In seiner jüngsten Show zeigt der 63-jährige Kabarettist-Komiker-Entertainer-Musiker, dass die Arme und Beine noch immer zu seinen wichtigsten Theaterattributen zählen. Wenn es auch vielleicht nicht mehr ganz so wild zugeht wie vor vierzig Jahre, es wird noch immer geschmeidig getanzt und Musik gemacht: Van Veen wechselt so leicht von einem Instrument zum anderen (Geige, Gitarre, Schlagzeug, Klavier) wie ein Zehnkämpfer von Disziplin zu Disziplin. 

Herman van Veen hat, noch mehr als in seinen vorangegangenen Shows, das Gleichgewicht zwischen dem weisen Mann und dem übermütigen kleinen Jungen gefunden. 

In der letzten Rolle sehen wir ihn, wenn die Bühne nahezu direkt nach dem Opening schon mit Pingpongbällen und Kunstschnee übersät ist, wenn er unerwartet zotige Witze einfließen lässt, seine Unterhose so weit hochzieht, dass seine Musiker ein bisschen peinlich berührt hinschauen und wenn er zusammen mit Erik van der Wurff, seinem Musikkameraden der allerersten Stunde, wie ein Idiot mit einer Flasche Whisky über den Boden fegt. 

Doch die Idiotieausbrüche stehen neben äußerst gefühlvollen Liedern und Geschichten über die Vergänglichkeit und das Scheitern des Zusammenlebens, um den Älteren die Anerkennung zu geben, die sie verdienen. 

Neben nagelneuem Material schaut van Veen auf seine reichhaltige Laufbahn zurück und singt noch einmal das herzzereißende Lied "Amsterdam Zuid-Rivierenbuurt" über den kühlen Empfang der jüdischen Niederländer, die die Konzentrationslager überlebt hatten: "Maar het huis is van een ander, en je komt er niet meer in.’ 

Ohne allzu sentimental zu werden, gibt van Veen seinen Kindern und seinem Enkel einen Platz in seinen Betrachtungen und zieht buchstäblich und figürlich den Hut vor seinem verstorbenen Textlieferanten Willem Wilmink, der ganz einfach behauptete, dass jeder neue Immigrant letztendlich das gleiche Enschedische spricht. 

Herman van Veen bietet seinen klasse Musikern jede Menge Raum zur Entfaltung, auch der Wundergitarristin Edith Leerkes, die er vor Jahren dem Amsterdams Gitaar Trio weggeschnappt hatte und die jetzt in hohem Maße die musikalische Farbe des Programms bestimmt. 

Van Veen hat "noch keinen vermoderten Totempfahl" und auch kein Bedürfnis, dahinter zu kommen, ob Gott tot ist. Über die Länge des Leben können wir nichts sagen, aber in der Superform, in der sich van Veen noch immer befindet, kann er noch viele Jahre im Theater für Belehrung und Vergnügen auf Topniveau sorgen. 

Herman von Herman van Veen, mit Erik van der Wurff (Klavier), Edith Leerkes (Gitarre), Jannemien Cnossen (Geige). Schouwburg Almere 15. Mai. Tournee. 

DE VOLKSKRANT (19. Mai 2008)

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HERMAN VAN VEENS GROSSARTIGE BILANZ: 

Harlekin, Musiker und Opa 

Von Annet de Jong 

Alles hat einen Anfang, sagt Herman van Veen. Vierzig Jahre steht er schon auf der Bühne mit seinem festen Pianisten Erik van der Wurff, und das feiern sie mit einem neuen Programm. Die Chemie stimmt noch immer, das beweisen sie zusammen mit den Topmusikerinnen Edith Leerkes (Gitarre) und Jannemien Cnossen (Geige). Van Veen ist Harlekin – mit Ballons, Pingpongbällen und seltsamen Tänzen – , virtuoser Musiker und hingebungsvoller Vater und Opa. Sein Enkel zieht sich wie ein anrührender roter Faden durch die Vorstellung.
Tochter ’Anne’, aus seinem berühmten Lied, arbeitet inzwischen selber an dem Weg in Welt der Kleinkunst und schrieb einen Text, der von ihrem Vater vertont wurde. Passioniert interpretiert van Veen die schmachtende Mädchenlyrik über die Sehnsucht nach einem Jungen. Er ist melancholisch, wenn es um seine Nächsten geht. Van Veen bewegt mit Texten über ein Kind oder über seine Mutter: „Was würde ich nicht dafür geben, meine Mutter noch einmal sagen zu hören: Herman, den ganzen Quatsch, den hast du nicht von mir."
Quatsch gibt es auch. Van Veen spielt einen Utrechter, der wegen Erektionsproblemen im Krankenhaus ist. Ein schamloser und komischer Monolog über sexuelle Erregung im falschen Moment. Zusammen mit Erik van der Wurff spielt er einen Betrunkenen, um den Act wieder abzuwechseln mit einem zärtlichen Lied. 

