Montag, 16. November 2009

Manchmal

Manchmal gibt es keine Sonntagsgedanken.

Scheint alles grau in grau.

Die Steine, die Bäume, die Menschen, der dünne Regen.

Durch die dichten Fenster meines Hotelzimmers

dringt kein Ton von außen herein.

Das sanfte Rauschen der Lüftung,

das Spülen der Toilette durch ein Zimmermädchen,

das ist alles, was ich höre.

Das Telefon.

Mein Sohn fragt, wie es geht.

Denke: die Stille nach dem Sturm.

Und antworte, dass ich glücklich bin, nicht umgeweht worden zu sein.


Um unser Haus tobte in den letzten Tagen

ein heftiger Sturm.

In keinem Wetterbericht angekündigt.

Es begann mit einem fragenden Hauch,

einigen Bewegungen

und artetet in eine Kakophonie aus.

Die Amseln, Drosseln, Elstern und Krähen, Spechte,

flogen kreuz und quer und kreischten wild durcheinander,

während die Bäume drohend krachten.

Und als der Wind sich legte,

lagen Äste, Federn, Blätter und Dachziegel

wie ein Mikado Herbstspiel überall verstreut.

Manchmal gibt es keine Sonntagsgedanken.

Bis dahin ....


Ich sehe ein Mädchen auf dem Fahrrad.

Es lacht und winkt

einer Frau mit Kopftuch.

Sie trägt auf ihrem Rücken,

wie ein Kind in einem Geschirr,

eine Geige.

Montag, 9. November 2009

Grippe

Da standen wir nun, die niederländischen Babyboomer,

die Ausgelieferten, die Risikogruppe.

Jeder oberhalb, unter und um die 65 muss sich impfen lassen. 

So wie sich einst alle Bürger in biblischen Zeiten einschreiben lassen mussten,

um gezählt zu werden.

Impfen gegen die Influenza.

„So behalten wir die Grippe im Griff“, stand im Brief vom Doktor.

Alles was kahl, weiß oder grau war,

schwach oder gefährdet durch Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen,

Diabetes, Nierenentzündungen oder Behandlungen durch Chemotherapie

und Frauen, die 13 Wochen oder länger schwanger sind,

versammelte sich zu einem bunten Bürgeraufzug.

Brav und nicht gestellt, der Bauer und der aufs Land Gezogene,

der Nachbar und sein Gegenüber. 

Jacke aus, Ärmel aufkrempeln beim Hausarzt und Arzthelferinnen.


“Ja“, sagt eine Dame, “bis zu meinem 40sten war ich recht zufrieden als Frau,

danach wollte ich ein Mann werden,

denn die werden erst nach ihrem 40sten nett.“

Es hat etwas Bewegendes, dort so miteinander zu warten

und entlang der Rhodododendren nachzurücken

bis hinein ins Medizinische Zentrum.

Die nassen Mäntel an den Gardarobenständer,

Gekicher, Geplauder und  danach “Tschüss,

bis bald bei der nächsten Spritze gegen eine neue Grippe.“ 


“De A (H1, N1), eine Spritze, wonach man sich ein paar Tage lang

nicht lecker fühlen könnte,

aber von der Spritze selbst kann man keine Mexikanische Grippe kriegen“,

sagt ein uraltes Männlein. 

Sollte es anschließend noch Beschwerden geben,

dann können wir uns im Niederländischen Zentrum für Nebenwirkungen melden, 

steht da mit Filzstift an eine Wand geschrieben. 

An alles wurde gedacht.

Nun bleibt nur zu hoffen, dass das Virus nicht in eine Variante mutiert,

wovon wir nicht zu träumen wagen.

Mit dieser zielgerichteten Impfung können wir das aber vielleicht vermeiden.

Montag, 2. November 2009

Rukuku

An der Grabenseite stehen 

in der trockenen Herbstluft 

eine fast kahle Eiche und eine Birke. 

Nicht weit von einander. 

Die Unterseiten ihrer Stämme 

von Schafen glattgescheuert. 

Was genau sind sie von einander, 

diese beiden Bäume? 

Tante, Onkel,

Nachbar, Nachbarin,

Neffe, Nichte? 

Was haben sie gemeinsam? 

Worüber wiegen sie, wenn der Wind weht? 

Worüber schweigen sie, wenn es windstill ist?

Wissen sie, dass sie da stehen? 

Kitzeln es, wenn ein Rotkehlchen 

unsichtbare Dinge von ihren Zweigen pickt?

Erkennen sie, dass ich hier 

bibbernd und schamlos 

dastehe und sie betrachte.

Dasselbe und doch ganz anders -

ihr Spiegelbild im Wasser. 


Seit Jahren versucht meine Frau

ein Wort für meine Tochter 

aus erster Ehe zu finden. 

Was ist sie von ihr? 

Stieftochter – klingt so schneewittchenartig.

Ich finde ‚Stief’, ist ein hässliches Wort. 

Die Tochter meines Mannes? 

Zu lang und zu distanziert. 

Es gibt manchmal einfach keine Worte 

für das, was wir voneinander sind. 

Ein Mann, der seine Frau verliert, 

heißt Witwer. 

Eine Frau, die ihren Mann verliert, 

nennt man Witwe. 

Wie aber nennt man Eltern 

von einem gestorbenen Kind? 


Was sind die beiden Bäume 

am Wassergraben von einander? 

Was sind wir von ihnen?

Was sind sie von uns?

Was ist der Himmel von der Erde? 


Eine Taube fliegt über meinen Kopf 

und lässt einen Klecks Taubenscheiße 

auf meine Glatze fallen. 

Sie ist niemandem zugehörig, 

ich bin etwas, worauf man scheißt.

Montag, 26. Oktober 2009

Der Wind

Wir fahren durch das hügelige Land von Mecklenburg-Vorpommern. 

Wälder, Felder, Seen.

Hier und da ein Fasan, einige schüchterne Rehe,

ein Hase, ein Radfahrer, ein Dorf.

Auf einer zweispurigen Straße überholten uns in irrsinniger Weise

ein paar Bekloppte in einem grünen Auto.

Verfolgt von einem jaulenden Polizeiwagen. 


Ein paar Kilometer vor Neubrandenburg

wurden wir winkend von einem Jungen begrüßt,

der auf einem Hügel seinen Drachen steigen ließ.

Bilder strömen durch meinen Kopf.

1951, ich bin sechs Jahre, mein Vater und ich

sind im Wohnzimmer damit beschäftigt,

aus Holzleisten und Zeitungspapier einen Drachen mit einem Schwanzschnur

voll mit Papierstückchen zu bauen.

Wir gingen auf dem Dreieck Drachensteigen,

das war ein kleines Weideland von den Toren der Stadt. 

Nicht lange tanzte der Drachen in der Luft.

Das Zeitungspapier riss.

Traurig zurück nach Hause.

Nächste Woche wollten wir einen neuen Drachen bauen.

Diesmal ganz und gar aus glänzendem Drachenpapier.

Auch dieser Drache packt es nicht.

Nach fünf Minuten schon macht der Wind kurzen Prozess.

Hab Mama gefragt, ob sie einen aus Stoff machen könnte.

So einen, wie er im Schaufenster vom Scherzartikelladen hängt.

Das chinesische Modell eines Drachen, der Feuer speit.

Aus dünnen Bambusstöckchen und feiner Baumwolle.


Zwei Wochen später geht’s auf nach Katwijk aan Zee.

Kann es kaum erwarten, am Strand meinen Drachen steigen zu lassen.

Fantastisch. Nichts reißt, nichts bricht.

Mein Stoffdrache fliegt wie ein großer Vogel über der Brandung.

Das Seil straff in meiner Hand. 

„Herman, Herman, willst du ein Eis?“ ruft meine Schwester aus den Dünen. 

„Ja, aber ich kann nicht weg, ich lass doch meinen Drachen fliegen.“

„Binde den Drachen doch am Halsband vom Großspitz fest!“ 

„Am Spitz?“ Hm, er ist stark genug, warum eigentlich nicht? 

„Sitz! Bleib! Bin gleich zurück.“ 

Ich rannte zum Eisverkäufer

und schleckte dann das Eis so schnell, wie ich konnte.