Edith Leerkes, barfuß, beeindruckt mit ihrem bezaubernden Gitarrenspiel (ihre großartige CD "Etude Feminine" ist ebenfalls zu empfehlen), und die Spielfreude aller Musiker wirkt ansteckend. Und so geht dieses Programm von Höhepunkt zu Höhepunkt, nicht ohne noch kurz ein politisches Statement über Toleranz zu machen. Van Veen beendet sein Programm melancholisch mit "Cirkels", einem seiner schönsten Texte und einem tollen Lied für seinen Enkel. Einen solchen Opa gönnt man jedem und eine solche Vorstellung gönnt man jedem Theaterbesucher: das ist ohne Zweifel eine der besten Kleinkunstvorstellungen der Saison. 

DE TELEGRAAF (19. Mai 2008)

Dienstag, 13. Mai 2008

Am 12. Mai haben wir unsere Galerie in der Kerkstraat eröffnet. Dort hängen und stehen an die vierzig Werke. Große und kleine Bilder für den, der sie sehen will. 

Es sind stressige Tage. Vorvorgestern spielten und sangen wir vor 2500 Leuten in einem Superzelt in Rhenen, vorgestern "Pom pom pom" vor ein paar hundert Vätern und Müttern mit ihren Kindern in Hoofddorp, gestern Morgen waren wir in Heemstede in einem renovierten Kutschenstall, morgen spielen wir in Nijmegen und dann zweimal in Almere. Dort waren wir noch nie. Das gab's, als ich zu singen anfing, noch gar nicht.
Wir reisen noch bis Anfang Juni. Dann bleiben die Geige und die Gitarre wegen der EM in der Kiste. An Marco van Bastens Frisur wird deutlich, dass er kurzen Prozess machen wird. Ich hoffe, dass Rijkaard einen niederländischen Club trainieren wird. Ich habe eine Schwäche für ihn. Er ist ein Aufatmen in diesem doch ganz schön begrenzten Fußballgeschehen. Ein Fan. 

Ich sehe ab und zu Handgelenke mit einem orangenfarbenen Wollbändchen. Aktiver Protest. 

Ich möchte mich bei allen Kindern für die schönen Bärenzeichnungen bedanken, die wir bekommen . Es sind schöne Bären dabei. Das Buch von "Pom pom pom" ist schön geworden. Erfrischend. Das darf es auch sein bei diesem Wetter. Ich zieh mich schon gar nicht mehr an.

Freitag, 9. Mai 2008

We’re watching you

Die Sonne scheint, und langsam verwandelt sich die Stadt in Weite und Weiden, in Baarn, Soestdijk, und an der Haltestelle Soest steige ich aus dem Zug. Das Dorf feiert ein Fest, und mir ist, als ginge ich über einen französischen Markt, allerdings über einen mit holländischem Käse. Durch den Geruch von Waffeln und Fritten gehe ich weiter zum Studio, in dem wir heute proben. Pferde, es riecht nach Gras und Landluft, ein kleines Stück Paradies. Es ist toll hier. Mit der Sonne im Gesicht gehe ich den Weg hoch und halte noch kurz bei den kleinen Hirschen, bevor ich das Studio betrete.

Nach einer herzlichen Begrüßung mit Kaffee und Waffeln beginnt die erste Probe des Projekts “We’re watching you“, geschrieben von Herman van Veen, der auch Regie führt. Er hat es verfasst für einen Kongress am 28. Mai in der RAI, zu dem aus der ganzen Welt wissenschaftliche Mitarbeiter molekularer Angelegenheiten kommen. „Es ist eigentlich ein getanzter Bombenalarm,“ meint Herman. In dem Stück “We’re watching you“ will Herman den Unsinn der Security zeigen. Während des Kongress wird die Vorstellung auf große Bildschirme projiziert, wodurch das Publikum mehr oder weniger Leidensgenosse des Bombenalarms wird.
Am 27. Mai ist “We’re watching you“ zu sehen im Theater Singer Laren als Gastauftritt bei der musikalischen Vorstellung „Etude Feminine“ von Edith Leerkes, bei der ebenfalls Herman Regisseur war.

Wer fangen mit dem Anfang an. Saallicht aus, Band läuft und Action.
Das wird ein paar Mal geprobt, und dann tritt Jur (der breakdancende Putzmann) im rechten Moment auf und steht für den Beginn. Hierauf baut Herman weiter auf. Nach und nach kommen immer mehr Personen in die Geschichte. Wir sind insgesamt zehn Tänzer und Tänzerinnen. Sobald das Band zu laufen beginnt, stoppt es nicht mehr - wie ein Videoclip mit vorbeiziehenden Figuren, von denen jede ihren eigenen Abdruck hinterlässt. Der Breakdancer, der Ballonverkäufer, der japanische Akrobat, das Tangopaar, die Stewardessen, die Internatsschülerin … alles Passanten und Teil der Geschichte. Da, wo er interessante Bewegungen sieht, nimmt er sie heraus und baut so den Tanz in die Geschichte ein. „Versuch dich selbst zu wiederholen“, „Sei dir der Bewegung in deinem Körper bewusst“. Er ist gleichsam der Maler, der mit uns seine Vorstellung malt.