Scheinbar nicht schnell genug.

Den Drachen haben wir mittags beim Leuchtturm komplett wiedergefunden.

Vom Hund fehlte jede Spur.

Montag, 19. Oktober 2009

Boeing

Wir fliegen über die Alpen

in einer blauen Boeing 737

von Südfrankreich zurück in die Niederlande.

Einige Wolken am Himmel,

leichter Gegenwind.

Ich liebe es nicht sonderlich zu fliegen.

Die Stühle sind zu klein,

der Raum ist zu eng,

man kann sich nicht mal eben die Beine vertreten und

man sieht zudem nicht, wer da vor einem fliegt.


Meine Frau sitzt am Fenster.

Sie liest.

Mit einem Lächeln schlägt sie ruhig Seite für Seite um.

Eine Biografie über den sowjetischen Prima Ballerino Rudolf Nureyev.

Ab und zu hält sie inne,

um mir zu erzählen, was sie gerade gelesen hat.

Er hatte kein einfaches Leben.

Die Russen wollten ihn erledigen,

nachdem er im Ausland Asyl gefunden hatte.

Das ist den Schurken aber glücklicher Weise nicht gelungen.

Wenn es anders gekommen wäre,

würde meine Frau jetzt nicht so süß dasitzen und lesen.


Ich verstehe, dass unser Steward heute Abend

das erste Mal mit einer neuen Flamme ausgehen wird.

Er erzählt seiner Stewardess Kollegin

überraschende Details.

Sein neuer Freund kommt aus Apeldoorn

und ist Innenarchitekt, kann herrlich tanzen

und scheint ein meisterhafter Küsser zu sein.

Hinter mir sitzt eine Frau

die unregelmäßig bellend hustet,

wodurch sich dann das wenige Haar, das ich habe, bewegt.

Hoffentlich ist das, was sie wegbellt,

nicht zu ansteckend.

Wir müssen morgen in Koblenz singen,

dabei kann ich auf eine Erkältung

wie auf Zahnschmerzen gerne verzichten.


Wir sinken etwas.

Der Himmel ist violett-blau.

Links von mir

knallt die Sonne

ein prächtiges Licht herein.


Ob ich noch etwas Tee möchte.

„Gern, mit einem Keks.“

Sie servieren in dieser Boeing

herrliche kleine runde Stroopwafeltjes.

In der Zeitung, die ich nochmals durchblättere,

steht eigentlich nur lauter Elend.

Unruhige Banken,

Probleme mit dem nuklearen Abfall,

drohende Terroristen,

eine Geschichte über einen pädophilen Bademeister,

die üblichen Sportberichterstattungen,

gute und schlechte Kunstkritiken,

der Wetterbericht, der Kälte vorhersagt,

Stücke von Menschen, die über das schreiben,

was gestern in der Zeitung stand,

eine Karikatur von Obama,

eine Taube, die nicht fliegen kann,

wegen der schweren Medaille um ihrem Hals.


Der Himmel ist inzwischen herrlich dunkelrot.

Könnte man die Farbe nur mitnehmen.

Es würde ja doch nicht möglich sein.

Die Luft ist genau wie Schnee,

man kann sie nicht bewahren.

Was ich mit der Farbe tun würde?

Würde sie jedem zeigen, der rote Farbe liebt

und sie danach dem Himmel zurückgeben,

für wieder andere Menschen,

die in blauen Boeings 737 vorbeifliegen.

Montag, 12. Oktober 2009

Ich werde ganz still sein

Werde wach von einem Glockenspiel.

Wo bin ich? In welchem Hotel?

Neun Uhr blinkt der digitale Wecker.

3. Oktober. Tag der Deutschen Einheit.

Die Bundesrepublik hat Geburtstag.

Wird heute sechzig Jahre und vor zwanzig Jahren fiel die Mauer.

„Geteilt so einig, vereint so uneins.“

Das wird heute gefeiert.


Schaue aus dem Fenster. Sehe, dass es still auf der Straße ist.

Es hängt keine Zeitung an meiner Türklinke.