Nach dem Lunch kommt ein Linedancer, um mit uns ein Stück Linedance in der Vorstellung zu erarbeiten. Neue Schritte und strenge Richtungsführung - macht Spaß, einen neuen Tanzstil zu lernen. Linedancing gehört nicht zu meinen täglichen Verrichtungen. Am Ende des Tages steht die Vorstellung in der Grundfarbe. Eine Vorstellung ist so gut, wie die schlechteste Technik, sagt Herman, das heißt von jetzt an üben, wiederholen und perfektionieren. Es war ein schöner produktiver Tag. Ich finde es sehr inspirierend, mit Herman van Veen zu arbeiten. Die Art, wie er schaut und mit Menschen arbeitet, finde ich großartig:
„Ich schaue auf die Stärke der Menschen. Man kann sich die Dinge nicht ausdenken, sich nur daran erinnern und dem dann eine künstlerische Form geben.“

Linnet van der Wal

Dienstag, 6. Mai 2008

De wereld draait door

Ich saß mit meiner Tochter Babette am Tisch bei der Sendung “De wereld draait door“. Jan Smit, einen jungen Kollegen, habe ich fühlen lassen, wie stark und flexibel meine Pomuskeln sind, die meine Stimmbänder bei gesanglichen Leistungen total unterstützen. Er durfte sogar reinkneifen. Das hat einiges angerichtet. TROUW: „Novum: Jan Smit machte an den angespannten Gesäßmuskeln seines Kollegen Herman van Veen rum.“ FOKNIEUWS.NL: „Jan Smit fasst Herman van Veen an den Hintern.“ Usw. Beim Metzger in unserem Dorf hörte ich, dass jetzt alle ihre Pomuskeln trainierten. An einer roten Ampel rief ein Amateursänger, dass es ein Welttipp gewesen sei.
Es kamen auch noch etliche Fragen zur angeblichen Unsterblichkeit. Vor der Sendung traf ich den alten Bekannten Jan Mulder. Er hat auf eine komische Weise Probleme mit dem Älterwerden. Ich tröstete ihn mit der Tatsache, dass ich in der deutschen Zeitung „Die Welt“ vom 26. April einen Artikel mit der Überschrift gelesen hatte: „Die Seele gibt es wirklich“. Die Seele existiert. „Das Bewusstsein ist neben Raum, Zeit, Materie und Energie ein weiteres Grundelement der Welt“, sagen einige Forscher. Sie weisen damit einen Weg von der Wissenschaft zur Religion. In dem Artikel steht, dass es in der Quantenphysik Wissenschaftler gibt, die glauben beweisen zu können, dass der Tod nur ein Übergang ist. Eine Rückkehr oder ein Schritt nach vorn zur schon nicht mehr bewussten Energie. Der Mensch stirbt zwar, seine Seele nicht, stellen sie fest. Ob wir uns dessen bewusst sein sollen, bleibt die Frage. Ich konnte Jan Mulder folglich beruhigen. Es gibt kein Ende. Und „Wer weiß?“
Er kam auf die Diskussion in der Sendung. Sie hatte ihn überrascht. Er suchte nach Worten. Anlässlich dieser Suche erreichten die Redaktion und uns noch allerhand Fragen zu was, wo und wieso? So sieht’s aus.

Montag, 5. Mai 2008

Gewonnen

In den letzten Tagen gab’s viel Fußball im Fernsehen.
Liverpool, Barcelona, Manchester United, Bayern München und so. Große Namen, große Fußballclubs. Guck das gern. Mit einem kalten Jenever oder einer heißen Schokolade. Hab einst davon geträumt, ein Topfußballer zu werden oder Balljunge bei Fußballländerspielkämpfen. Ist nie dazu gekommen.
Hab sehr viel gefußballt. Auf der Straße, gegen den Bordstein, auf dem Schulhof und später bei einem echten Club. Fast zwanzig Jahre im Flügel beim Stolz unseres Dorfes.

Schulfußball fand ich am besten. Vor allem das Osterturnier. Da spielte man gegen die Schulen aus der Nachbarschaft. Auch gegen die Vornehmen, wie zum Beispiel die Königin Wilheminaschule, auf der die reichen Kinder saßen.
Sie hatten alles. Schöne weiße, gebügelte Hosen, gestreifte blaue Shirts und Socken. Richtige Fußballschuhe und echte Schienbeinschoner. Wir spielten in Turnschuhen und in unseren ausgewaschenen Gymnastikklamotten. Ohne Hemmung.
Wir erreichten irgendwann das Finale. Mussten gegen die Reichen antreten, die gelassen spielten oder so, wie der Niederländische Dichter Wilmink sagt: „Gelassen und mit Verstand“. Wir waren Straßenköter. Traten, was wir treffen konnten. Alles, um zu gewinnen.
Letztendlich spielten wir unentschieden. Elfmeter, die wir verloren, weil Alex beim Schießen seines Strafstoßes anstelle des Balls seinen rechten Turnschuh in die rechte obere Ecke schoss. Wir waren in Tränen aufgelöst, wollten vor Scham nicht mehr leben. Meister Mok sagte noch, um uns zu trösten, dass wir den Fußballwettkampf zwar verloren, aber den Klassenkampf gewonnen hätten.
Was hatte ich nun davon?