Im Fernsehen sehe ich Bilder von Mickey Mao-Land.

Auch die Chinesische Volksrepublik feiert ihr sechzigjähriges Bestehen.

Auf dem Platz des Himmlischen Frieden schauen sich einhundertachtzigtausend Menschen

bunte, stramm marschierende Kolonnen und vorbeirollendes Kriegsgerät an.

Es hat etwas Angsteinjagendes.

Präsident Hu Jintao preist das Volk und sich selbst.


Inmitten der gedrillten Festfreude

liegt irgendwo auch stumm der einbalsamierte Leichnam des Mannes,

mit dem alles begann.

In einem Mausoleum, zu groß für seinen windigen Leib.

Hunderte Male aufgefrischt, geschminkt, nachgebessert.

Noch stehen jeden Tag hunderte Menschen in der Schlange,

um einen Blick auf das undichte Gesicht von Mao Tse-Tung zu werfen.

Der große Vorsitzende und Gründer der Volksrepublik China.

Darüber, was er angerichtet hat, über seine Standpunkte

wird beim Reis nicht mehr gesprochen.

Offiziell ist es jetzt so, dass man in China sagen darf,

dass er siebzig Prozent ‘Gutes’ und dreißig Prozent ‘Schlechtes’ tat.


Die ‘Suite’, in der ich wohne, besteht aus zwei Zimmern mit Balkon.

Ein einfaches Zweibettzimmer mit Zwischentür zum Wohnraum.

901 und 903, zwei Schlüssel an zwei schweren Schlüsselanhängern

für den Fall, dass man sie stehlen will.

Fast vierzig Jahre komme ich hier in diese Stadt alle drei Jahre spielen.

Vier Nächte. Jedes Mal wieder dieselben Zimmer. 

Schlief hier noch, das ist so an die 25 Jahre her,

mit meinem Vater in diesem kleinen Doppelbett.

Er in seiner Schlapperunterhose, ich mit meinen karierten Boxershorts. 

Hab kein Auge zugemacht. Mein Vater schnarchte formidabel, wie ein Holzsägewerk.

Und wenn er sich umdrehte, lief ich Gefahr,

ein Auge blau geschlagen zu bekommen.

Mein Vater, der in diesem Hotel des vornehmen Schwimmbades verwiesen wurde,

weil er dennoch tauchte, obwohl da deutlich geschrieben stand: “No diving”.


In diesem Hotel, wo wir nächtelang mit Aloïs Kurzmann durchsaßen

und über unsere, inzwischen den Geist aufgegebene, Zeitschrift ‘Pierrot’ diskutierten,

in der wir Menschen zu Wort kommen ließen, die in unseren Augen voran gingen,

die damit beschäftigt waren, die Welt zu verändern.

Revolutionäre, Künstler, Wissenschaftler,

Tänzer, Sänger, Musikanten.

Wir hatten, das sag ich mit gewissem Stolz,

beispielsweise das erste Interview im Westen mit Michael Gorbatschow, ein Novum.


Das Hotel, wo uns Jochen Albrecht von unserer Schallplattenfirma Polydor

alles besorgte, was nötig war, um lange Nächte zu überstehen.


Aloïs ist tot, Jochen ist tot, Ich weiß es noch.


Das Hotel, in dem wir mit Hannovers eigenem Dichter-Musiker, plauderten und an Texten feilten

mit dem radikalen, bittersüßen Heinz Rudolf Kunze,

von dem ich so viele deutsche Worte singe.


In dem Hotel, wo ich Stunden mit meiner Frau am Telefon hing,

als unsere Ehe noch an einem seidenen Faden hing.

Nichts an diesen beiden Zimmern hat sich verändert.

Alles steht noch, unberührt.

Der Schreibtisch, der Schrank, das Tischchen,

die Nachtschränkchen, sie sind nicht glänzend braun, eher grau

und voller Flecken von Gläsern, Flaschen, ausgedrückten Zigaretten.

Der Balkon ist verwittert, der Beton rottet.

Wage mich nicht, hinaus zu treten.

Der Teppich kräuselt sich an den Rändern.

Er ist genau wie die Schränkchen voll mit Beweisen für Umgefallenes,

Getropftes, Gekleckstes, Umhergeworfenes.

Auch die Äpfel in der Schale ähneln diesem Anblick.

Ich falle jedes Mal wieder darauf herein.

Denke stets, wenn ich wieder nach Hannover fahre: 

‚Sie werden das Hotel inzwischen ganz bestimmt renoviert haben?’


Jetzt reicht es mir. Hab es satt.

Als ich mich nach dem Duschen abtrockne,

bin ich von dem zu oft gewaschenen Handtuch voller weißer Fusseln.

Brauche gut zehn Minuten, um die wieder abzuzupfen.

Es ist einfach ein schlampiges Hotel,

wenn auch mit besonderen Erinnerungen.


‘Herr Van Veen, darf ich heute Nacht nicht bei Ihnen schlafen?

Mein Fahrrad wurde gestohlen, der letzte Bus ist weg,

habe kein Geld für ein Taxi.

Ich muss hier morgen sowieso wieder bei einer Vorlesung für Psychologie sein.

Ich werde ganz leise sein.

Und wenn Sie mich dann küssen wollen,

es niemals jemanden erzählen?’

Montag, 5. Oktober 2009

Das Tor

Ich lausche dem Geräusch von Tausenden vorbei rennenden Füßen.

Morgen beginnt der Herbst. Heute sind es noch 24 Grad über Null.

Berlin, Brandenburger Tor, Marathon.


Das erinnert mich an das Geräusch von Turnschuhen

auf dem Asphalt der Singel, der Utrechter Singel,

von einem Dichter einst als Gürtel der Zärtlichkeit umschrieben.

Die Singel bei uns um die Ecke.

Als ich noch ein Junge war, fand da ein Mal im Jahr

der Singellauf statt.

Es waren keine vierzigtausend Menschen wie heute in Berlin, aber Hunderte.

In Kinderaugen sicher genauso viel.


40923 Läufer. Aus der ganzen Welt.

Von einer Million Zuschauern am Straßenrand verfolgt.

Ich sehe, wie an der anderen Seite des Brandenburger Tores

der Äthiopier Haile Gebrselassie wie ein Cäsar

mit Siegeskranz aus Lorbeerblättern und einer goldenen Medaille gekrönt wird.

Kurz darauf erfolgt dasselbe mit Atsede Habtamu Besuye, der Gewinnerin.


Bestaune die bunte Welt, die vorbei rennt.

Alt, jung, schwarz, weiß, braun, gelb, ein wogender Regenbogen.

Trommeln. Musik. Applaus. Tränen vor Freude. Tränen vor Erschöpfung.

Trinkende, kotzende, lachende Menschen.

Eine verblüffend alte Frau aus einem fernen Land humpelt in Richtung Ziel.

So weit ist es noch.

Hundert Meter vorm Brandenburger Tor steht sie – ihre Nase fast auf ihren Knien – still. 


Wird sie sterben?


Sie taumelt, sie zuckt am ganzen Leib, richtet ihren Rücken auf, breitet die Arme aus,

kniet, betet, steht auf und schleppt sich unter dem Brandenburger Tor hindurch über die Ziellinie.

Ovationen. Ich muss weinen.


Dieses Tor, dieser Siegesbogen, diese Narbe aus Stein.

Als ich geboren wurde, marschierten hier noch Hitlers Schergen.

Als ich fünfunddreißig war, lag hier noch ein Minenfeld,

das ich vom Osten aus mit meinem törichten Kopf überqueren wollte.

Nun stehe ich hier, bin vierundsechzig Jahre und sehe eine Welt laufen,

als ob da nie etwas anderes war als dieses ausgelassene Herbstfest.


Fortsetzung folgt

Montag, 28. September 2009

Der Tag des Herrn

Hans Beelen ist ein Niederlandist, der an der Universität von Oldenburg tätig ist,

nicht weit von der spannenden niederländischen Stadt Groningen entfernt.

Früher hieß der oldenburgsche Teil von Deutschland auch Niederlande. 

Anderthalb Jahre hat dieser Wissenschaftler

in beharrlicher Sprachkenntnis und mit Ehrenamtlichen

offenbar an einer Internetversion der Emder-Bibel aus dem Jahre 1562 gefeilt.

Diese Deux-Aes Bibel wurde seinerzeit in Deutschland benutzt,

das heißt in den Niederlanden,

und ist deshalb also Niederländisch.

Mit Deux-Aes wird auf ein Würfelspiel verwiesen.

Dabei bedeuten Deux-Aes (1 und 2) einen niedrigen Wurf, heißt: arme Menschen besitzen nichts.

Die Reichen haben Six-Cinq, also hohen Wurf (5 und 6) und geben nichts

und der Mittelstand hat Quatre-Trois, (also 4 und 3) und ist bereit zu helfen.

Daher die Bibel der Armen.


Die Renaissance, wörtlich Wiedergeburt,

kennzeichnete das Ende des Mittelalters.

Die Macht von Kirche und Staat verlor ihren absoluten Charakter.

Europa fiel in einzelne Teile auseinander

und nationalistisches Denken begann die christlich-römische Welt zu ersetzen.

Noch stets aber bestimmte die Obrigkeit, was ihre Bürger zu glauben hatten.

Nur war das nun der nationale und nicht der heilige römische Kaiser.

Im Übrigen brannten die Scheiterhaufen in lutherischen und calvinistischen Gegenden

genauso stark wie in römischen Gebieten.


Es entstand ein Hunger nach Bibeln in der Landessprache.

Und die inzwischen erwachsen gewordene Buchdruckkunst,

eine niederländische Erfindung,

befriedigte diesen Hunger mit einem Strom gedruckter Versionen.

Dank Luther kam das Volk zum ersten Male seit tausend Jahren

wieder in direkten Kontakt mit dem Wort Gottes.


Jetzt ist es also im Internet zu lesen und es scheint, als wüssten wir es schon längst,

dass Deutsch tatsächlich nichts anderes als merkwürdig ausgesprochenes Niederländisch ist.

Man muss nur an das Wort huichelen denken – auf Deutsch, heucheln. 

Oder an oponthoud -Aufenthalt.  

Vuurwerk - Feuerwerk. En zo maar door - und so weiter. 

Es ist einfach nur eine Frage von diefstal - Diebstahl.  

Verontschuldiging - Entschuldigung.

Montag, 21. September 2009

Der Pferdemetzger

Von der Küche aus schaue ich auf eine Wiese

und sehe fünf Pferde grasen. 

Zwei gehören Barbara, der Tochter der Nachbarin,

zwei Kim, unserer Pferdeflüsterin

und eins meiner Frau.

Die Tiere haben es gut bei uns. 

Eine Scheune, eine Weide für den Winter, eine Weide für den Sommer. 

Regelmäßig kommt der Tierarzt zur Kontrolle,

der Schmied für das Beschneiden der Hufe

und zum Beschlagen der Eisen. 

Es gibt einen Reitplatz für große Runden,

einen für kleine. 

Sie werden jeden Tag geritten, massiert,

gesäubert und gestriegelt und ihnen wird sanft zugesprochen. 

Am Wochenende bekommen die Pferdedamen

gelegentlich Zöpfe in die Mähnen geflochten.

Ja, die Tiere sind reich mit den Frauen Gaëtane, Barbara und Kim. 


Wie anders erging es den Pferden, mit denen ich als Kind zu tun hatte. 

Gut fünfzig Meter von unserem Haus war der Pferdemetzger.

Durfte ihm beim Schlachten gern zur Hand gehen,

um Fleisch für die Armen zu bereiten.

Zuerst gingen wir auf dem Viehmarkt.

Dort kaufte der Schlachter dann zwei Pferde.

Vorzugsweise junge Reitpferde.

Pferde von ein oder zwei Jahren.

Die hatten das leckerste Fleisch,

saftig und mit feiner Faser.

Die Farbe ist heller als bei älteren Pferde.

Manchmal kaufte der Metzger ein Fohlen.

Am liebsten eins von den belgischen Pferden,

einen Brabanter, so zart wie Kalbfleisch. 

Die Tiere wurden getötet und aufgehängt,

um nach einem raschen Schnitt in den Hals auszubluten.

Blut, das für Blut- und Tiegelwurst benutzt wurde.


Alles vom Pferd wurde verwendet.

Die Mähnen für Bürsten.

Das Fleisch für Steaks, Filet, Hackfleisch, Wurst.

Abfallfleisch für Kroketten und Frikadellen. 

Wenn ich half, wurde ich

mit einem zugebundenen Geschirrtuch voll mit Stücken

ganz nach meiner Mutter Geschmack bezahlt. 

Wir aßen damals viel Pferdefleisch,

einfach weil es viel billiger als Kuh, Schaf oder Schwein war.

Dass Pferdefleisch viel weniger Fett hat und reicher an Eisen ist als Rind- und Schweinefleisch,

spielte dabei absolut keine Rolle.

Außer dann, als ich an Blutarmut litt

und Dr. Snijder sagte, dass es das Beste wäre, wenn ich Pferdefleisch essen würde. 


Habe vor kurzem gelesen, dass Pferde kein BSE, keine Maul- und Klauenseuche, Schweinepest oder Vogelgrippe bekommen. 

Einen Moment ..., einen Moment nur

denke ich an die Alternative, die ich da grasen sehe. 

Als meine Frau hereinkommt, frage ich: "Soll ich heute Abend was kochen?" 

"Ja" 

"Ich dachte an ein Hühnchen."

Montag, 21. September 2009

Der Tag des Herrn

Hans Hans Beelen ist ein Niederlandist, der an der Universität von Oldenburg tätig ist,

nicht weit von der spannenden niederländischen Stadt Groningen entfernt.

Früher hieß der oldenburgsche Teil von Deutschland auch Niederlande.

Anderthalb Jahre hat dieser Wissenschaftler

in beharrlicher Sprachkenntnis und mit Ehrenamtlichen

offenbar an einer Internetversion der Emder-Bibel aus dem Jahre 1562 gefeilt.

Diese Deux-Aes Bibel wurde seinerzeit in Deutschland benutzt,

das heißt in den Niederlanden,

und ist deshalb also Niederländisch.

Mit Deux-Aes wird auf ein Würfelspiel verwiesen.

Dabei bedeuten Deux-Aes (1 und 2) einen niedrigen Wurf, heißt: arme Menschen besitzen nichts.

Die Reichen haben Six-Cinq, also hohen Wurf (5 und 6) und geben nichts

und der Mittelstand hat Quatre-Trois, (also 4 und 3) und ist bereit zu helfen.

Daher die Bibel der Armen.


Die Renaissance, wörtlich Wiedergeburt,

kennzeichnete das Ende des Mittelalters.

Die Macht von Kirche und Staat verlor ihren absoluten Charakter.

Europa fiel in einzelne Teile auseinander

und nationalistisches Denken begann die christlich-römische Welt zu ersetzen.

Noch stets aber bestimmte die Obrigkeit, was ihre Bürger zu glauben hatten.

Nur war das nun der nationale und nicht der heilige römische Kaiser.

Im Übrigen brannten die Scheiterhaufen in lutherischen und calvinistischen Gegenden

genauso stark wie in römischen Gebieten.


Hans Es entstand ein Hunger nach Bibeln in der Landessprache.

Und die inzwischen erwachsen gewordene Buchdruckkunst,

eine niederländische Erfindung,

befriedigte diesen Hunger mit einem Strom gedruckter Versionen.

Dank Luther kam das Volk zum ersten Male seit tausend Jahren

wieder in direkten Kontakt mit dem Wort Gottes.


Jetzt ist es also im Internet zu lesen und es scheint, als wüssten wir es schon längst,

dass Deutsch tatsächlich nichts anderes als merkwürdig ausgesprochenes Niederländisch ist.

Man muss nur an das Wort huichelen denken – auf Deutsch, heucheln.

Oder an oponthoud -Aufenthalt.

Vuurwerk - Feuerwerk. En zo maar door - und so weiter.

Es ist einfach nur eine Frage von diefstal - Diebstahl.

Verontschuldiging - Entschuldigung.